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Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 28.12.2006

 

TOP-THEMA

Der Gasstreit mit Weißrussland

Der russische Staatskonzern Gasprom will den Gaspreis für Weißrussland vervierfachen und droht damit, die Gaslieferungen einzustellen. Als Alternative schlägt Gasprom die teilweise Übernahme des weißrussischen Pipeline-Betreibers vor. Verliert der weißrussische Autokrat Alexander Lukaschenko mit Russland seinen letzten Verbündeten? Und was bedeutet dies für die Energieversorgung Europas? » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Helsingin Sanomat - Finnland, Népszabadság - Ungarn, Rzeczpospolita - Polen, Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Helsingin Sanomat - Finnland

Nach Ansicht der finnischen Zeitung zeigt der Gasstreit mit Weißrussland, dass die Zeit endgültig vorbei ist, in der Russland Öl und Gas an seine Verbündeten und Freunde zu Sonderkonditionen verkaufte. "Weißrusslands Präsident Lukaschenko glaubte, die besseren Karten zu haben, denn die wichtigste Gaspipeline nach Westeuropa verläuft durch sein Land, und er könnte dasselbe tun wie die Ukraine vor einem Jahr. Dreht er den Hahn zu, bedeutet dies auch einen Lieferstopp für Kaliningrad, Polen und Mitteleuropa." Deshalb wolle Gasprom das weißrussische Pipelinesystem übernehmen. "Gasprom hat Weißrussland ein neues Angebot gemacht: einen günstigeren Gaspreis und im Gegenzug eine Beteiligung von 50 Prozent am Pipelinebetreiber. Nach Ansicht von Analysten ist das nicht einmal ein schlechtes Geschäft für Weißrussland - aber es erhöht die politische Abhängigkeit Lukaschenkos von Moskau." (28.12.2006)

Népszabadság - Ungarn

Gergely Nyilas analysiert, welche Konsequenzen der Streit zwischen Gasprom und Weißrussland für die internationale Politik haben kann: "Der Konflikt stärkt womöglich die Position des weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Im März 2006 blieb er nach den vermutlich gefälschten Wahlen an der Macht. Brüssel machte keinen Hehl daraus, dass es den Anführer der demokratischen Opposition Alexander Milinkewitsch unterstützte. Im Gasstreit mit Moskau stehen aber Lukaschenko und die Opposition plötzlich auf der gleichen Seite: Beide meinen, dass der Pipelinebetreiber Beltransgas in weißrussischem Besitz bleiben muss und sehen darin eine Bedingung für die Unabhängigkeit des Landes. Gasprom hat viel zu verlieren: Ein Lieferstopp für Weißrussland würde auch die Lieferungen nach Polen betreffen. Die Welt würde Moskau vorwerfen, Weißrussland zu erpressen, um außenpolitische Ziele durchzusetzen." (28.12.2006)

Rzeczpospolita - Polen

Kommentator Piotr Koscinski sieht Weißrussland vor einer fatalen Alternative: mit Präsident Alexander Lukaschenko ein von Russland unabhängiger Staat zu bleiben oder sich als Moskaus enger Verbündeter ein wenig zu demokratisieren. Beides könne Polen nicht recht sein: "Seit mehreren Jahren hören wir das ewig gleiche Mantra: Wenn Russland nur wolle, könne es Lukaschenko vom Erdboden fegen. Mittlerweile scheint dies nicht mehr so klar. Alexander Lukaschenko kann sogar gewinnen, das heißt, seine Diktatur festigen. Wenn dies passiert, muss Polen ernsthaft darüber nachdenken, wie es mit dem Diktator umgehen wird, mit dem Putin allein nicht fertig wurde." (28.12.2006)

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Der Gasstreit mit Russland könnte das Fundament, auf dem Weißrusslands Diktator Alexander Lukaschenko seine Macht gebaut hat, ins Wanken bringen, meint Frank Nienhuysen. "Eine deutliche Preiserhöhung könnte Lukaschenko daheim teuer zu stehen kommen, sein Handlungsspielraum im Gasstreit ist also gering. Moskau ist einer der wenigen Verbündeten, die dem weißrussischen Diktator noch geblieben sind, eine offene Konfrontation mit Gasprom und dem dahinter stehenden Kreml kann Minsk nicht gewinnen. Ironischerweise müssten nun deshalb im Westen all jene, die das Ende der Lukaschenko-Ära herbeiwünschen, klammheimlich mit der russischen Preistreiberei sympathisieren. Umweltpolitisch sind die niedrigen Tarife ohnehin nicht länger zu rechtfertigen. Denn während Energie fast überall in der Welt ein knappes Gut ist, können es sich die Weißrussen bisher erlauben, sie zu verschwenden." (28.12.2006)

