Navigation

 

Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 13.10.2006

 

TOP-THEMA

Orhan Pamuk - die Stimme der anderen Türkei

Dem türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk, der als einer der ersten türkischen Intellektuellen öffentlich über den Völkermord an den Armeniern gesprochen hat, wurde der Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Gleichzeitig verabschiedeten die französischen Abgeordneten ein Gesetz, das die Leugnung dieses Völkermordes unter Strafe stellt. Die europäische Presse fragt nach dem Zusammenhang dieser beiden Ereignisse. » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Público - Portugal, To Vima Online - Griechenland, La Croix - Frankreich, La Libre Belgique - Belgien, Dagbladet Information - Dänemark, Der Standard - Österreich, Gazeta Wyborcza - Polen, Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

Público - Portugal

Chefredakteur José Manuel Fernandes findet es paradox, dass "dieser offene, aufmerksame, mutige, ebenso türkische wie europäische Mensch genau an dem Tag den Nobelpreis zugesprochen bekam, an dem Frankreich einen extremistischen Weg beschritt, den er verurteilt... Ich beziehe mich auf das Gesetz, das die Leugnung des armenischen Völkermordes, einer ungeheuren historischen Tragödie, unter Strafe stellt... Frankreich hat über Europa, als dessen Herold es sich betrachtet, hochmütig hinweggesehen und just zu dem Zeitpunkt eine dissonante Meinung kriminalisiert, da unser Kontinent sich dafür einsetzt, dass Schriftsteller wie Pamuk auch in der Türkei das Recht auf eine dissonante Meinung haben. Deshalb kann ich als universalistischer Schriftsteller nicht anders, als auf der Seite Pamuks zu stehen. Gegen die türkischen Gesetze, die ihn auf die Anklagebank gebracht haben, und gegen den Fundamentalismus, mit dem sich die französischen Volksvertreter angesteckt haben." (13.10.2006)

To Vima Online - Griechenland

Zwei Türkeien sind sich gestern auf der Bühne des internationalen Geschehens begegnet, schreibt die Tageszeitung. Die eine ist bekannt und wurde von Mustafa Kemal Atatürk errichtet. Dieser Türkei hat der französische Staat gestern einen Messerstich verpasst mit der Entscheidung, jene zu bestrafen, die den armenischen Völkermord nicht anerkennen wollen. Der Nachhall der französischen Stimme ist auf der anderen Seite der Ägäis auch am heutigen Morgen noch zu vernehmen und die Konsequenzen für Frankreich werden nicht auf sich warten lassen. Die zweite ist die Türkei der Zukunft. Ein Land, das offen mit der Modernität flirtet und darauf gefasst ist, schon bald ein vollwertiges Mitglied der EU zu werden, wenn es auch seinen Traditionen stark verhaftet bleibt, es Mühe hat, seine Institutionen zu verändern, und die Mentalitäten sich kaum weiterentwickeln. Eine Türkei der Zukunft, in Gestalt von Orhan Pamuk, die von der schwedischen Akademie den Nobelpreis für Literatur bekommt." (13.10.2006)

La Croix - Frankreich

Dominique Quinio bedauert die Verabschiedung des Gesetzestextes, der die Leugnung des armenischen Völkermordes unter Strafe stellt. "Frankreich hat den armenischen Völkermord 2001 anerkannt. Das war das Entscheidende. War es wirklich notwendig, noch darüber hinauszugehen?... Sollten wir den türkischen Intellektuellen, die an der Vergangenheitsbewältigung in ihrem eigenen Land mitwirken und die die französische Initiative für unratsam halten, weil sie zu einer Radikalisierung des Streits führen könnte, nicht Gehör schenken? Verdienen sie nicht unsere Unterstützung und unser Vertrauen? Unter ihnen auch Orhan Pamuk, dem der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. Diese Auszeichnung gereicht seinem Land zur Ehre und verärgert die türkischen Nationalisten, die ihn, gerade weil er die armenische Frage aufgeworfen hat, vor Gericht gebracht haben. 106 französische Abgeordnete aller politischen Fraktionen haben sich anders entschieden." (13.10.2006)

