Top-Thema vom Donnerstag, 6. März 2008
Das politische Erbe Ian Paisleys
Ian Paisley, Erster Minister Nordirlands und Chef der protestantischen Democratic Unionist Party (DUP), hat für Mai den vorzeitigen Rückzug aus seinen Ämtern angekündigt. Seit einem Jahr führt er gemeinsam mit dem Katholiken Martin McGuiness (Sinn Féin) die nordirische Regierung. Paisley galt vorher als einer radikalsten Gegner eines Friedensprozesses mit den Katholiken.
Belfast Telegraph - Großbritannien
"Ian Paisley ist ein großer Mann, aber er wirft einen noch größeren Schatten auf vierzig Jahre Politik in Nordirland", schreibt die nordirische Zeitung. "Seine kräftige, brillante Rhetorik und sein steter Widerstand gegen jede Änderung in der Regierungsform oder am Status Nordirlands machten ihn für liberalere Unionistenführer zum permanenten Stachel im Fleisch. Er wurde oft verspottet für seine Unnachgiebigkeit, aber es besteht kein Zweifel, dass er sich nah am Puls des protestantischen Fundamentalismus bewegte. Er spielte virtuos mit den Ängsten der Unionisten, wobei er ihrer geradezu archaischen Furcht vor einem Ausverkauf wie kein anderer Politiker heutiger Zeit seine Stimme gab... Als er schließlich sein Lebensziel erreichte und die DUP 2003 stärkste Unionisten-Partei wurde, bereitete er die Bühne für die unwahrscheinlichste Bekehrung seit Paulus auf der Straße nach Damaskus. Kein anderer Unionistenführer hätte die DUP und Sinn Fein dazu gebracht, eine Koalitionsregierung zu bilden." (05.03.2008)
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The Irish Times - Irland
"Ist Ian Paisley ein Produkt der bewegten und gewaltsamen Geschichte Nordirlands oder hat er sie wesentlich mit verursacht und dazu beigetragen?", fragt die Tageszeitung. "Die Debatte über den DUP-Chef, der nun in Rente geht, fängt gerade erst an, die Politiker des Landes wägen die Konsequenzen seines dramatischen Rücktritts ab. Die Diskussion wird nach Paisleys Abgang als Erster Minister im Mai noch lange weitergehen - im katholisch-nationalistischen Irland ebenso wie im protestantisch-unionistischen Ulster. Keine Einschätzung wäre vollständig ohne Blick auf die gefährliche Mischung von Politik und Religion, für die Paisley so lange stand. War er ein Demagoge oder ultimativer Demokrat? Ein Mann Gottes oder des Hasses?... Die Debatte ist im loyalistischen Herzland besonders akut, wo Paisley einst als selbsternannter Verteidiger des Protestantismus herrschte - gegen eine mutmaßliche Verschwörung durch den Vatikan, unterstützt von der ökumenischen Bewegung und umgesetzt von der IRA." (06.03.2008)
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Der Tagesspiegel - Deutschland
"Der nicht ganz freiwillige Rücktritt des nordirischen Regierungschefs Ian Paisley wirft interessante Fragen über die Gestaltungsmacht von Individuen in historischen Prozessen auf", schreibt Martin Alioth. "Denn Paisley, der Geist, der stets verneinte, schuf die verderblichen Emotionen, die Nordirland für fast 40 Jahre entzweiten, ja nicht aus dem Nichts... Die lange Dauer dieses Konflikts wäre ohne den Brandstifter in der pfarrherrlichen Robe kaum denkbar gewesen. Dass dieser Mann nun als mutiger Friedensstifter in die Geschichte einzugehen wünscht, mag widerwärtig erscheinen. Aber bekanntlich wird jede Geschichte durch ihren Schluss definiert." (06.03.2008)
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Le Temps - Schweiz
Der Rückzug Ian Paisleys wird die politischen Spannungen zwischen Republikanern und Unionisten nicht verschärfen, meint Großbritannien-Korrespondent Eric Albert. "Der einst Ultraradikale ist paradoxerweise heute einer der besten Garanten der Machtteilung... Es ist nicht gesagt, dass es eine schlechte Wendung nimmt. Zum einen stellt niemand ernsthaft das Friedensabkommen in Frage. Zum anderen gilt Peter Robinson, der jetzige Wirtschaftsminister Nordirlands, als Favorit für die Nachfolge Paisleys. Der Mann ist ein Pragmatiker und führte lange Zeit den gemäßigten Flügel der Unionisten. Allerdings muss er sich gegenüber den Hardlinern seiner Partei behaupten." (06.03.2008)
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