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Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 16.06.2006

 

TOP-THEMA

Gehört das Internet den Bürgern?

Das Internet ist zu einem Mitmach-Medium geworden - Blogs, Wikis und von Usern produzierte Zeitungen erobern das Netz. Die Printmedien bleiben allerdings skeptisch und suchen nach einem Umgang mit diesen Phänomenen. » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Süddeutsche Zeitung - Deutschland, Neue Zürcher Zeitung - Schweiz, Der Standard - Österreich

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Die Zeitung druckt einen Auszug aus einem im Onlinemagazin edge veröffentlichten Essay, in dem der Computerwissenschaftler Jaron Lanier sich über das blinde Vertrauen in Wikipedia wundert und über "die Wiederauferstehung der Idee, dass das Kollektiv über eine allwissende Weisheit verfügt, die man zentral bündeln und lenken muss. Dies ist das Gegenteil von Demokratie und Meritokratie... Ein Kollektiv auf Autopilot kann ein grausamer Idiot sein, wie uns die Ausbrüche maoistisch, faschistisch oder religiös geprägter Schwarmgeister immer wieder vorgeführt haben. Es gibt keinen Grund, warum solche gesellschaftlichen Katastrophen in Zukunft nicht auch unter dem Deckmantel technologischer Utopien passieren könnten. Sollten Wikis weiterhin an Einfluss gewinnen, sollte man sie durch jene Mechanismen verbessern, die auch schon in der Welt vor dem Internet recht gut funktioniert haben... Die beste Richtlinie dafür ist, dem Individuum den Vorrang zu geben." (16.06.2006)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Rainer Stadler widmet sich kritisch den Verheißungen des Bürgerjournalismus, der mit der "Readers Edition" der Netzeitung im deutschsprachigen Raum eine neue Plattform gefunden hat. "Es bleibt höchst unwahrscheinlich, dass durch solche Plattformen eine völlig neue Art von Journalismus entsteht, wie die 'Readers Edition' vollmundig über sich schreibt. Zwar liebäugeln diverse Medienhäuser mit diesem publizistischen Genre, doch sind sie gerade nicht von der Idee des herrschaftsfreien Mediendiskurses geleitet. Vielmehr geht es um den Versuch, die zunehmend untreuer werdende Kundschaft durch interaktive Formen wieder besser an sich zu binden und die Kommunikationsbedürfnisse des Publikums in den hauseigenen Kanälen zu bewirtschaften... Hierin liegt der profane Kern des 'user-generated content', wie der Bürgerjournalismus im ebenso öden wie entlarvenden Medienbetriebsdeutsch auch genannt wird." (16.06.2006)

Der Standard - Österreich

Chefredakteur Gerfried Sperl schreibt über die Beliebtheit des Bürgerjournalismus, aber auch über seine Gefahren: "Weil Blogging (seltener) und Posting (meistens) anonym passieren, können sie zu Instrumenten des Gegenteils der Meinungsfreiheit werden. Massive Verletzungen der Menschenrechte sind nur eines der Probleme. Irritationen das andere. Unter dem Namen 'George Bush' kann man jederzeit posten. Ist er's oder ist er's nicht? Wie reagieren Internet-Zeitungen darauf?" Oft würden Postings vor ihrer Durchschaltung auf medienrechtliche oder andere Tatbestände geprüft. "Absolute Sicherheit gibt es keine. Viele Blogger jedoch akzeptieren jede Art von Postings, weil sie letztlich nicht belangbar sind. Und die umgekehrt auch die Glaubwürdigkeit des Internet-Journalismus gefährden." (11.06.2006)

REFLEXIONEN

El País - Spanien

Jorge Semprun über neuen Antrieb für Europa

Der spanische Schriftsteller Jorge Semprun analysiert die Ursachen der europäischen "Lähmung". "Den alten Motor, der das europäische Projekt bisher voran gebracht hat, kann man nicht so einfach reparieren. Man muss sein Gedächtnis bemühen, um zu verstehen, was es damals bedeutet hat, dass sich Frankreich und Deutschland gemeinsam hinter ein Projekt stellten und so die Wunden eines schrecklichen Krieges überwanden. Man stelle sich vor, wie es zukünftige Journalisten bewerten würden, wenn Israelis und Palästinenser gemeinsam ein erfolgreiches Projekt umsetzen würden, was heute ganz unvorstellbar ist. Die von Frankreich und Deutschland entworfene Idee von Europa hat nationale Ideologien überwunden. Heute ist das anders. Die Gleichgewichte zwischen den Ländern haben sich verschoben, es gab eine große Öffnung nach Osten, die Macht wurde neu verteilt. Es ist wichtig, dass die neuen EU-Länder jetzt eine Hauptrolle in Europa übernehmen." (16.06.2006)

