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Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 15.03.2007

 

TOP-THEMA

Die Durchleuchtung der polnischen Gesellschaft

Seit heute gilt in Polen ein Gesetz, das Journalisten, Hochschuldozenten, Lehrer, Anwälte und Politiker verpflichtet, offen zu legen, ob sie während des Kommunismus mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet haben. Das in Polen stark umstrittene "Lustrationsgesetz" geht weiter als andere Versuche der Vergangenheitsbewältigung in Osteuropa und ist vergleichbar mit dem deutschen Stasi-Unterlagen-Gesetz. » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
El País - Spanien, Le Soir - Belgien, Trybuna - Polen

El País - Spanien

"Es ist die wichtigste Aktion seit dem Beginn ihrer Jagd auf Kollaborateure [mit dem kommunistischen Geheimdienst], die die beiden konservativen Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczynski, Präsident und Premierminister Polens, seit ihrem Amtsantritt eröffnet haben - und sie verblüfft Europa", erklärt Christina Galindo. "Das so genannte 'Lustrationsgesetz' tritt heute in Kraft und verpflichtet mehrere hunderttausend Polen (zwischen 400 000 und 700 000), auf die Frage zu antworten: 'Haben Sie heimlich und wissentlich mit dem kommunistischen Geheimdienst zusammengearbeitet?' Die Frage spaltet die Polen. Die Unterstützer dieser Initiative meinen, dass sie ein transparenteres System schafft und dass man nichts zu befürchten braucht. Die, die sich dagegen stellen, denken, dass das Gesetz verfassungswidrig ist und viele von ihnen drohen damit, es zu boykottieren." (15.03.2007)

Le Soir - Belgien

"Das Prinzip der polnischen 'Lustration' ist richtig, kommt aber ungefähr 20 Jahre zu spät", meint Pol Mathil. "Man hätte die Unterlagen der Staatssicherheit schon während des friedlichen Übergangs von der Diktatur zur Demokratie 1989 bis 1990 öffnen und daraus die Maßnahmen ableiten müssen... Es ist naiv zu glauben, dass eine auf solche Weise angegangene Aktion mit einer solchen Verspätung einen 'neuen Menschen' hervorbringen wird... Im Gegenteil, es ist zu befürchten, dass diese Durchleuchtung einer anderen Zeit den nationalen Zusammenhalt nicht wiederherstellt, sondern die Spaltung der Polen noch verschlimmert. Auch die paradoxen Aspekte dieser Lustration erhöhen ihre Glaubwürdigkeit nicht. Ihre Schlussfolgerungen basieren auf den Dokumenten, die die kommunistische Staatssicherheit erstellt hat, die dafür bekannt war, ihre Archive gern zu fälschen... Es ist nicht möglich, eine Revolution - so wie es die 'Zwillinge' gern hätten - auf einer solchen Grundlage zu errichten." (15.03.2007)

Trybuna - Polen

Nicht nur die Medien sind in der Diskussion um das "Lustrationsgesetz" gespalten - die konservative Rzeczpospolita ist dafür, die linke Gazeta Wyborcza dagegen - auch die Journalistenverbände sind polarisiert: Im Unterschied zum großen Polnischen Journalistenverband hat der Vorsitzende des kleinen linken Journalistenverbandes der Republik Polen, der Chefredakteur des Wochenmagazins Przeglad, Jerzy Domanski, die Durchleuchtung der Medien scharf verurteilt. Im Gespräch mit Krzysztof Lubczynski erklärt er: "Ich glaube, dass die Lustration ein Teil eines umfassenderen Projektes ist und dass die jetzige Regierung an allen Fronten gegen die Verfassung arbeitet... Aus journalistischer Sicht halte ich das Gesetz für einen Racheakt an den Medien, weil sie die Regierung kritisiert haben; für einen Versuch, sie so zu disziplinieren, dass sie nicht mehr kritisch sind. Es ist der Versuch, die Medien und die Journalisten einzuschüchtern." (15.03.2007)

