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Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 12.06.2006

 

TOP-THEMA

Polens Verhältnis zu seinen Minderheiten

In Warschau haben am Wochenende Tausende bei einer Homosexuellen-Parade gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung demonstriert. Die konservative Regierung sprach sich klar gegen die Parade und ihre Forderungen aus. Doch zu den befürchteten Ausschreitungen mit Gegendemonstranten kam es nicht. Ein Zeichen von Toleranz in Polen? » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Rzeczpospolita - Polen, Neue Zürcher Zeitung - Schweiz, Libération - Frankreich, taz - Deutschland

Rzeczpospolita - Polen

Mehrere tausend Menschen haben am Samstag in Warschau bei einer "Parade der Gleichheit" für die Rechte von Lesben und Schwulen demonstriert. "Welch ein Wunder: Wir gehen der Normalität entgegen", kommentiert Bogumil Luft den friedlichen Verlauf der in Polen umstrittenen Parade. "Das Ausmaß der von den Schwulen angesprochenen Probleme in Polen ist viel geringer, als die Masse der Demonstranten suggeriert. Die Probleme werden einerseits von Schwulen-Aktivisten aufgebauscht, die nicht nur die ihnen gebührende Toleranz verlangen, sondern die Anerkennung der Homosexualität als gleichwertige Abwandlung einer Norm; und andererseits von den Politikern, die Vertreter solcher Positionen gerne mit Polizeiknüppeln behandeln würden." (12.06.2006)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

"Die neue, konservative polnische Regierung, die wie die katholische Kirche zur Homosexualität ein belastetes Verhältnis hat, hat sich dem Druck der EU gebeugt und die Kundgebung zugelassen", erkärt Ulrich Schmidt. "Nebst dem Antikommunismus ist der Katholizismus das tragende Element dieser sich als dezidiert 'moralisch' verstehenden neuen Führung, und verschiedene ihrer Protagonisten haben bereits klar gemacht, dass sie Homosexualität als etwas Unnatürliches empfinden und Mühe haben, Umzüge von Lesben und Schwulen, wie sie in Westeuropa mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden sind, widerspruchslos hinzunehmen... Der Einfluss des übrigen Europa ist spürbar geworden, und er wird künftig noch stärker werden. Tatsache ist, dass Polens Demokratie nicht gefährdet ist, dass die Medien frei sind und dass das Land keinen seiner Nachbarn gefährdet. Man wird wachsam bleiben müssen, und vor allem Minderheiten werden gut daran tun, ihre Rechte eifersüchtig zu hüten." (12.06.2006)

Libération - Frankreich

"Trotz des Drucks der Rechtsextremen, die Parade der Gleichheit verbieten zu lassen, fand sie am Samstag ohne Zwischenfälle statt, wenn man von den paar Eiern, die gegen die Demonstranten geworfen wurden, absieht", berichtet Korrespondentin Maja Zoltowska. "Bis zum Schluss hat der Bildungsminister und Chef der Liga der Polnischen Familien (LPR), Roman Giertych, versucht, ein Verbot zu erwirken: 'Es ist ein schwerwiegender Fehler des jetzigen Bürgermeisters, dass er nicht den Mut hat, sich dem Bösen entgegenzustellen'... Skins, die am Samstag versucht hatten, Schlägereien anzuzetteln, wurden verhört. Der 'Krieg' beschränkte sich auf Beschimpfungen und auf Ausrufe wie: 'Stoppt die Eurosodomie! oder 'Nein zur EU!'" (12.06.2006)

taz - Deutschland

Paul Flückiger sieht in der Demonstration für Schwulenrechte im Kontext der neuen polnischen Innenpolitik kein allzu positives Zeichen: "Ein Sieg für Toleranz und Menschenrechte? Sicher, aber nur ein Etappensieg. Schon bald wird die Hälfte der polnischen Verfassungsrichter ersetzt werden. Premier Jaroslaw Kaczynski hat beim Parteitag seiner Partei Recht und Gerechtigkeit PiS klar gemacht, dass an ihre Stelle aufrechte polnische Rechtskonservative treten werden. Sein Zwillingsbruder Lech, früher Warschauer Stadtpräsident und heute Staatsoberhaupt, wird künftig nicht mehr vorgeben müssen, die Verfassung nicht zu kennen: Auch diese soll bald geändert werden. So könnte, was heute als Sieg der Toleranz wirkt, schon bald wieder verboten sein." (12.06.2006)