REFLEXIONEN

Frankfurter Rundschau - Deutschland

Mircea Dinescu über das rumänische Demokratiemodell

Im Interview mit Michael Kluth beschreibt der rumänische Schriftsteller Mircea Dinescu den Zustand der Demokratie in seinem Land: "Leider besitzt die rumänische Demokratie nach wie vor ihre Originalität. Wir wollten das schwedische Modell kopieren, das heißt Staatspräsident Ion Iliescu wollte es. Das ging schief, so wie in der Schule beim Abschreiben unter dem Tisch, wenn man seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Es kam ein schwedisches Modell chinesischen Ursprungs heraus. Es gab keine Schule der Demokratie. 50 Jahre Kommunismus haben die großen Vorbilder der rumänischen Demokratie zum Verschwinden gebracht. Die einen endeten im Gefängnis, die anderen starben nach der Entlassung. So wie der Kommunismus imitiert wurde, so wurde in Rumänien auch die Demokratie nachgeahmt. Jetzt treten wir der EU bei und die Dinge haben sich gebessert. Aber - obwohl endlich zumindest ein Teil der Securitate-Akten zugänglich ist - die Demokratie wird immer noch untergraben, solange wir nicht wissen, welche ranghohen Politiker für die Securitate gearbeitet haben. Wir sind auf dem Weg nach Europa wie ein Hund, der eine Konservendose hinter sich herzieht. Das Rasseln wird man noch ein Weilchen hören." (28.12.2006)

Le Figaro - Frankreich

Yves Michaud für "aggressive" zeitgenössische Kunst

Der französische Philosoph Yves Michaud reagiert auf ein Verfahren gegen den ehemaligen Leiter des Museums für zeitgenössische Kunst in Bordeaux, Henri-Claude Cousseau. Ihm wird vorgeworfen, Bilder ausgestellt zu haben, die als Kinderpornographie gewertet werden könnten. "Die zeitgenössischen Künstler verstehen sich immer noch als Kritiker und Avantgardisten. Sie wollen anklagen und schockieren, indem sie für sich volle Redefreiheit einfordern. Da ist es doch seltsam, dass sie schockiert reagieren, wenn das von ihnen zu Schock-Zwecken Gezeigte auch tatsächlich schockiert. Dann berufen sie sich auf eine Art Heiligkeit, da ihrer Auffassung nach die zeitgenössichen Kunst eine Art diplomatische Immunität innerhalb der künstlerischen Institutionen besitzen müsste. Man hat nicht übel Lust, sie daran zu erinnern, dass sie sich nicht verteidigen sollten, indem sie sich auf diese Immunität berufen und Unterschriften sammeln, sondern indem sie sich noch aggressiver geben und schlicht und ergreifend das Recht auf freie Meinungsäußerung in unserer ehemals demokratischen Gesellschaft einfordern, die leider dabei ist, eine scheinheilige und klerikale Gesellschaft zu werden." (28.12.2006)

Sme - Slowakei

Maros Balo über islamischen Fundamentalismus

Der slowakische Wirtschaftsanalytiker Maros Balo hält Europa vor, sich der Gefahren des islamischen Fundamentalismus - anders als die USA - nicht bewusst zu sein. Er fürchtet, "dass Europa aus Angst vor einer Eskalation des Konflikts lieber seine Werte negiert, zu denen zweifellos die Freiheit des Wortes gehört. Einen weiteren fatalen Fehler begehen die Europäer, wenn sie ihren Gegner unterschätzen. Wir begreifen die islamischen Terroristen zwar als gefährliche Fanatiker, machen uns aber nicht bewusst, dass sie auch sehr intelligent sind und an westlichen Universitäten studiert haben... Die christliche Zivilisation in Europa räumt (durch die ungebremste Zuwanderung seit den siebziger Jahren) ihren Platz zunehmend neuen Mehrheitsgesellschaften... Wenn Europa nicht sehr schnell begreift, auf welchen Fundamenten es steht, wenn es weiter seine christlichen Wurzeln negiert und in der EU-Verfassung über die Verständigung von Völkern und Religionen spricht, dann wird eine andere Zivilisation die Feder führen." (28.12.2006)