La Libre Belgique - Belgien

"In den vergangenen Jahren hat die Nobelpreisjury oft zugunsten von Autoren entschieden, die Zeugnis von ihrem Land ablegen, die über die Probleme der Modernität schreiben und über die verwirrenden Mehrdeutigkeiten, die ihr Land zerreißen. Dies war, um nur zwei Beispiele zu nennen, beim Ägypter Naguib Mafhouz und beim Südafrikaner J.M. Coetzee der Fall", meint Guy Duplat. "Es ist kein Zufall, dass dieser Preis zu einem Zeitpunkt kommt, wo der EU-Beitritt der Türkei und die Anerkennung des armenischen Völkermordes auf politischer Ebene diskutiert werden ... Durch die Auszeichnung Pamuks feiert der Nobelpreis auch die Gedanken- und Redefreiheit des Schriftstellers. Dies ist eine wichtige Wahl angesichts der Beitrittsverhandlungen zwischen der EU und der Türkei und der Fundamentalismus-Debatte, die die Region noch immer bewegt." (13.10.2006)

Dagbladet Information - Dänemark

Feuilleton-Chef Peter Nielsen findet, die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Pamuk sei ein politisches Signal: "Die Türkei befindet sich mitten in einer sehr schwierigen Annäherung an den Westen, muss aber gleichzeitig das eigene kulturelle Erbe verwalten. Pamuk repräsentiert in gewisser Weise all das, was der Türkei zu schnell geht. In Europa wird Pamuk als der Türke wahrgenommen, der einen kritischen Blick auf das eigene Land wirft. Er war der erste Schriftsteller in der muslimischen Welt, der die Fatwa gegen Salman Rushdie verurteilte und sich für uneingeschränkte Meinungsfreiheit einsetzte. In der Türkei hingegen wird er als Europäer gesehen, der sich kritisch mit den inneren Angelegenheiten der Nation auseinandersetzt. Einige nennen ihn Nestbeschmutzer. Für ein Land ist es nicht immer einfach, den richtigen Ton zu treffen, wenn einer seiner unpopulären Repräsentanten den wichtigsten Literaturpreis der Welt erhält. Die große Frage ist deshalb, wie die Türkei reagieren wird." (13.10.2006)

Der Standard - Österreich

Cornelia Niedermeier schreibt über Pamuk: "Kein brillanter Stilist wurde in Stockholm mit Orhan Pamuk geehrt. Mitunter verirrt er sich in ungelenken Metaphern, verliert sich in Schilderungen und nicht immer überzeugenden Lebensweisheiten. Geehrt wird in Stockholm ein Autor, der eine Türkei des weiten Horizonts inkarniert, eine Türkei der Selbstreflexion und der Toleranz. Geehrt werden indirekt all jene Armenier, die seit Jahrzehnten im Exil leben und deren Los noch immer einer großen Mehrheit unbekannt blieb." (13.10.2006)

Gazeta Wyborcza - Polen

Adam Balcer vom Warschauer Zentrum für Oststudien meint im Interview mit Roman Pawlowski, man dürfe die Vergabe des Literaturnobelpreises an Orhan Pamuk nicht nur politisch sehen: "Nationalistische Gruppierungen in der Türkei werden behaupten, dass Pamuk ein trojanisches Pferd des Westens sei, das die Würde des türkischen Volkes in den Dreck ziehe. Doch daraus würde ich keine weitergehenden Schlussfolgerungen ziehen. Man darf Pamuks Werk nicht nur auf die armenische Frage einengen. Pamuk spricht viele andere Themen an, er schreibt über die türkische Identität, die Rolle der Religion, über das weltliche Establishment, die Beziehungen zwischen religiösen und laizistischen Gruppen. Er zeigt eine uneindeutige Türkei, deren Identität wie ein Mosaik ist. Das ist das größte Verdienst seines Schaffens." (13.10.2006)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

"Pamuk ist nicht nur die bedeutendste zeitgenössische literarische Stimme der Türkei, sondern einer der wenigen Repräsentanten des türkischen Kulturlebens, die international wahrgenommen werden", schreibt Hubert Spiegel. "Aber der Gefahr, im Westen für den Repräsentanten der Türkei, in der Heimat jedoch für einen Agenten des Westens gehalten zu werden, kann auch Pamuk nicht entfliehen. In seinen Büchern hält er dieses Dilemma nicht nur aus, sondern stürzt sich geradezu lustvoll in es hinein: Immer wieder und kreuz und quer durch die Jahrhunderte lässt er sich vom Wechselspiel der Kulturen und Traditionen faszinieren. Wenn Pamuk... ein Mittler zwischen den Kulturen ist, dann jedenfalls ein Mittler ganz eigener Art. Ihn interessieren weniger die so oft wohlfeil beschworenen Gemeinsamkeiten zwischen westlicher und islamischer Welt, als vielmehr jene Punkte, an denen die Gegensätze einander berühren. An diesen Punkten setzen seine Romane an, aus ihnen entfaltet Pamuk ein ungeheuer vielschichtiges, anspielungsreiches, nicht immer leicht zu verfolgendes Geschehen." (13.10.2006)