REFLEXIONEN

El País - Spanien

Zohreh Sefati über Frauen im Iran

Angeles Espinosa ist in den Iran gereist, um mit Zohreh Sefati zu sprechen, die den Titel einer "Mudschahida" trägt, die weibliche Entsprechung zum Ayatollah, ein hoher religiöser Titel im schiitischen Islam des Iran. Zohreh Sefati, die die erste islamische Schule für Frauen im Iran gegründet hat, erzählt, sie werde in der Islamischen Republik nicht diskriminiert. "Im Westen ignoriert man, dass der Islam keine Unterschiede zwischen Mann und Frau macht. Eine Frau kann auf dieselbe Ebene des Wissens und der Anerkennung kommen wie ein Mann. Wenn es nur sehr wenige Mudschahida-Frauen gibt (es sind nur fünf), dann ist das nicht die Schuld der Männer, sondern es wollten einfach nicht mehr. Es ist ein langer und schwieriger Weg und nur wenige Frauen sind bereit, in die politische und religiöse Arena einzutreten. Das ist aber in den europäischen Ländern auch so." (12.06.2006)

L'Express - Frankreich

Jacques Attali über marxistisches Denken

In einem Streitgespräch mit dem britischen Historiker Eric Hobsbawm unterstreicht der französische Ökonom und Publizist Jaques Attali die Modernität des marxistischen Denkens. "Mit der internationalen sozialistischen Bewegung hat Karl Marx einen bemerkenswerten Versuch gestartet, die Welt in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Marx ist ein außergewöhnlich moderner Denker, weil seine Schriften nicht einen sozialistisch organisierten Staat zeichnen, sondern den zukünftigen Kapitalismus. Anders als im Zerrbild des Marxismus dargestellt, war Marx in erster Linie ein Bewunderer des Kapitalismus. In seinen Augen war dieses System besser als alle vorhergehenden, die er als aufklärungsfeindlich betrachtete... Der Kapitalismus werde nicht verschwinden, so behauptete er, solange er seine Macht nicht global entfaltet habe, bis die gesamte Arbeiterklasse zum Nutznießer geworden sei, bis die Nationen sich ausgelöscht hätten, bis die Technologie die Arbeit zum Verschwinden gebracht und das Kostenlose geschaffen hätte." (12.06.2006)

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Zafer Senocak über das Ghetto des 21. Jahrhunderts

Publizist Zafer Senocak analysiert, warum den Deutschen die Integration von türkischen Migranten nicht gelingt. Oft werde zur Verdeutlichung der Abgrenzung der Begriff "Ghetto" verwendet. "Doch wie sieht ein Ghetto des 21. Jahrhunderts aus? Die vernetzte Isolation, in die sich Angehörige einer Volksgruppe begeben, ist grundverschieden von der angeordneten Abschottung früherer Epochen... Die so genannten Ghettos von heute sind von sich aus offene und heterogene Gebilde. Es leben in ihnen religiöse Eiferer und Gottlose, Familien und Singles, und nirgendwo ist nur eine einzige ethnische Gruppe allein. Es sind nicht die Insassen, sondern die Außenstehenden, die dort jenes Schloss anbringen, das jeden Einblick verwehrt. Darin drückt sich die Sehnsucht nach Abschottung vor den Fremden aus, man fühlt sich unterwandert, und in die berechtigte Kritik an archaischen Lebensweisen und autoritären Familienstrukturen mischen sich fremdenfeindliche Denkmuster und rassistische Vorbehalte." (12.06.2006)

