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Top-Thema vom Mittwoch, 28. Juli 2010


Isländer unsicher über EU-Beitritt


Die EU hat am Dienstag die Beitrittsverhandlungen mit Island aufgenommen. Das Land hatte im vergangenen Jahr seine Aufnahme beantragt, als es vor dem Staatsbankrott stand. Doch erst eine Volksabstimmung wird über den Beitritt entscheiden, und dessen Ausgang ist der Presse zufolge ungewiss.


Kurier - Österreich

Für die plötzliche EU-Müdigkeit der Isländer hat die Tageszeitung Kurier wenig Verständnis: "So schnell kann die Stimmung kippen: Noch im Herbst 2008 sah eine Mehrheit der 320.000 Isländer im raschen EU-Beitritt die Rettung aus dem Staatsbankrott. Jetzt, wo die Beitrittsverhandlungen offiziell gestartet wurden, sind mindestens sechs von zehn Isländern wieder dagegen. ... Kein Wunder, wenn bereits jetzt Wetten darauf abgeschlossen werden, dass die in Island verpflichtende Volksabstimmung über den EU-Beitritt negativ ausgehen wird. In Reykjavik verweist man auf den engen Bruder Norwegen, der ohne EU ja auch ganz gut leben kann. Doch eines muss den Isländern klar sein - und allen anderen, die noch unter das Dach der Union wollen: 'Ein bisschen EU-Mitgliedschaft' geht nicht. Entweder ganz oder gar nicht." (28.07.2010)


Keskisuomalainen - Finnland

Der EU-Beitritt Islands ist sehr unsicher, meint die Tageszeitung Keskisuomalainen, denn darüber entscheidet das Volk: "Die grundsätzlichen Positionen sind klar. Island ist eine stabile Demokratie, gehört bereits zum europäischen Wirtschaftsraum sowie zum Schengenraum, der das Reisen der Bürger über Grenzen hinweg erleichtert, und die Gesetzgebung ist zum Großteil schon auf die Erfordernisse der EU zugeschnitten. Spezielle Themen wie der Walfang und die Konsequenzen der Wirtschaftskrise bereiten noch Kopfzerbrechen. ... Die Isländer müssten auch selbst in die EU wollen, doch zurzeit wünscht eine klare Mehrheit des Volkes, dass die Regierung den Aufnahmeantrag zurückzieht, den sie mitten in der Wirtschaftskrise vor einem Jahr gestellt hat. Dass das Volk für die Mitgliedschaft stimmt, ist daher unsicher. Auch Norwegen hat die EU zweimal abgewiesen, 1972 und 1994." (28.07.2010)


Delo - Slowenien

Angesichts der EU-Skepsis der Isländer und der Pleite-Bank Icesave sieht die Tageszeitung Delo Schwierigkeiten bei den Beitrittsverhandlungen Islands mit der EU: "Es gibt viele Klippen, vielleicht sogar mehr als Islands Außenminister Össur Skarphéðinsson bei den Beitrittsverhandlungen erwartet, bei denen die EU-Mitgliedsländer besondere Bedingungen aufstellen werden (siehe Icesave-Bank). Island hat zwar nicht mit leeren Händen an die Tür der EU geklopft: Neben der wichtigen geostrategischen Lage ist das Land bereit, sein Wissen und seine Erfahrung bei der Einführung erneuerbarer Energien bereitzustellen, ein Bereich, in dem Island bereits jetzt die kühnsten Pläne der EU übertrifft. Aber zu Beginn der Verhandlungen beschleicht einen das unangenehme Gefühl, dass auf den Dialog, den beide Seiten mit großen Ambitionen und besten Absichten begonnen haben, vielleicht ein trauriger Epilog folgt." (28.07.2010)


Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Der rasche Beitritt Islands zur EU ist im Interesse beider Seiten, analysiert die linksliberale Süddeutsche Zeitung: "Dass die Isländer Schutz in der großen europäischen Familie suchen ist nach ihren Erfahrungen im rauen Wind der internationalen Finanzmärkte nur zu verständlich. Mit der Hilfe für die strauchelnde Nation im Nordatlantik verfolgt die EU vor allem geostrategische Interessen. Mit jedem Quadratkilometer Wasserfläche, den die schmelzende Eiskappe preisgibt, öffnen sich neue Handelsrouten durch das arktische Meer und es werden Zugänge zu Bodenschätzen frei. Mit Island als Teil der Gemeinschaft könnte sich die EU einen nennenswerten Anteil am arktischen Geschäft sichern. Und sie könnte mehr Einfluss darauf nehmen, dass mit der Arktis pfleglich umgegangen wird. Aber auch Island selber wäre ein Gewinn für die EU. ... Zum einen auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien. Zum anderen auf dem der Fischerei. Die Isländer, die hauptsächlich vom Fischfang leben, achten sorgfältig auf den Erhalt der Bestände. Da sind sie ihren kontinentaleuropäischen Kollegen weit voraus, die die Meere immer noch vor allem leerräumen." (28.07.2010)


» zur gesamten Presseschau vom Mittwoch, 28. Juli 2010

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