Top-Thema vom Dienstag, 21. Oktober 2008
Welche Rolle hat Europa in Afghanistan?
Die Situation der Europäer in Afghanistan verschärft sich zunehmend. Am Montag wurde die Britin Gayle Williams, die für die Wohlfahrtsorganisation Serve Afghanistan arbeitete, von den Taliban ermordet. Am selben Tag kamen deutsche Nato-Soldaten bei einem Selbstmordattentat ums Lebens. Die Presse fragt sich, wie es mit der europäischen Präsenz am Hindukusch weitergehen soll.
The Independent - Großbritannien
Nach der Ermordung von Gayle Williams meint die liberale Tageszeitung The Independent man dürfe das Territorium nicht den Taliban überlassen. "Nichtregierungsorganisationen (NROs), die Hilfe für den Wiederaufbau stellen, waren immer ein integraler Bestandteil der Nato-Strategie für Afghanistan. ... Der Erfolg hier wurde als entscheidend angesehen, um die Afghanen zu überzeugen, dass die Nato-Kräfte keine Feinde seien, und dass die Intervention der Mühe wert war. ... Wenn die Aufständischen die NROs aus dem Land terrorisieren, wird das ein Desaster für die westliche Politik und für die vielen Afghanen, die davon profitiert hätten. Man wird das Territorium – im wahren Sinne des Wortes – den Taliban überlassen. Wenn man es nicht schafft, den Wiederaufbau effizienter zu machen, dann wird es so aussehen, als ob sieben Jahre westlicher Intervention nur Not und Chaos hinterlassen hätten. Wenn die Nato ihre Einsätze in Afghanistan überdenkt, muss die Verzahnung von militärischen und zivilen Anstrengungen eine Priorität sein." (21.10.2008)
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Corriere della Sera - Italien
Nach den jüngsten Attentaten in Afghanistan sei niemand mehr sicher, schreibt die Tageszeitung Corriere della Sera. "Heute ist jeder Vorwand recht, um Ausländer in Afghanistan zu töten. Es macht keinen Unterschied mehr, ob es Nato-Soldaten oder Geschäftsleute sind, die nach Kabul kommen, um Verträge mit [dem Präsidenten der afghanischen Übergangsregierung Hamid] Karzai abzuschließen, Funktionäre der UN, die den Prozess der Normalisierung unterstützen wollen oder - noch schlimmer - Vertreter von Menschenrechtsorganisationen, die womöglich ihre Wurzeln im christlichen Glauben haben. Mit eben diesem Argument haben die Taliban die Ermordung von Gayle Williams ... begründet. Der Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid bezichtigt Gayle Williams vor der lokalen Presse, nach Afghanistan gekommen zu sein, um das Christentum zu verbreiten - eine Aufgabe, zu der die karitative Organisation für Menschenrechte Serve sich nicht im geringsten berufen fühlt. Das Klima der totalen Unsicherheit wurde von dem Selbstmordattentat auf eine deutsche Patrouille des Nato-Kontingents in Kundus noch verschärft." (21.10.2008)
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Alle verfügbaren Texte von » Lorenzo Cremonesi
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland
Trotz der damit verbundenen Gefahren hält die Tageszeitung Frankfurter Allgemeine den Afghanistan-Einsatzes der deutschen Bundeswehr für notwendig. "Der neue Anschlag auf die Bundeswehr – erst vor knapp zwei Monaten wurde in der Nähe von Kundus ein Soldat durch einen Sprengstoffanschlag getötet – belegt auf traurige Weise, dass sich die Sicherheit und die allgemeine Lage in Afghanistan in einer Abwärtsspirale bewegen. Ein Patentrezept zur Umkehrung dieses Trends gibt es nicht. Und obwohl es angebracht ist, einen Moment inne zu halten, wenn zwei deutsche Soldaten bei der Erfüllung ihres friedlichen Auftrags getötet werden, muss auch daran erinnert werden, dass ihr Einsatz in diesem weit entfernten Land deutschen Sicherheitsinteressen dient. Was der Einsatz in Afghanistan letztlich erreichen soll und kann, muss vielleicht nüchterner als bisher kalkuliert werden. Dort stabile Verhältnisse zu schaffen bleibt aber eine Aufgabe, bei der die Afghanen weiterhin fremder Hilfe bedürfen." (21.10.2008)
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Alle verfügbaren Texte von » Horst Bacia
Der Standard - Österreich
Die deutsche Bundeswehr zahlt einen hohen Preis für ihren Einsatz in Afghanistan, schreibt die Tageszeitung Der Standard: "Dem Selbstmordattentäter, der sich am Montag neben einer deutschen Patrouille in die Luft sprengte, war es offenbar gleich, ob er auch noch fünf Kinder mit in den Tod reißt. Die Bundeswehr kann und wird aus diesem Grund nicht aufgeben. ... Die Aufbaumission in dem zentralasiatischen Land ist in vielerlei Hinsicht eine Revolution für die Deutschen - schwer fassbar, mit ungewissem Ausgang: der Größe, der geografischen Entfernung, der mittlerweile mehr als 30 toten Bundeswehrsoldaten wegen und schließlich auch aufgrund der Distanz zu den USA und deren Kampfeinsätzen. Hartnäckig hält die deutsche Regierung an ihrer Überzeugung fest, die friedliche Präsenz der Bundeswehr in den nördlichen Provinzen Afghanistans sei stabilisierend und werde deshalb die Bevölkerung auf die Seite der Deutschen ziehen. Die Sicherheitslage, die sich unentwegt verschlechtert, lehrt Berlin eine andere Wirklichkeit." (21.10.2008)
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Alle verfügbaren Texte von » Markus Bernath
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