Le Soir - Belgien

Dominique Wolton über den Karikaturen-Streit

Im Gespräch mit William Bourton zieht der französische Medienwissenschaftler Dominique Wolton eine Lehre aus dem Streit um die Mohammed-Karikaturen, der Anfang 2006 die Welt bewegte. "Unsere eigene Übermedialisierung hat die Reaktionen der 'Straße' in der arabischen Welt beschleunigt... Auf beiden Seiten müssen wir uns darum bemühen, den anderen nicht durch Taten zu schockieren. Es stellt sich also die Frage der Gegenseitigkeit. Eine Art, in den darauffolgenden Monaten unserer Arbeit nachzukommen, wäre gewesen, dem arabisch-muslimischen Raum zu sagen: 'Gut, wir sollten Euch lieber nicht karikieren'. Um dann aber zu fragen: 'Wie stellt ihr die westliche Welt dar?' und 'Welchen Status billigt ihr, nicht so sehr den Juden (da es bekanntermaßen eine antizionistische oder gar antisemitische Rhetorik gibt), sondern den Christen des Nahen und Mittleren Ostens zu?'" (28.12.2006)

POLITIK

Financial Times - Großbritannien

Die Renaissance von Karl Marx in Europa

In Europa gibt es Bestrebungen, die Ideen von Karl Marx wiederzubeleben, stellt der britische Journalist John Thornhill fest. "Die letzte Welle der Globalisierung, die in vielerlei Hinsicht an die Zeit, in der Karl Marx lebte, erinnert, hat zweifellos zu einem neuen Interesse an seiner Kapitalismuskritik geführt. Auf dem Kontinent ist Marx nie wirklich aus der Mode gekommen - auch wenn marxistische Ideen unter Politikern eher zum verinnerlichten rhetorischen Reflex geworden sind als zu einem aussagekräftigen Programm für politisches Handeln... Auch Jacques Attali, der universal gebildete französische Bankier, hat in einer 2005 erschienenen Marx-Biographie hervorgehoben, wie bedeutsam Marx als Prophet für unser globalisiertes Zeitalter ist... Laut Attali beantwortet Marx Fragen, die gerade jetzt gestellt werden. Erst heute können wir Marx in seinem wahren Licht sehen, unbelastet von der Verbindung mit dem Experiment des Kommunismus." (28.12.2006)

The Irish Times - Irland

Irland unterstützt einen türkischen EU-Beitritt

"Die Türkei braucht die Hilfe eines ehrlichen Maklers wie Irland, wenn das Land faire Beitrittverhandlungen mit der EU haben möchte", argumentiert Terrorismusexperte Richard Whelan. "Der Beitritt der Türkei zur EU mag noch nicht gescheitert sein, aber er läuft schlecht und braucht die diplomatische Intervention eines unabhängigen und respektierten Mitglieds der EU... Irland, am geografisch anderen Ende der EU, hat bei seinem eigenen Beitritt schwierige Verhandlungen geführt und sollte die Herausforderung annehmen, sich für einen Beitritt der Türkei zur EU einzusetzen... Am 1. Januar übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Angela Merkel, die deutsche Kanzlerin, war lange gegen den Beitritt der Türkei zur EU und bevorzugt eine privilegierte Partnerschaft. Wenn der irische Außenminister Dermot Ahern nicht eine diplomatische Initiative ergreift, wird die Position der Türkei langsam aber sicher immer schwächer werden. Die westliche Orientierung der Türkei ist authentisch. Gleichzeitig glaubt das Land an eine Annäherung und nicht an den Kampf der Kulturen." (28.12.2006)