Knack - Belgien

Rik Coolsaet über Vorurteile gegen Immigranten

Der belgische Politikwissenschaftler Rik Coolsaet setzt sich in einem Gastbeitrag mit Immigration auseinander. "Die Internationale Organisation für Migration hat uns einige Tatsachen wieder bewusst gemacht. Immigranten zahlen mehr Steuern, als dass sie Sozialhilfe beziehen (das bedeutet, dass sie 'unsere' Renten mitfinanzieren). Immigranten und Einheimische sind keine Konkurrenten um dieselben Arbeitsplätze (soll heißen: sie nehmen uns nicht 'unsere' Arbeitsplätze weg). Natürlich verläuft Immigration nicht problemlos... [Doch] die heutige Situation ist nicht schlimmer als früher. Im Gegenteil. Vor einem Jahrhundert wanderte ein Zehntel der Weltbevölkerung, heute sind es nur drei Prozent. Heutzutage kommen verhältnismäßig weniger Immigranten nach Europa als noch vor 30 Jahren." (16.06.2006)

POLITIK

Le Temps - Schweiz

Die Strategie der Menschrechtsverletzer

Eric Sottas, Gründer der Internationalen Organisation gegen Folter, äußert sich im Interview mit Richard Werly beunruhigt über den geringen Handlungsspielraum des neu geschaffenen UN-Menschenrechtsrates. Diese in der Schweiz angesiedelte Institution kommt am 19. Juni zu ihrer ersten Sitzung zusammen. "Es bleibt die Frage, ob es diese neue Institution in der Praxis schafft, ihre Agenda und ihre Ziele den 47 Mitgliedstaaten aufzuzwingen. Und das in einer Zeit, in der die Länder eine neue Strategie verfolgen. Die meisten haben verstanden, dass die absolute und simple Leugnung von Verbrechen nicht mehr möglich ist... Die Verteidigung von Ländern, die die Menschenrechte verletzen, besteht nun darin, die Ankläger - NGOs oder UN-Institutionen - mit Informationen zu überhäufen... mit dem Ziel, die laufenden Untersuchungen hinter Gesetzestexten und Initiativen versickern zu lassen." (16.06.2006)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

Dunja Melcic über den Hass der Serben

Die kroatische Autorin Dunja Melcic registriert in ihrem Land mit Sorge eine Rückkehr zur nationalistischen Ära Milosevic. "Jetzt sozusagen in der noch reineren Form des ganz alten, vorsozialistischen Nationalismus unter der alles durchdringenden ideologischen Oberhoheit der konservativen Serbischen Orthodoxen Kirche. Das Programm der Radikalen besteht in der Hauptsache aus der Wunschvorstellung von Großserbien - zusammen mit Kosovo und den verlorenen Teilen in Kroatien. Entsetzen erregte ein breit kolportiertes Reimchen, eine blutrünstige Huldigung an Ratko Mladic und das Massaker von Srebrenica, die zum Abschlachten von Bosniaken auffordert. Der Titel lautet: 'Töte, Mladic, töte'. Die serbische Mehrheitsgesellschaft schwelgt im Hass gegen alle ihre Nachbarn - wozu jetzt auch das 'Brudervolk' der Montenegriner gehört." (16.06.2006)

The Independent - Großbritannien

Blairs Bewunderung für Karl Marx

Charles Nevin kommentiert einen Brief, den Tony Blair 1982 an den damaligen Chef der Labour-Partei Michael Foot geschrieben hat und der jetzt entdeckt wurde. Der damals 29-jährige Anwalt Blair gibt darin seiner frühen Bewunderung für Karl Marx Ausdruck. "Genossen, egal welcher Gruppierung, welchen Kaders oder Landes, werden den Brief Blairs mit Interesse lesen, vor allem die Sätze: 'Durch den Marxismus kam ich zum Sozialismus' und 'Sozialismus muss sich an die klügsten Köpfe der Menschen richten. Das kann man aber nicht tun, wenn man durch eine pragmatische Machtphase zu sehr verdorben wurde'... Weniger ideologisch Engagierte werden sich fragen, ob dieser Brief die letzte Kritik Blairs an Amerika enthält. Und sie mögen spekulieren, wie anders die vergangenen 25 Jahre verlaufen wären - bedenkt man, dass Blair diese 22 Seiten in einem Anwaltsbüro schrieb - wenn ihm sein Chef nur etwas zu tun gegeben hätte." (16.06.2006)

