Top-Thema vom Dienstag, 26. Juli 2011
Über die Motive des norwegischen Attentäters
Der mutmaßliche Attentäter von Oslo und Utøya hat am Montag vor dem Haftrichter seine Taten gestanden, bei denen nach aktuellen Angaben der norwegischen Polizei 76 Menschen ums Leben kamen. Konservative Medien lehnen Rechtspopulismus oder christlichen Fundamentalismus als Motive für die Taten ab, was liberale Medien für scheinheilig und gefährlich halten.
Neue Zürcher Zeitung - SchweizPopulismus ist noch nicht Extremismus
Auf der Suche nach Motiven des geständigen Attentäters von Oslo und Utøya wird immer wieder auf die Nähe seiner Ideen zu denen rechtspopulistischer Parteien in hingewiesen. Das ist jedoch ein Kurzschluss, meint die liberal-konservative Neue Zürcher Zeitung: "Weil der Verstand nach Deutungsmustern sucht, glauben manche, der Massenmord in Norwegen stehe in Verbindung mit dem Erstarken des Rechtspopulismus in den nordischen Ländern und dessen islamfeindlichen Parolen. Doch ist solch ein Erklärungsversuch nicht mehr weit entfernt von modernem Geisterglauben. ... Populismus und Extremismus trennt ein Graben. So ist es auch kein Wunder, dass sich Anders Behring Breivik enttäuscht von der norwegischen Fortschrittspartei abwandte. Die auf die Mitte der Gesellschaft zielende populistische Politik ist Extremisten immer zu lasch und kompromisslerisch. Fanatikern geht es letztlich eben auch nicht um Politik - diese dient immer nur als ein Mäntelchen -, sondern um die Gewalterfahrung. Die Ausübung von Gewalt verschafft Macht, und sie legitimiert Aussenseitertum. Extreme Gewalttäter sehen sich als auserwählte Avantgarde, die berechtigt ist, die Masse zu ihrem Glück zu zwingen, auch wenn dies für die Opfer den Tod bedeutet." (26.07.2011)
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Alle verfügbaren Texte von » Eric Gujer
Rzeczpospolita - PolenAttentat ähnelt nicht islamistischem Terror
Die norwegischen Behörden haben den mutmaßlichen Attentäter Anders Breivik als christlichen Fundamentalisten eingestuft (die Einstufung hat die norwegische Polizei später nicht aufrecht erhalten, Anm. d. Red., 10. August 2011), aber die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita sieht keine Ähnlichkeit zu islamistischem Terror: "Es begehen diejenigen einen semantischen Missbrauch, die heute den 'christlichen Fundamentalismus' mit dem 'islamischen Fundamentalismus' vergleichen, indem sie behaupten, dass beide eine tödliche Bedrohung für Europa darstellen. Das Christentum fordert nicht zum Terror und zum Töten von Ungläubigen auf - selbst in seiner fundamentalen Version nicht. (Oder ist es schon Fundamentalismus, wenn man gegen homosexuelle Ehen ist?) Und weder katholische noch protestantische Geistliche predigen Hass gegen den Islam. Es gibt natürlich Ausnahmen - wie der US-amerikanische Pastor Terry Jones, der sich dazu bekannt hat, dass die beste Methode den christlichen Glauben zu verteidigen die Verbrennung des Korans sei. Doch werden solche Leute wie Jones von den christlichen Politikern und Journalisten geächtet und isoliert." (26.07.2011)
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Alle verfügbaren Texte von » Marek Magierowski
De Standaard - BelgienVerständnis der Konservativen ist gefährlich
Jegliches Verständnis der Konservativen für den mutmaßlichen Attentäter Anders Breivik ist gefährlich, warnt die Tageszeitung De Standaard: "Aus der rechtskonservativen Ecke kommen Stimmen, die zwar die Gewalt streng verurteilen, zugleich aber auf die Unmöglichkeit hinweisen, offen über Immigration und die Islamisierung Europas zu debattieren. Dass ein Einzelner daraus extreme, wenn auch verwerfliche Konsequenzen ziehe, dürfe keinen wundern. Diese Argumentation ist sowohl scheinheilig als auch gefährlich. Scheinheilig, weil sie nur dann benutzt wird, wenn es um einen ideologisch verwandten Gewalttäter geht, aber bei einem Täter anderer Gesinnung zurückgewiesen wird. Und diese Argumentation ist gefährlich, weil die Annahme die demokratische Gesellschaft untergräbt, dass Gewalt zwar nicht toleriert, aber doch letzte Zuflucht des Unterdrückten verstanden werden kann. Gewalt muss immer unter allen Umständen und von jedem ohne Einschränkung verurteilt werden." (26.07.2011)
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Alle verfügbaren Texte von » Bart Sturtewagen
Frankfurter Rundschau - DeutschlandEin später Weltanschauungskrieger
Der mutmaßliche Attentäter Anders Breivik ist kein Wahnsinniger, sondern ein später Weltanschauungskrieger des 20. Jahrhunderts, analysiert der Historiker Götz Aly in der linksliberalen Tageszeitung Frankfurter Rundschau: "In totalitären, eindimensionalen Weltbildern, politischen Utopien und Ersatzreligionen wurden die Angehörigen einer bestimmten Großgruppe (Rasse, Religion, Klasse, Volk) zur Spitze der Menschheit erhoben. Die Propagandisten solcher Lehren behaupteten, das von ihnen umworbene Kollektiv angeblicher Edelmenschen sei in sich homogen und funktioniere deshalb harmonisch und sei allen anderen Menschen überlegen. Die verlockende Parole lautet: ein Höchstmaß an Gleichheit nach innen, nach außen jedoch vollständige Abschottung. In ihrem Selbstverständnis sahen sich die Edelgruppen von kulturell 'minderwertigen' Feinden bedroht. ... Eine Situation, die jedes Mittel erlaubt. ... Am Freitag eröffnete Breivik diese - erste - Phase seines Krieges zur, wie er es sieht, Rettung eines christlichen, islam- und marxismusfreien Europa." (26.07.2011)
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Alle verfügbaren Texte von » Götz Aly
Le Monde - FrankreichNorwegen bleibt vorbildlich demokratisch
Die norwegische Regierung hat nach den Attentaten von Oslo und Utøya mehr Offenheit und Demokratie angekündigt und schützt somit - im Gegensatz zu den USA, Frankreich und anderen europäischen Staaten - ihre demokratischen Werte, lobt die linksliberale Tageszeitung Le Monde: "Es wird keine Sondergesetze geben. Man versucht nicht, unter einem Sicherheitsvorwand den Schmerz des Landes durch eine Einschränkung der Demokratie zu lindern. Das Strafrecht wird nicht für kurzlebige politische Zwecke verschärft. Norwegen bleibt ein Land der öffentlichen Freiheiten. Über diese Haltung ist sich die politische Elite in Oslo einig. Sie ist das Gegenteil zur Haltung der USA nach dem 11. September 2001. Und das Gegenteil zu der bei uns oft vertretenen Einstellung, jegliche Bluttat als Vorwand für eine Verschärfung des Strafrechts auf Kosten der Freiheit zu nutzen. In seinem Unglück bleibt Norwegen sich selbst treu. Das Land macht sich Gedanken, aber es verleugnet sich nicht. Es ist somit ein Vorbild für unsere Demokratien." (25.07.2011)
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