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Top-Thema vom Dienstag, 18. März 2008


Ist ein Olympia-Boykott sinnvoll?


Nach der blutigen Niederschlagung der Proteste in Tibet steht die internationale Gemeinschaft vor der Frage, ob die Olympischen Spiele, die im August 2008 in Peking stattfinden, boykottiert werden sollen. Hilft ein Boykott, Demokratie und Freiheit in China zu befördern?


El Periódico de Catalunya - Spanien

Die Tageszeitung erörtert die Boykottfrage: "Das Olympische Komitee (IOC) hat keine Bedenken gehabt, die Spiele nach Peking zu vergeben. Undenkbar, dass es nun, fünf Monate vor der Eröffnungszeremonie, die Richtigkeit seiner Entscheidung auch nur im Geringsten in Frage stellt. Wir erleben eine paradoxe Situation: Die Regierungen, die sich gedrängelt haben, den Dalai Lama zu empfangen, scheinen wie gelähmt, wenn es darum geht, jenseits der offiziellen Verlautbarungen Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Schlimmer: Sie nehmen hin, dass die nationalen olympischen Komitees von ihren Athleten fordern, sich jeder Kritik an der chinesischen Regierung zu enthalten. Es ist eine skandalöse Form der Zensur, die einer Demokratie unwürdig ist, dass man Neutralität in Meinungsfragen vortäuscht, wenn die Forderung nach Respektierung der Menschen- und Minderheitenrechte laut wird, die von Peking systematisch mit Füßen getreten werden." (18.03.2008)


Týždeň - Slowakei

"1936 missbrauchte Hitler die Olympischen Spiele in Berlin. Die Welt hatte weder ausreichend Kraft noch Mut und nahm zu ihrer Schande daran teil", erinnert Štefan Hríb. "Jetzt tut China so, als gebe es kein Problem. Wie Hitler 1936, wie Breschnew 1980. Sport ist eine schöne Sache und sollte nicht von den Politikern missbraucht werden. Doch gerade deshalb darf die freie Welt nicht an der Olympiade teilnehmen. Die Spiele nicht zu boykottieren und an einem Alibi-Theater der chinesischen Genossen teilzunehmen, wäre die schlimmste Politisierung des Sports seit den quälenden Spielen von Moskau 1980. Für die Sportler ist die Nichtteilnahme an den Spielen schrecklich. Aber Sport ist nicht wichtiger als die Freiheit." (18.03.2008)


Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Die Boykott-Diskussion, schreibt Thomas Hahn, wirft ein bezeichnendes Licht darauf, "wie der Sport sich selbst sieht in den Konflikten der Gegenwart: als eigene Welt nämlich, die unberührt bleiben will von den Einflüssen da draußen, sofern sie kein Geld bringen... Es geht dabei weniger um Botschaften als vielmehr um Märkte und um das sogenannte Produkt Sport, das gerade dadurch attraktiv wird, dass es harmonisch daherkommt - eine ideale Mischung aus Werten und Massenunterhaltung. Die Freiheit, dieses Produkt gewinnbringend zu entwickeln, ist dabei ein gewünschtes Gut. Politische Freiheit stört dagegen im Zweifel. In ihrem Zweckdenken sind sich der Sport und China ziemlich ähnlich. So erklärt es sich auch, dass das IOC die Spiele vor sieben Jahren an eine Nation vergab, die zwar für einen enormen, explosiv wachsenden Markt stand, aber nicht für Menschenrechte und saubere Umwelt. An dieser Entscheidung ist jetzt nichts mehr zu ändern." (18.03.2008)


Corriere della Sera - Italien

Der französische Philosoph André Glucksmann ist im Jahr 1980 für einen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau eingetreten. Von einem Boykott der Spiele in Peking hält er nichts: "Die tibetischen Proteste sind ein Hilferuf an die Welt, und die Olympischen Spiele sind eine Gelegenheit, um das Bewusstsein der Menschen aufzurütteln und ihr Augenmerk auf das tragische Schicksal eines Volkes zu lenken, das von Vernichtung bedroht ist. Aber bevor man zum Boykott aufruft, sollte man ein paar Fragen stellen: Kann er konkret etwas bewirken? Welche Regierung kann es sich leisten, ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu China zu gefährden? Gibt es wirksamere Mittel? Könnte der Boykott nicht den umgekehrten Effekt haben und das Regime in Peking stärken?... Tibet will keine Unabhängigkeit, sondern Respekt für seine Autonomie und Kultur. Der Intellektuelle muss realistisch sein, wie es die Tibeter auch sind." (18.03.2008)


Gazeta Wyborcza - Polen

Mariusz Zawadzki warnt vor Opportunismus. "Die Olympischen Spiele in Peking boykottieren? Das Herz schreit 'Ja!'. Aber bevor Du auf die Straße gehst, um Deinen Boykott herauszuschreien, bevor Du die Sportler verurteilst, die ungeachtet der Leiden der Tibeter um Medaillen kämpfen wollen, sollte man so anständig sein, die Integrität der eigenen Position zu überprüfen. Als Erstes boykottiere Deinen Computer, denn wahrscheinlich wurde er in China hergestellt. Als Zweites schau in Deinen Schrank und entferne die in China hergestellten T-Shirts, Hosen, Kostüme etc… Wenn Du aber einer von hundert Millionen Opportunisten unserer Erde bist, die dazu nicht bereit sind, lass es mit dem Boykott der Olympischen Spiele in Peking. Warum sollten schließlich Sportler, die sich jahrelang auf die Spiele vorbereiten, die Konsequenzen alleine tragen?" (17.03.2008)


» zur gesamten Presseschau vom Dienstag, 18. März 2008

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