Dnevnik - Slowenien

Russisch-europäische Energiepolitik

Borut Hocevar beobachtet, dass sich die Beziehungen zwischen Slowenien und Russland in den letzten Wochen intensivieren: Premier Janez Jansa besuchte mit einer Wirtschaftsdelegation Russland, anschließend fuhr der slowenische Präsident Janez Drnovsek nach Moskau und nun reiste Gasprom-Chef Aleksej Miller nach Slowenien. Hocevar vermutet, dass sich eine Abstimmung zwischen russischer und europäischer Energiepolitik anbahnt: "Gasprom kam sicher nicht nach Slowenien, um ökologische Probleme zu lösen. Zu den europäischen Verbrauchern sollen mehrere Leitungen gelegt werden. Ziel ist es unter anderem, Probleme wie vor einem Monat, als die Ukraine drohte, die EU de facto vom russischem Gas abzuschneiden, zu umgehen." (16.06.2006)

Gazeta Wyborcza - Polen

Bildungsminister will Geschichte zweiteilen

Der neue polnische Bildungsminister Roman Giertych von der rechtsklerikalen LPR will das Fach Geschichte in die Weltgeschichte und polnische Geschichte teilen, wobei Letzteres nationale Erziehung beinhalten soll. Piotr Pacewicz lehnt das entschieden ab: "Giertych sendet ein Signal: Nationaler Geist statt Bürgergesellschaft. Er ist gegen die Kombination von Patriotismus, der anderen Völkern gegenüber aufgeschlossen ist, mit europäischen Bestrebungen Polens... In ganz Europa sucht man nach Methoden, lokale, nationale und globale Geschichte zu verknüpfen. Doch es gibt zwei Länder in Europa, in denen die eigene Geschichte getrennt unterrichtet wird. Zwei ausgezeichnete Vorbilder für Giertych: Weißrussland und Russland." (16.06.2006)

La Libre Belgique - Belgien

Die rechten Parolen der Sozialistin Royal

Der belgische Publizist Gilles Dal fragt, warum die französische Sozialistin Segolene Royal ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich die Umfragen anführt. "Schon seit einigen Jahren kennen wir den unangefochtenen Führer der Rechten, Nicolas Sarkozy... Ein Rechter, den man mit ein paar Strichen skizzieren kann: eine Vorliebe für die Verantwortung des Einzelnen, für die Belohnung von Erfolg und für Repression ohne Zugeständnisse. Segolene Royal hingegen entspricht nur wenigen Klischees einer Frau der Linken. Sicher, sie behauptet, dass ihr Projekt sozialistisch sein wird. Doch gleichzeitig spricht sie von vom Militär überwachten Maßnahmen gegenüber Straftätern, was auch die Anwälte einer starken Rechten nicht ablehnen würden. Damit erzeugt Segolene Royal eine subtile Mischung aus Radikalisierung und Verschleierung in der Debatte... Segolene Royal verwischt ihre Spuren und mischt so die Karten des politischen Spiels neu." (16.06.2006)

WIRTSCHAFT

Hufvudstadsbladet - Finnland

Schwedens Rechte und die Atomkraft

Björn Sundell kommentiert, dass sich die bisher zerstrittenen konservativen Parteien Schwedens auf eine gemeinsame Haltung zur Kernenergie geeinigt haben. "Die kernkraftkritische Zentrumspartei verzichtet nun auf die Forderung nach einem Ausstieg aus der Atomkraft, die Folkpartiet verzichtet auf ihre Forderung nach neuen Kraftwerken. Der Kompromiss soll bis 2010 gelten und den Weg für eine bürgerliche Regierung ebnen. Nach 30 Jahren der Uneinigkeit wurde ein Kompromiss gefunden. Es war die Atomkraft, die vor 30 Jahren eine bürgerliche Regierung zu Fall brachte und seither den Block gespalten hat... De facto bedeutet der Kompromiss ein Signal an die Betreiber der Kernenergie, dass sich ihre Investitionen lohnen." (16.06.2006)

Le Monde - Frankreich

Wege aus der Krise für EADS und Europa

Der deutsch-französische Konzern EADS kann sich nach Ansicht der Zeitung vom Börsenkrach vom 14. Juni durchaus erholen. Dabei haben die Aktien innerhalb eines Tages 26 Prozent ihres Wertes verloren. Auslöser war die Ankündigung, dass es bei der Auslieferung des Riesen-Airbus A380 Verzögerungen geben wird. "Bei EADS waren die Augen größer als der Magen, als es Verpflichtungen einging, die seinen industriellen Kapazitäten nicht angemessen waren... Doch für EADS ist noch nicht alles verloren, denn seine Flugzeuge sind immer noch überall in der Welt präsent. Am 15. Juni hat Air China den Kauf von 24 Airbus A320 bestätigt. Doch um die Krise zu überwinden, muss der deutsch-französische Konzern auf jeden Fall seine innere Einigkeit verstärken, der industriellen Logik Vorrang geben und nationale Rivalitäten unter Kontrolle halten. Das wäre auch eine Art, Europa neuen Auftrieb zu geben." (16.06.2006)