POLITIK

Hospodářské noviny - Tschechien

Mühsame Regierungsbildung in Tschechien

"Über dem Regierungsviertel auf der Prager Kleinseite ist noch kein weißer Rauch aufgestiegen", schreibt Tomas Nemecek zur mühsamen Bildung einer Koalition in Tschechien nach den Wahlen vor einer Woche. "Bisher haben alle nur Nein gesagt, das Land kommt aus dem Patt nicht heraus. Das Nein zu einer Regierung (des konservativen Wahlsiegers) Topolanek, das Nein zu einer überparteilichen Beamtenregierung, das Nein zu einer großen Koalition (aus Sozialdemokraten und Konservativen) und das Nein zu vorzeitigen Wahlen - sie alle sind Teil des Artilleriefeuers zur Vorbereitung von Verhandlungen. Die können in diesem Jahr länger dauern, als wir es gewöhnt sind. Unter Ökonomen wird schon gewitzelt, dass zur Aufrechterhaltung des derzeit siebenprozentigen Wirtschaftswachstums nichts Besseres passieren kann als die Blockade des Parlaments." (12.06.2006)

The Guardian - Großbritannien

Selbstmorde in Guantanamo

"Selbstmord hat eine Urkraft zu schockieren, die andere menschliche Handlungen nicht haben", schreibt die Zeitung, nachdem sich drei Insassen des US-Gefängnisses in Guantanamo Bay erhängt haben. "In der arabischen Welt wird das dem Ansehen Amerikas und Großbritanniens weiter schaden. Es ist bereits beschmutzt durch die Bilder von Vergewaltigungen in Abu Ghraib und von den orangen Anzügen, Fußfesseln und Kapuzen in den Lagern X-Ray und Delta... Das schrecklichste an Guantanamo ist nicht, wie die Gefangenen physisch behandelt werden..., sondern das Verweigern von Gerichtsprozessen durch ein Land, dessen Identität auf Verfassungsrechten basiert." (12.06.2006)

SL Õhtuleht - Estland

Prostitution bei der Fußball-WM

Die estnische Europaabgeordnete Marianne Mikko kritisiert, dass anlässlich der Fußball-WM auch rund 40.000 Prostituierte aus Osteuropa nach Deutschland gekommen sind. "Die deutschen Behörden wollen gar nicht gegen die Organisatoren des Menschenhandels vorgehen, gegen die Bordellbetreiber. Dieses Unternehmertum, das vom Verkauf des menschlichen Körpers lebt, ist in Deutschland nämlich legal oder, man könnte sagen, sogar erwünscht, und oft genug werden Bordelle in einem fast verklärten Licht gesehen... Es ist kein Geheimnis, dass Bordelle bei Politikern, Geschäftsleuten und Kulturschaffenden populärer sind als beim Bevölkerungsdurchschnitt, und darum verteidigen sie die Prostitution." (12.06.2006)

La Stampa - Italien

Die Liebe der Franzosen zu Segolene Royal

"Sexier als die Bellucci", schreibt Cesare Martinetti über Ségolène Royal, die für die französischen Sozialisten bei den kommenden Präsidentschaftswahlen kandidieren möchte. Er versucht zu ergründen, wie Royal es auf den ersten Platz eines weltweiten Rankings der sexiesten Frauen schaffen konnte. "Die Dame ist heute eine nationale Angelegenheit. Ihre Beliebtheit steigt von Tag zu Tag, sie scheint die Einzige zu sein, die Nicolas Sarkozy 2007 schlagen kann... Sie verspricht Sicherheit und Ordnung und ihre Schneider tun das Übrige, indem sie das Dunkelgrau der Pariser politischen Klasse durchbrechen... Aber Segolene ist nicht zart... In dieser politischen Liebe der Franzosen zeigt sich etwas Perverses, mehr maso als sado. Die Zeitung Liberation brachte vor einigen Tagen ein Foto, das sich fetischistisch auf die Beine der Dame konzentrierte. Ségolène ist zu einem Objekt der Begierde geworden." (12.06.2006)

WIRTSCHAFT

Omni.lt - Litauen

Litauen und der Euro

Litauen darf den Euro nicht wie geplant zum 1. Januar 2007 einführen – wegen einer Inflationsrate, die um 0,1 Prozentpunkte über den Maastricht-Kriterien liegt. Jonas Cicinskas kommentiert bitter: "Alle bisherigen Erfahrungen mit der EU zeigen, dass es von den Interessen der EU-Führer und der politischen Interpretation der Kriterien abhängt, ob sie als erfüllt gelten oder nicht. So war es bei der Schaffung der Wirtschafts- und Währungsunion, beim Stabilitätspakt und bei den Konvergenzkriterien... Bei der letzten EU-Erweiterung mussten zwar die Kopenhagener Kriterien erfüllt werden, aber es gab noch eine Bedingung, von der alle wussten: Keiner durfte vor Polen in die EU eintreten, denn das lag im strategischen Interesse Deutschlands... Ein Beitritt Litauens zur Eurozone wäre keinerlei Bedrohung gewesen." (12.06.2006)