WIRTSCHAFT

Libération - Frankreich

Die mangelnde Integrationskraft des Euro

Pierre Haski schreibt zum fünfjährigen Jubiläum der Euro-Einführung: "Man könnte endlos streiten über die Mitverantwortung des Euro am tatsächlichen oder gefühlten Anstieg der Preise oder auch über die Vorteile, die ein starker Euro mit sich bringt. Vor allem aber krankt der Euro daran, dass er es nicht geschafft hat, auf europäischer Ebene zu einer 'großen Vereinigungskraft' zu werden... Sicherlich kann sich der Erfolg des Euro sehen lassen, gerade in technischer Hinsicht: Er erleichtert den Warenaustausch und begünstigt das Gefühl, einer Gemeinschaft zugehörig zu sein, und das sollte man nicht kleinreden. Aber die integrationsfördernde Hebelwirkung, die seine Gründerväter von ihm erwartet haben, hat er nicht entfaltet. Und jetzt, da dem europäischen Projekt die Luft ausgeht, da es niemanden mehr träumen lässt, muss es die Währung ausbaden. Man muss heute schon Slowene sei, um begeistert der Eurozone beizutreten, und das, obwohl es sich doch eigentlich um den Club der Wohlhabenden handelt! Europäische Ambitionen entstehen durch den Euro sicher nicht." (28.12.2006)

KULTUR

Berlingske - Dänemark

Einwanderer im Königlichen Theater Kopenhagen

Das Königliche Theater in Kopenhagen bietet Einwanderern Ermäßigungen an. Freiwillige "Kulturbotschafter" machen Dänen mit Migrationshintergrund auf Aufführungen aufmerksam und zeigen ihnen die Örtlichkeiten im Theater. Für 40 dänische Kronen können Einwanderer Mitglied in einem Klub werden und Vorstellungen besuchen, die sonst bis zu 525 Kronen (70 Euro) kosten. "Es ist ein weiter Weg, bis Einwanderer und Flüchtlinge im Publikum des Königlichen Theaters wahrnehmbar werden. Von den 550.000 Karten einer Saison kaufen sie weit unter einem Prozent. Aber nach den Berechnungen des Theaters geht es aufwärts. Seit den Sommerferien haben 2600 Dänen mit anderem ethnischen Hintergrund einen Nachmittag oder Abend im Königlichen Theater verbracht, bei Theater, Ballet oder Oper. Zum Vergleich: In der gesamten vorigen Spielzeit sind an dieselbe Gruppe nur rund 600 Karten verkauft worden." (27.12.2006)

The Times - Großbritannien

Über die Wahrheit in Biopics

Die Journalistin Valerie Grove macht sich Gedanken über die bevorstehende Uraufführung eines Films über das Leben der britischen Autorin Beatrix Potter (1866-1943), von der unter anderem das Kinderbuch "Peter Rabbit" stammt. "Der Biograf sucht die Wahrheit, der Regisseur sucht das Drama. Eine der ersten Biografen von Beatrix Potter, Judy Taylor, warnte mich vor der Freiheit, mit der der Film die Fakten behandelt, beispielsweise bei einer Szene, die eine Weihnachtsfeier in Potters Haus zeigt. Sie waren strenge Unitarier und haben Weihnachten nicht beachtet. Spielt das eine Rolle? Filmisch gesehen vielleicht nicht. Spielfilme sind keine Dokumentationen. Sie verändern und romantisieren Ereignisse. Darüber hinaus können Filme über Schriftsteller nie den kreativen Prozess zeigen: Nur ein Schriftsteller, der ein Schwätzer ist und/oder dramatische Konflikte in seinem Leben durchlitten hat, kann die Anforderungen des Kinos befriedigen. Für denjenigen aber, der sich für die Fakten interessiert, werden Biografien jedem Film überlegen sein." (28.12.2006)

LOKALE FARBEN

Diário de Notícias - Portugal

Portugiesen im Konsumrausch

Zeitungsverleger António José Teixera stellt fest, dass die Portugiesen in dieser Festzeit extrem konsumfreudig waren. "Noch nie waren die Portugiesen so verschwenderisch - vermutlich, um den strengen Sparkurs der Regierung zu vergessen... Kreditkarten waren in ständigem Einsatz. Jede Sekunde gingen fast tausend Euro über den Ladentisch, ein deutliches Anzeichen für die Konsumgier unserer Zeit... Dieses Phänomen kommt allerhand Moralpredigern gerade recht, entweder weil wir ein armes Land sind, das gerne reich wäre, oder weil wir uns immer weiter verschulden, oder auch weil alle Festtage zu Lobeshymnen auf den Konsum werden... Der 31. Dezember naht. Was gibt es da in diesem chronisch defizitären Land ohne soziale Absicherung Schöneres als nach Brasilien zu reisen, um die luftabschnürende Politik unserer Regierung zu vergessen? Die Flüge sind schon ausgebucht." (28.12.2006)

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