Top-Thema vom Montag, 10. September 2007
Goldener Löwe für Ang Lee
Der taiwanesische Regisseur Ang Lee hat den Goldenen Löwen der 64. Filmfestspiele von Venedig bekommen. Ausgezeichnet wurde sein Spionage-Krimi aus den 1940er Jahren: "Se, jie" (Lust, Caution). Die Zeitungen kritisieren den Wettbewerb und sorgen sich wegen zunehmender Konkurrenz um die Zukunft des venezianischen Festivals.
Die Presse - Österreich
Christoph Huber ist mit der Jury-Entscheidung für Ang Lees "Se, jie" sehr einverstanden: "Der zwischen den USA und Asien pendelnde Autorenfilmer belebte dabei auch das für Chinas Kino so wichtige Shanghai-Melodram der Kriegsjahre wieder: 'Lust, Caution' (im chinesischen Original Se, jie) zeigt den Regisseur als Übersetzer zwischen Ost und West, der elegant Themen und Formen der filmischen Traditionslinien zweier Kontinente zur tiefgründigen Krimistudie kombiniert... Dem Zusammentreffen der zwei Kinematografien entsprechen auch die zwei großen Bewegungen, in denen Lee seinen zweieinhalbstündigen Film entwickelt: Wie die Motive der ersten Hälfte in der zweiten gespiegelt und variiert werden, verleiht seiner Tragödie ihre Kraft. Zumal Venedig-Direktor Marco Müller vorab Amerikas und Asiens Kino als das wesentliche der Gegenwart annoncierte, war 'Lust, Caution' ein idealer Sieger. Allerdings auch als Ausnahmefall in einem beeinträchtigten Wettbewerb: Ein Film, auf den sich (fast) alle einigen können, ohne dass künstlerische Abstriche notwendig wären." (10.09.2007)
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La Stampa - Italien
Simonetta Robiony stellt fest, dass in den letzten Jahren als einziger europäischer Regisseur Mike Leigh den goldenen Löwen gewonnen hat. "Der taiwanesische Regisseur Ang Lee hat bereits den zweiten goldenen Löwen bekommen und damit für eine Debatte gesorgt. Festivalchef Marco Müller ist ein großer Kenner Chinas, er mag die Kultur, er liebt das chinesische Kino und spricht die chinesische Sprache. Drei goldene Löwen in vier Jahren für asiatische Filme - ist das nicht ein bisschen viel? Läuft Müller nicht Gefahr, in den Ruf zu geraten, er beeinflusse die Jury?... Die diesjährige Entscheidung war sehr umstritten, sie wurde mit Mehrheitsbeschluss getroffen und nicht im einstimmigen Konsens. Jedes Jury-Mitglied hatte seinen eigenen Lieblingsfilm. Alle waren sich aber einig, dass Ang Lees Film groß und schön ist." (09.09.2007)
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Le Temps - Schweiz
Thierry Jobin meint, die wirklich großen Filme der 64. Mostra seien nicht die, für die sich die offizielle Jury entschieden habe. "Die großen Favoriten der anderen Preise waren 'La Graine et le mulet' - ein Sozialdrama auf der Grundlage des Couscous von Français Abdellatif Kéchiche -, das Immigrationsdrama des Briten Ken Loach 'It's a Free World', das außer Konkurrenz lief, und der überzeugende Dokumentarfilm des Amerikaners Jonathan Demme über Jimmy Carters Friedensbemühungen im Nahen Osten mit dem Titel 'Man from Plains'... In dieser Art von engagiertem und verantwortungsvollen Kino findet man das wahre Festival. Davon zeugt die wunderbare Auswahl von Marco Müller und seiner Mannschaft. Das Festival ist wichtig, um moderne soziale Gewalt aufzuzeigen. Das wahre Festival zeigt sich nicht in der Entscheidung der offiziellen Jury, die offenbar großen Gefallen daran gefunden hat, sich selbst wahnsinnig ernst zu nehmen." (10.09.2007)
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Postimees - Estland
Der Film "Sügisball" (Herbstball) des estnischen Regisseurs Veiko Ounpuu hat bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 2007 den mit 20.000 Euro dotierten Orizzonti-Preis gewonnen. Die Zeitung freut sich: "Die estnische Explosion: So wird der unerwartete und rasante Aufstieg Estlands auf der internationalen Filmbühne inzwischen bezeichnet. Das rückt uns immer stärker ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Ein Land mit nur 1,3 Millionen Einwohnern, das kaum mehr als sechs Spielfilme pro Jahr produziert, war nacheinander in Cannes ("Magnus"), Karlsbad ("Klass") und Venedig ("Sügisball") präsent... Es ist aufällig, dass die preisgekrönten Regisseure der jüngeren Generation angehören und Debüttanten sind. Kadri Kousaar und Veiko Ounpuu sind überdies Autodidakten." (10.09.2007)
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Gazeta Wyborcza - Polen
Auf dem Programm der Filmfestspiele von Venedig standen viele englischsprachige Filme mit Starbesetzung, die eigentlich die Unterstützung eines Festivals nicht nötig haben, konstatiert Tadeusz Sobolewski: "Die Kommerzialisierung des Wettbewerbs war ein taktischer Zug von Festivaldirektor Marco Müller. Denn die Zukunft des Festivals in Venedig wird durch das Festival in Rom in Frage gestellt. Mit dem römischen Hauptpreis lässt sich ein neuer Film finanzieren, das ist eine ungeheure Versuchung für Produzenten und Regisseure. Hinzu kommt das neu aufgelegte Festival in Turin unter der Leitung des unabhängigen Regisseurs und Produzenten Nanni Moretti. In Italien tobt ein Festivalkrieg. Müller musste die Hollywoodstars ins Boot holen, um den Appetit seiner Sponsoren zu stillen und das Interesse der Medien zu sichern." (10.09.2007)
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