Top-Thema vom Donnerstag, 6. Juli 2006
Muslime in Europa
Am Vorabend des ersten Jahrestages der Attentate vom 7. Juli 2005 in London wehren sich europäische Muslime gegen Tendenzen, Islam mit Terrorismus gleichzusetzen. Wie kann die Integration der Muslime in westliche Gesellschaften gelingen?
The Independent - Großbritannien
Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan meint, dass westliche Muslime "eine klare Alternative haben: sie können entweder das gekränkte Opfer spielen oder ihre Schwierigkeiten in Angriff nehmen. Nichts wird sich ändern, bis sie die volle Verantwortung für sich selbst übernehmen, bis sie auf konstruktive Weise andere wie sich selbst kritisieren können, bis sie auf die schleichende 'Evolution von Angst' mit Selbstsicherheit und einer 'Revolution des Vertrauens' reagieren... Statt sich weiter zu isolieren, sollten sich die Muslime in Großbritannien und anderen europäischen Ländern Gehör verschaffen, aus ihren religiösen und sozialen Ghettos herauskommen... Aber wir alle, Muslime wie Nicht-Muslime, haben die Pflicht, den falschen Diskurs zu benennen, der die Unterscheidung von 'uns' und 'ihnen' fortschreibt. Unsere Gesellschaften brauchen ein neues 'wir'." (06.07.2006)
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Die Zeit - Deutschland
Auf einem Treffen in Istanbul haben religiöse und intellektuelle Führer der sunnitischen Welt eine Grundsatzerklärung der europäischen Muslime beglaubigt, in der unter anderem der Terrorismus als "Krebsgeschwür" bezeichnet wird. Jörg Lau nennt diese Erklärung eine "Sensation": "Hier war es möglich, islamische Autoritäten einzubeziehen, die im Westen nicht akzeptabel wären - wie Scheich Jussuf Al-Karadawi aus Katar, der die 'Märtyreroperationen' in Israel und im Irak gerechtfertigt hat. In Istanbul saß er nun geduldig im Publikum und nahm zur Kenntnis, dass europäische Redner Mal um Mal Selbstmordterrorismus als unerträglich und unislamisch brandmarkten." (06.07.2006)
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Knack - Belgien
Es wird zu viel von "islamischem" Terrorismus gesprochen, findet Politikwissenschaftler Rik Coolsaet. "Terroristen sind Amateure, die im Namen ihrer Glaubensbrüder zu den Waffen greifen. Aber diese heißen das nicht gut. Ich benutze die Begriffe 'Islam' oder 'Muslime' extra nicht. Die Religion spielt in diesen Fällen nur eine untergeordnete Rolle. Die Dynamik, die dem heutigen Terrorismus zugrunde liegt, ist mit der vergleichbar, die man bei den belgischen Linksextremisten, der Baader-Meinhoff-Bande oder den anarchistischen Terroristen des 19. Jahrhunderts beobachten konnte... Doch nur wenige Anarchisten waren Terroristen. Und in den 1980er Jahren waren die gewalttätigen Extremisten nur eine Minderheit in der Linken. Warum sprechen wir heute von 'islamischem Terrorismus' und betrachten die europäischen Muslime als fünfte Kolonne?" (06.07.2006)
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Diario Sur - Spanien
Die Zeitung zitiert eine Umfrage, nach der 13 Prozent der britischen Muslime die Attentäter vom 7. Juli 2005 in London als Märtyrer betrachten. "Das zeigt, dass Bildungs- und Betreuungsprogramme für eine erfolgreiche Integration nicht ausreichen... In vielen europäischen Ländern hat die Assimilierungspolitik nicht funktioniert. Ihr Scheitern wurde offensichtlich, als sich die zweite Generation von Immigranten mit einer Wirtschaftskrise konfrontiert sah, die sie daran hinderte, qualifizierte Arbeit zu finden und so von den 'theoretischen' Privilegien demokratischer Gesellschaften zu profitieren. Man sollte sich allerdings auch vor den Tücken des Multikulturalismus hüten, der zu Abgrenzung und Ressentiments führen kann. Das Thema ist kompliziert, und es ist Zeit für eine Zukunftsvision." (06.07.2006)
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