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Top-Thema vom Donnerstag, 17. August 2006


Europa debattiert Grass' Geständnis

Das Geständnis des deutschen Schriftstellers Günter Grass, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat nicht nur in Deutschland heftige Debatten ausgelöst. In Westeuropa fragt man, ob es jetzt noch lohnt, sich mit Grass' Werk zu beschäftigen. In Osteuropa hingegen fragt man auch, wie es um die Bewältigung der eigenen Vergangenheit bestellt ist.


The Guardian - Großbritannien

Guy Dammann überlegt, was Günter Grass dazu gebracht hat, in seiner Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel", seine Nazi-Vergangenheit zu offenbaren. "Auch wenn seine Antwort auf die aktuelle Situation - 'Mein Schweigen hat all diese Jahre angedauert und ist einer der Gründe, dieses Buch zu schreiben' - schwach aber plausibel ist, so scheint doch zu stimmen, was Joseph Conrad in 'Lord Jim' schreibt: Wer eine dunkle Vergangenheit hat, will die Gegenwart oft am eifrigsten verbessern. Wenn unter anderem sein Schweigen Grass angespornt hat, dann ist es nicht so leicht, ihn zu verdammen. Heuchelei ist immer hässlich, aber Hässlichkeit ist in der Literatur genauso wichtig wie Schönheit. Grass' Verbrechen ist es, diejenigen betrogen zu haben, deren Sprachrohr er sein wollte. Für diejenigen unter uns aber, die das Glück hatten, nicht auf seine Dienste angewiesen zu sein, bleibt er nach wie vor ein mächtiger und interessanter Schriftsteller." (17.08.2006)


La Croix - Frankreich

"Indem er diesen unerhörten Aspekt seiner Vergangenheit enthüllt hat, zeigt der Intellektuelle, dass seine Aura des weisen Verfluchers von innen heraus entstand, durch seine kompromittierende Erfahrung mit dem Bösen, das er verurteilte", schreibt Michel Kubler in der katholischen Tageszeitung. "Kann man denn überhaupt bei so einem schwerwiegenden Thema eine Autorität sein, ohne selbst in der einen oder anderen Weise sehr nah damit zu tun gehabt zu haben?... In dem er jetzt 'die Schande' zugibt, für den Nationalsozialismus empfänglich gewesen zu sein, wenn auch nur kurz, in geringem Maße und ahnungslos, wird der Intellektuelle wieder zu einem Menschen wie jeder andere, mitten unter seinesgleichen und nicht mehr über ihnen. Er füllt seinen Platz im Schicksal seines Volkes ganz aus. Das Kind mit der Blechtrommel akzeptiert auf seine alten Tage endlich, erwachsen zu werden. Er kann durch die Affäre an Größe gewinnen." (17.08.2006)


El País - Spanien

"Grass ist zu einer moralischen Autorität geworden, als er sich zu so umstrittenen Themen wie der deutschen Wiedervereinigung, der Situation in Kuba oder der Globalisierung geäußert hat", stellt die Zeitung fest. "Es wäre besser, wenn diese Autorität in Bezug auf ihre eigene Vergangenheit mehr Transparenz zeigte, wie es der öffentlichen Person angemessen ist, zu der er sich gemacht hat. Immerhin: besser spät als nie. Grass hat selbst eingestanden, dass diese 'Schande' bei ihm 'ein Gefühl der Beschämung' hervorgerufen hat. In jedem Fall beeinträchtigt die späte Enthüllung dieses wichtigen biographischen Details nicht die Qualität seines literarischen Werkes oder die Richtigkeit der Sache, für die er kämpfte und immer noch kämpft. Diese Verspätung belegt nur, dass niemand perfekt ist und wir alle Menschen sind. Manchmal sogar zu menschlich." (17.08.2006)


Magyar Hírlap - Ungarn

Julianna R. Szekely vergleicht die Debatte um Günter Grass mit der Entlarvung des ungarischen Regisseurs Istvan Szabo als Stasi-Spitzel und verteidigt beide Künstler: "Es ist ein fürchterlicher Irrtum, dass ein Ereignis im Leben eines Künstlers sein Lebenswerk entwertet. Die Werke von Günter Grass und Istvan Szabo sind auch deshalb so großartig, weil sie Schuld und Sühne, Verdammung oder Bewältigung nicht aus anmaßendem Abstand, sondern mit diesen Fragen ringend darstellen." Szekely kritisiert vor allem die Kritiker von Grass und Szabo. Sie sind in ihren Augen Scheinheilige, die offenbar "infolge einer unbefleckten Empfängnis mit reiner Seele geboren" wurden. Dabei hätten auch sie Schuld auf sich geladen, sich jedoch nie, wie Grass, der Frage gestellt: "Hättest du zu dem Zeitpunkt erkennen können, was da mit dir vor sich geht?" (17.08.2006)


Mladá fronta Dnes - Tschechien

Günter Grass habe nach seinem späten Bekenntnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, zwar seinen Heiligenschein verloren, aber einen wichtigen Schritt getan, meint Viliam Buchert und stellt im Hinblick auf Tschechiens kommunistische Vergangenheit fest: "Viele Menschen weigern sich, sich zu ihrer Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit zu bekennen. Die Frage nach dem Bekenntnis von Grass lautet: Was machen wir mit den Menschen, die einst in den Nationalsozialismus oder den Kommunismus verstrickt waren? Wer moralische Schuld auf sich geladen hat, sollte sich öffentlich dazu bekennen. Auf Buße und Aufklärung - und dafür müssen wir gar nicht gläubig sein - sollte Vergebung folgen. Die Tschechen aber winken, was die Vergangenheit betrifft, wie gewohnt ab... Günter Grass hat mit seinem Bekenntnis auch darauf hingewiesen, dass wir unsere Vergangenheit noch längst nicht bewältigt haben. Wir setzen uns damit nicht auseinander - weil wir uns damit nicht auseinandersetzen wollen." (15.08.2006)


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