Top-Thema vom Mittwoch, 12. März 2008
Österreich gedenkt 1938
Bei einem Festakt der konservativen ÖVP zum Gedenken an die nationalsozialistische Machtübernahme ("Anschluss") in Österreich am 12. März 1938 hat eine Rede Otto von Habsburgs für Aufregung gesorgt. Der Sohn des letzten österreichischen Kaisers hat darin Österreich als Opfer Hitlerdeutschlands bezeichnet und den Massenandrang auf dem Wiener Heldenplatz verharmlosend mit einem Fußballmatch verglichen.
Der Standard - Österreich
"Wir dachten, das wäre endgültig geklärt. Dann gab die ÖVP dem 95-jährigen Otto Habsburg Gelegenheit, im Parlament (!) zum Jahrestag 1938 gefährlichen Unsinn zu reden", fasst Hans Rauscher das gestrige Gedenken an den "Anschluss" Österreichs zusammen. "Es gibt selbstverständlich eine Mitverantwortung der Österreicher am Anschluss. Auch deshalb, weil die damalige Staatsführung zwar den Kampf gegen die Nazis führte, aber mit Mitteln, die eine Niederlage geradezu garantierten. Der 'großartige Patriot' Dollfuß (Habsburg) zerstörte die Demokratie und vernichtete die Sozialdemokratie, die er für einen wirkungsvollen Widerstand gebraucht hätte. [Ex-Bundeskanzler Wolfgang] Schüssel hat dies zwar anschließend korrigiert. Dass aber Habsburgs Verharmlosungen ... vom ÖVP-Publikum mit Gelächter und wildem Applaus belohnt wurden, zeigt, wie wenig wirklich geklärt ist." (12.03.2008)
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Le Soir - Belgien
"Österreich hat seit Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder Schwierigkeiten damit gehabt, zu dem Vermächtnis dieses dunkelsten Kapitels seiner Geschichte zu stehen. Zum Gedenken an den 'Anschluss' hat die österreichische Regierung deshalb versucht, den Schwerpunkt auf die 'Reue' eines ganzen Volkes für seine aktive Zusammenarbeit dem Dritten Reich und der Elimierung seiner Eliten zu legen. Trotz dieser guten Absichten sieht es in den Herzen der Österreicher offenbar anders aus", meint Wien-Korrespondent Maurin Picard. "Ist es, weil '60 Prozent der Österreicher den Krieg nicht miterlebt haben', wie es der Wiener Bürgermeister Michael Häupl gesagt hat? Oder weil das Heraufbeschwören der dunklen Stunden für die meisten noch immer schmerzlich ist?... Für die österreichische Verwaltung, die in regelmäßigen Abständen beschuldigt wird, die Entschädigung von Opfern des Nationalsozialismus hinauszuzögern und erwiesenen Kriegsverbrechern Unterschlupf zu gewähren, ist der Weg zur 'Reue' noch lang." (12.03.2008)
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Süddeutsche Zeitung - Deutschland
Michael Frank glaubt, dass Österreich zu einem neuen Selbstbewusstsein gefunden hat, das ihm auch den Umgang mit der Vergangenheit leichter macht: "Tatsächlich hat sich die gefühlsmäßige Nationenwerdung Österreichs erst vor kurzem vollendet. Zwei weitere Elemente tragen das neue Selbstbewusstsein dieser heute glänzenden kleinen Republik. Der immense wirtschaftliche Erfolg, das Konzept des kleinen, hochfeinen Spezialitätenladens neben den Massen-Discountern hat das Land in die Spitzengruppe aller Wohlstandsranglisten befördert. Dahinter steht die EU-Mitgliedschaft. Seltsamerweise hat das geeinte Europa bei Österreichern einen schlechten Leumund, obwohl sie ihm verdanken, dass sie heute mit jedermann in dieser Welt auf Augenhöhe agieren können... Dank der Gemeinschaft der Gleichen ist auch im Inneren die Deutschlandfrage, dieses Gift, verflogen, die Gefühle, Österreich, es sei zu klein und zu schwach. Man braucht den großen Bruder nicht mehr, nicht als Vor-, nicht als Feindbild." (12.03.2008)
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