KULTUR

ABC - Spanien

Die Gattung der Erzählung

Der spanische Schriftsteller Luis Mateo Diez, dessen Anthologie von Erzählungen (El arbol de los cuentos) gerade erschienen ist, spricht mit Antonio Astorga über die Quellen seiner Inspiration. "Ich habe das Gefühl, meine Erzählungen fügen sich in die literarische Tradition. Es gibt zwar viele Sprachen, doch nur eine Literatur. Ich bin von den großen Geschichtenerzählern wie Poe, Maupassant und Tschechow beeinflusst... Bei Erzählungen darf es, anders als beim Roman, keine Ungenauigkeiten geben. Alle großen Erzählungen der Vergangenheit sagen etwas Substanzielles über das Menschsein. Mit außergewöhnlichen Momenten, mit intensiven Bewegungen, mit extremen Gefühlen oder auf abstrakte und manchmal beunruhigende Weise, wie bei Kafka." (12.06.2006)

Népszabadság - Ungarn

Kaffeehaus New York wiedereröffnet

Das legendäre Kaffeehaus New York in Budapest, eines der wichtigsten literarischen Kaffeehäuser der Donaumonarchie, ist nach umfangreicher Renovierung wieder eröffnet worden. Der Schriftsteller Ivan Bächer erinnert sich: "Einst gab es nicht nur im Kaffeehaus, sondern im ganzen Palast, sogar im ganzen Häuserblock in jedem Zimmer, jeder Ecke, jedem Winkel Journalisten, Schriftsteller, Verlage und Redaktionen." Doch die neuen italienischen Eigentümer hätten den literarischen Geist tot saniert, meint Bächer: "An der Wand ist eine Kiste aus Panzerglas zu sehen, in der einige Dutzend schöne alte Bücher hermetisch verschlossen sind. Ein Buchtresor. Bei der Eröffnungsfeier von 1895 warf Bühnenautor Ferenc Molnar den Schlüssel des Kaffeehauses in die Donau, auf dass diese glanzvolle Institution nie wieder geschlossen werde. Nach der Wiedereröffnung sollte man den Schlüssel der Panzerglaskiste in die Donau werfen, damit niemand zufällig auf die Idee kommt, hier in einem Buch zu blättern." (10.06.2006)

Público - Portugal

Das Kinofestival Festroia

Das 22. internationale Kinofestival "Festroia" ist am 11. Juni in Setubal zu Ende gegangen. "Der Film 'Was für ein herrlicher Ort' des israelischen Regisseurs Eyal Halfon hat den Goldenen Delphin für den besten Film und den Silbernen Delphin für den besten Regisseur bekommen", berichtet die Zeitung. "Anhand von vier sich kreuzenden Schicksalen zeigt dieser Film, wie wichtig Kontakt und die ethnische Verständigung in menschlichen Beziehungen sind und thematisiert mit Sorge die Diskriminierung von Immigranten." (12.06.2006)

LOKALE FARBEN

Corriere della Sera - Italien

Die Slow-Food-Bewegung feiert sich

1986 entstand in Italien als Antwort auf den Erfolg von Fast Food die internationale Slow-Food-Bewegung. Reporterin Marisa Fumagalli ist zur 20. Geburtstagsfeier der Bewegung, die sich der Entwicklung des guten Geschmacks und der Erhaltung der biologischen Vielfalt verschrieben hat und heute 104 Mitgliedsländer zählt, nach San Remo gefahren. "20 Jahre Kampf. Gegen gentechnisch veränderte Organismen, um nur ein Beispiel zu nennen... Slow-Food ist eine Philosophie mit Ursprung in Italien, die weltweit eine kulturelle Revolution ausgelöst hat... In San Remo hat die Bewegung ein neues Projekt ins Leben gerufen: Schul-Gemüsegärten, um die Kunst der Ernährung in Schulen zu lehren und die Kinder zu bewussten Konsumenten zu erziehen. Eine Utopie?" (12.06.2006)

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