REFLEXIONEN

L'Express - Frankreich

Plantu über die Meinungsfreiheit der Karikaturisten

Der französische Karikaturist Plantu wird am 16. Oktober im Hauptquartier der Uno ein Seminar abhalten, das sich mit der Verantwortung der Pressezeichner beschäftigt. In einem Interview mit Dominique Simonnet erklärt er seine Auffassung von Meinungsfreiheit. "Die Zeichner müssen klug genug sein, durch Verbote hindurchzuschlüpfen, Bilder anzubieten, die auf keinen Fall fade, sondern provokant sein sollten, aber im ständigen Bewusstsein, dass sie von Fanatikern manipuliert werden können... Ich bekenne mich zur Selbstzensur!... Für mich ist der Karikaturist nicht nur ein Künstler, sondern auch ein Journalist, der in Bildern spricht... Vor diesem Hintergrund muss ich mir über meine Verantwortung klar werden, über die Art und Weise, wie meine Zeichnungen in Beirut oder Jerusalem aufgenommen werden. Das Internet bewirkt, dass jede Zeichnung gedeutet und weiterverwendet wird. Es bringt nichts, Menschen zu demütigen oder im Namen hehrer Prinzipien Gewalt zu provozieren." (12.10.2006)

La Vanguardia - Spanien

Michel Wieviorka über das Erbe der Kolonialzeit

Der französische Soziologe Michel Wieviorka kommentiert die Art und Weise, wie Frankreich und Spanien ihrer kolonialen Vergangenheit begegnen. "Klar ist, dass die Frage der Identitätsbildung durch Erinnerung – eine Debatte, in der immer wieder eine Wende im nationalen Diskurs gefordert wird - in Frankreich präsenter ist als in Spanien. Wie ist dieser Unterschied zu erklären?" Eine Antwort könnte lauten, dass "der spanische Staat, wenn er auch zentralistische Merkmale besitzt, offener ist als der französische, der eine jakobinische Berufung mit einem republikanischen Ideal verbindet, das jeder Anerkennung von Partikularismen feindselig gegenübersteht. Der französische Nationalstaat hat sich gebildet und gefestigt, indem er sich gegen die partikularen Identitäten innerhalb des Landes durchgesetzt hat und indem er die universelle Vorstellung seines 'zivilisierenden' Auftrags geprägt hat. Mit anderen Worten: ein kolonialistischer Auftrag, der darauf hinausläuft, Partikularismen zu leugnen." (13.10.2006)

POLITIK

Sme - Slowakei

Slowakische Regierungspartei abgestraft

"Die slowakische Regierungspartei Smer verliert für mindestens zehn Monate den Status als Mitglied der Partei der europäischen Sozialisten", informiert die Brüsseler Korrespondentin Katerina Safarikova. Smer wurde für ihre Regierungskoalition mit der rechtsextremen Nationalpartei bestraft. "Es handelt sich um die schärfste Sanktion, die nach dem Statut der europäischen Sozialisten möglich ist. In der 14-jährigen Geschichte des Parteienbündnisses wurde sie noch nie ausgesprochen. Auch die europäischen Christdemokraten und Liberalen haben bisher noch nie eine Partei aus ihren Reihen ausgeschlossen. Die Mitgliedschaft von Smer bei den europäischen Sozialisten wird nach den zehn Monaten nicht automatisch wieder erneuert, sondern nur, wenn sie ihre Zusammenarbeit mit den Rechtsextremen beendet." (13.10.2006)

Financial Times - Großbritannien

Frankreichs Reformbedarf

Dominique Moisi vom französischen Institut für Internationale Beziehungen (IFRI) analysiert das Klima in Frankreich vor den im kommenden Jahr anstehenden Präsidentschaftswahlen. "Ist es wichtig, ob Sarkozy über Royal siegt oder umgekehrt? In beiden Fällen gilt, dass die Ankunft einer neuen Generation an der Führungsspitze dem Land einen Energieschub verleihen würde. Frankreich ist viel dynamischer, als seine Kritiker meinen. Die französische Gesellschaft ist ihren politischen Eliten voraus. Es gibt zwar lautstarke rückwärtsgewandte Kräfte - es reicht ein Blick auf die mächtigen und drohenden Gewerkschaften... Doch die meisten französischen Bürger sind davon überzeugt, dass Strukturreformen richtig und notwendig sind. Frankreich kann sich nicht als einziges Land gegen eine Lösung der Probleme stellen. Wer auch immer die Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr gewinnt, wird denselben steinigen Weg der Reformen gehen müssen wie derzeit Deutschland." (13.10.2006)