MEDIEN

Politiken - Dänemark

Plädoyer für einheitlichen Musikstandard

Die Zeitung erinnert sich an die Zeit, als es einheitliche Musikstandards wie LPs und CDs gab. Sie bedauert, dass mp3-Downloads heute nur auf bestimmten Geräten abgespielt werden können, da Hardwareproduzenten wie Apple und Sony eigene Speicherstandards entwickelten, um illegales Kopieren zu verhindern. "Soll man, wie es das einst gab, gemeinsame Standards etablieren, auf die Gefahr hin, dass Kopieren leicht ist? Oder sollte man effektiven Kopierschutz akzeptieren, auf die Gefahr hin, dass die eigene Musiksammlung schnell unzugänglich werden kann? Man sollte als Verbraucher nicht vom Format abhängig sein. Es ist doch die Musik, die interessiert, und nicht ihr aktuelles Speichermedium. Wenn man für Musik bezahlt, dann sollte man das Recht erwerben, sie abspielen zu können, wo man will." (16.06.2006)

KULTUR

Libération - Frankreich

Der Komiker Raymond Devos

Der französische Schauspieler Francois Morel ehrt den französisch-belgischen Humoristen, Erzähler und Poeten Raymond Devos, der am 15. Juni im Alter von 83 Jahren starb. "Devos und der liebe Gott kannten sich persönlich. Auf jeden Fall. Dieselbe Leichtigkeit, dieselbe Wuchtigkeit, dasselbe Geschick, sich im Imaginären zu bewegen, dasselbe Talent, ein Universum zu schaffen. Und genau dieselbe Art, für das Paradies zu werben... Wenn Raymond Devos auf der Bühne stand, dann war das vor allem ein Körper, riesig in seinem blauen Anzug, und plötzlich federleicht trotz seiner Hosenträger, hopste er vom Klavier auf wie man aus einer Raumkapsel steigt und erinnerte so an die ersten Menschen auf dem Mond. Er war ein Komiker der Schwerelosigkeit. Ein Jongleur. Ein Magier. Ein Illusionist, der es schaffte, ohne Schwere korpulent zu sein. Ein übergewichtiger Fachmann für Eleganz." (16.06.2006)

The Guardian - Großbritannien

Hommage an The Smiths

Die Zeitung feiert die Alternativ-Rock-Band The Smiths, die in den 1980er Jahren den Weg für die britische Independent-Musik-Szene frei gemacht hat. "Vor 20 Jahren kam ihr erstes und bestes Album heraus: The Queen is Dead... Morrisseys Texte und Johnny Marrs Gitarre und Sythesizer schufen zusammen eine komplexe, beunruhigte Atmosphäre, die eine Sammlung sehr unterschiedlicher Songs zusammenhielt... Der Titel-Song - eine von Morrissey synchronisierte Rede zur Lage der Nation - zeichnete ein schiefes, aber trostloses Porträt eines zersplitterten Großbritanniens, dass sich immer noch am imperialen Größenwahn wärmte. Das Lied kam auf Platz 2, ein damals seltener Erfolg für ein Independent-Album, und machte so den Weg frei für die Musikszene im Manchester der späten 80er Jahre und die dann folgende Explosion des Britpop, der den Mainstream-Pop vor der Flaute rettete." (16.06.2006)

Mladá fronta Dnes - Tschechien

Tschechischer Underground in London

Der britische Dramatiker tschechischer Abstammung Tom Stoppard hat im Londoner Royal Court Theatre sein neues Stück Rock'n'Roll vorgestellt, das sich mit der musikalischen Untergrundszene in der kommunistischen Tschechoslowakei der 1970er Jahre befasst. Zur Premiere kamen Vaclav Havel, Mick Jagger und David Gilmour. "Das Stück", schreibt Lucie Rejchrtova, "ist eine Studie über Freiheit, Rebellion und Identität, mit dem Autor Stoppard auch seine eigene Geschichte aufführt. Er hatte die Tschechoslowakei nach dem kommunistischen Umsturz 1948 verlassen. Bei den Texten ließ er sich von den Liedern der ideologisch unangepassten Gruppe 'The Plastic People of the Universe' inspirieren, die von der Prager Staatssicherheit verboten wurde." (16.06.2006)

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