Top-Thema vom Montag, 21. August 2006
Der Fall Günter Grass
Das Geständnis des deutschen Schriftstellers Günter Grass, in der Waffen-SS gewesen zu sein, liegt zehn Tage zurück, doch die Stellungnahmen und Kommentare reißen nicht ab. Das Echo in der europäischen Presse reicht von harscher Verurteilung bis zur Verteidigung des Schriftstellers.
Le Figaro - Frankreich
"60 Jahre der Lüge also, die zeigen, wie sehr man gleichzeitig ein großer Künstler und sehr unmoralisch sein kann", schreibt der französische Essayist Guy Sorman über Günter Grass. "In dieser Affäre, die vor allem eine deutsche ist, hat der Künstler nicht mehr oder weniger Schuld als auch sein Publikum und die ihn vergötternden Medien... Wir erinnern all diejenigen, die heute in Deutschland und anderswo ihre Kurzsichtigkeit zugeben und Fehlurteile einräumen - oder versuchen, sie zu rechtfertigen - daran, dass es auch möglich war, nicht dem Grass-Fetischismus zu verfallen... Gegenüber Politikern, die demokratisch gewählt sind, aber schutzlos in der Öffentlichkeit handeln, ist man stets misstrauisch. Doch im Gegenzug ist man nie misstrauisch genug gegenüber Künstlern, deren Talent sie verbirgt, zumal, wenn es ein großes Talent ist. Man kann sich vor Magiern, die sich als Moralisten verkleiden, nie genug in Acht nehmen." (21.08.2006)
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Rzeczpospolita - Polen
Vierzehn polnische Schriftsteller, darunter Wislawa Szymborska, Stefan Chwin und Pawel Huelle, haben einen Offenen Brief veröffentlicht, in dem sie Günter Grass in Schutz nehmen: "Grass' Bekenntnis zeugt von Mut und auch von der großen Tragödie eines Menschen, der zugibt, dass er die Schuld immer als Schande empfunden hat. Wir sind Zeugen, wie sein Bekenntnis von einigen polnischen Politikern zynisch missbraucht wird. Wir sind damit nicht einverstanden, dass die Tragödie des Schriftstellers zum Gegenstand politischer Spiele wird. Wir können nicht zulassen, dass Politiker mit menschlichen Schicksalen spielen. Wir meinen, dass das literarische Werk Grass' und sein öffentliches Engagement für die deutsch-polnische Versöhnung ein Sühnezeichen sind. Wir wollen und können die großen Verdienste von Günter Grass für Polen, seine Freundschaft mit Polen nicht vergessen." (21.08.2006)
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The Guardian - Großbritannien
Der britische Schriftsteller John Berger versteht nicht, warum Günter Grass "so makaber denunziert" wird. "Diese Verurteilung von Grass als Mensch und seines großartigen Werkes könnte als lächerlich abgetan werden, doch als Zeichen eines neuen moralischen Klimas in Europa ist sie ärgerlich. Sie ist ein Beispiel dafür, wie moralische Urteile in einem sorgfältig konstruierten Raum ohne Erfahrungen entstehen. Sie ist das, was übrig bleibt, wenn die gelebte Erfahrung ihres Inhalts beraubt ist, sie ist ein krasses Dementi all dessen, was wir (tief in unserem Inneren) als wirklich erleben... Diese rechtschaffenen Moralisten meinen, Grass solle all die Ehrungen zurückgeben, die er für sein Lebenswerk bekommen hat. Dieser Vorschlag zeigt nur, dass sie - in dem sie sich systematisch weigern, seine Erfahrung anzuerkennen - vergessen haben, was Ehre ist. Er hat das nicht vergessen." (21.08.2006)
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La Libre Belgique - Belgien
Jean-Luc De Meulemeester, Wirtschaftswissenschaftler an der Freien Universität von Brüssel, befasst sich mit dem Geständnis von Günter Grass und der Geschichte von dessen Geburtsstadt Danzig. "Es ist schwer, einen Jugendlichen zu verurteilen, der von einem totalitären System indoktriniert war und in einer Gesellschaft lebte, die aus bestimmten historischen Gründen die Nazi-Ideologie zweifellos radikaler angenommen hatte als andere deutsche Regionen, die nicht im Grenzgebiet lagen. Dieses Engagement zeugt davon, wie tief viele Deutsche von den Nazis überzeugt waren, und das bis zur letzten Stunde... Grass' Weg, ein sehr deutscher, wirft ein Licht auf zwei Dinge: Die perversesten Ideologien können selbst die Seele dessen verführen, der ein gutes, kreatives Potenzial hat. Aber glücklicherweise kann man vom Bösen auch genesen, individuell und kollektiv." (21.08.2006)
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