KULTUR

taz - Deutschland

Entschleunigung in der Oriental Lounge

"Orientalische Cafés liegen im Trend", stellt Edith Kresta fest. Egal ob in Berlin, London oder Los Angeles, "hier ist das Männerbündlerische orientalischer Cafés längst passé, hier trinken die zumeist jungen Gäste Cocktails statt Tee zur Wasserpfeife, türkisch shisha genannt. Oriental Lounges sind die trendige Fortschreibung der Dönerbude. Sie kommen aus der ethnischen Nische und haben diese doch längst verlassen... Denn auch in der Türkei und der arabischen Welt erlebt die Wasserpfeife derzeit eine Renaissance als schickes Lifestyle-Accessoire. In Kairo, Beirut oder Istanbul werden viele Cafés, in denen Männer bislang unter Männern rauchten, auch von Frauen erobert. Was in Ägypten oder Tunesien zu Zeiten der gesellschaftlichen Modernisierung und republikanischen Umgestaltung als Gipfel orientalischer Faulenzerei und Nichtsnutzigkeit verpönt war - in Tunesien ist die Wasserpfeife, arabisch narghil genannt, bis heute aus der Öffentlichkeit verbannt -, wird nun im Alltag hektischer Metropolen als kommunikatives Mittel der Entschleunigung neu belebt." (12.10.2006)

The Guardian - Großbritannien

Die Londoner Kunstmesse Frieze

"Frieze ist das Ereignis im Londoner Kalender, bei dem sich Kommerz und Kunst ganz ungeniert und schamlos vermischen", schreibt Charlotte Higgins über die größte britische Kunstmesse, die tausende Kunstwerke aus aller Welt präsentiert. "Ein Stand kostet umgerechnet mindestens 10.000 Euro... Aber der Verkauf, vom Prestige und den Gelegenheiten zum Networking ganz abgesehen, ist es wert. Der Umsatz der Messe lag im vergangenen Jahr bei umgerechnet 50 Millionen Euro. Die Organisatoren bezeichneten das lediglich als Spitze des Eisbergs - angesichts der Umsätze nach der Messe... Sir Nicholas Serota, der Direktor von Tate, sagte: 'Das hier ist nur ein Ausschnitt der Kunstwelt. Künstler müssen leben, und Frieze ist ein Teil dessen, was im Kunsthandel passiert. Man darf das nicht mit dem vergleichen, was in Museen geschieht. Frieze ist nicht unbedingt repräsentativ für das, was in der Kunstwelt oder auf dem Kunstmarkt geschieht.'" (13.10.2006)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Kinofest für alle in Rom

In Rom eröffnet heute das neue internationale Filmfestival. "Was hat Rom, das Venedig nicht hat?", fragt Elsbeth Gut Bozzetti. Neben vielen anderen sieht sie einen besonderen Vorteil: Roms Bürgermeister Walter "Veltroni höchstselbst hat angeordnet, keine Freikarten auszugeben, damit das Publikum größere Chancen auf einen Eintritt habe: 'Es wird keine Bevorzugungen geben, alle kaufen ihre Eintrittskarten, Bürgermeister eingeschlossen.' Bei Preisen zwischen zehn und vier Euro, je nach Art, Ort und Uhrzeit der Vorführung, will das Festival, für das sich über 5.000 Presse- und Branchenvertreter akkreditiert haben sollen, tatsächlich jedem zugänglich sein." (13.10.2006)

LOKALE FARBEN

Pražský deník - Tschechien

Böhmen am Meer

Tschechiens Präsident Vaclav Klaus hat Warnungen von Klimaforschern vor einer globalen Erderwärmung wieder einmal als "irrational" bezeichnet. Nichtregierungsorganisationen wollten mit solchen Szenarien Einfluss auf die Politik gewinnen, ohne dafür ein Mandat zu haben, argumentierte Klaus. Die deutsche Tschechien-Korrespondentin Antje Buchholz lästert in einem Gastkommentar: "Professor Klaus von der Prager Burg zeigt sich immun gegen ganze Heerscharen von Experten... Aber wer weiß, eine extreme Klimaänderung muss für Tschechien nicht unbedingt von Nachteil sein. Für das Land könnte sich ein lang gehegter Traum erfüllen: Endlich läge Böhmen am Meer! An böhmischen Ufern könnten Schiffe anlegen, wie in Shakespeares 'Wintermärchen'... Der von den Tschechen allgemein benutzte Gruß 'Ahoj' - eigentlich ein alter Gruß der Seefahrer - bekäme dann endlich einen tieferen Sinn." (13.10.2006)

Weitere Inhalte