REFLEXIONEN

taz - Deutschland

Antisemitismus in Europa

"Der Antisemitismus in Europa nimmt zu", konstatieren Michael Kiefer und Eberhard Seidel und nehmen das Phänomen des islamischen Antisemitismus ins Visier. "Dieser islamisch übertünchte Antisemitismus stellt ein Problem dar. Er ist jedoch kein religiöses Phänomen. Wer so urteilt, verkennt die Dimension des modernen Antisemitismus: dass er im Kern ein flexibler Code ist, der sich problemlos in säkular oder religiös begründete Ideologiekonglomerate einbauen lässt. Sein Erfolgsrezept: In einer wenig kuscheligen globalisierten Welt bietet er ein Welterklärungsmuster, das mit der Hilfe abstruser Verschwörungsfantasien einen Schuldigen für die ganze Misere benennt: die Juden." (15.03.2007)

Diário de Notícias - Portugal

Luciano Amaral für europäische Vielfalt

Für Luciano Amaral zeugt die Idee eines gemeinsamen europäischen Geschichtsbuches von einem falschen Verständnis des Föderalismuskonzepts der EU. "Dieses Buch steht für die Spannung zwischen zwei Ideen von Europa: Die eine ist, dass die Staaten, die sich so abgemüht haben, um sich herauszubilden, erhalten bleiben, und die andere ist, dass sich diese Staaten in eine einzige, große, europäische Einheit integrieren müssen. Aber dieses zweite Konzept, das immer mehr Anhänger findet und deren Ausdruck der Verfassungsentwurf ist, widerspricht absolut den Gründen für die bisher erfolgreiche europäische Integration... Der Zentralstaatsgedanke verweist auf die schlimmsten Ursachen der gewalttätigsten europäischen Konflikte. Im Unterschied dazu ist die Europäische Union, wie sie heute existiert - dezentralisiert, subtil und vielfältig - ein großer politischer und wirtschaftlicher Erfolg, ein Synonym für Frieden und Wohlstand... Welchen Grund gibt es, etwas zu verpfuschen, was gut funktioniert?" (15.03.2007)

POLITIK

Dagens Nyheter - Schweden

50 Jahre Europa - eine Bilanz

Die Zeitung nimmt den bevorstehenden 50. Jahrestag der Römischen Verträge am 25. März zum Anlass, den Zustand Europas zu analysieren. Sie sieht dabei die Umsetzung der vom britischen Historiker Timothy Garton Ash aufgestellten Kriterien Freiheit, Frieden, Gesetz, Wohlstand, Vielfalt und Solidarität in den Mitgliedsstaaten kritisch: "Die Freiheit wird von Korruption beschnitten, vor allem in den neuen osteuropäischen Mitgliedsländern. In der EU selbst gibt es ebenfalls demokratische Defizite. Der Frieden scheint gesichert, doch Russland weckt derzeit alte Erinnerungen. Als der Balkankrieg begann, mussten die USA zur Hilfe eilen, weil es der EU allein an Kraft fehlte. Recht und Gesetz sind das Fundament einer offenen Gesellschaft. Doch die EU ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Im Osten und Südosten gibt es gesetzlose Gegenden... Überall hat der 'Kampf gegen den Terror' die Rechtsicherheit aufgeweicht. Der Wohlstand ist zwar groß, aber ungerecht verteilt. Die Vielfalt ist Europas politische Schwäche und gleichzeitig ihre kulturelle Stärke. Die Solidarität hat zwar zur Erweiterung der EU geführt, aber Europa ist auch die Hochburg der Heuchler. Nach innen herrscht freier Handel, nach außen werden Menschen und Waren ferngehalten." (14.03.2007)

Le Figaro - Frankreich

Franzosen lehnen das "reale Europa" ab

Eine Umfrage hat vor kurzem gezeigt, dass sieben von zehn Franzosen "stolz darauf sind, Europäer zu sein". Stéphane Marchand fragt sich, wo das Frankreich des "Neins" [gegen die europäische Verfassung] geblieben ist. "Es scheint, als ob es in den französischen Köpfen zwei Europas gebe. Die Franzosen lieben die Schönheit und Größe der europäischen Idee in der Theorie, doch was ihre Anwendung angeht fürchtet man sich vor den Risiken... In jedem Land der Europäischen Union und besonders in denen, die am weitesten entwickelt sind, ist es nicht einfach, die Idee Europas mit dem real existierenden Europa zu versöhnen. Es bräuchte mehr politische Pädagogik. Darin besteht ohne Zweifel die größte Schwäche Frankreichs... Die Präsidentschaftswahl am 22. April wird in Paris eine neue Generation von Führungskräften auftauchen lassen. Wenn diese es - wie versprochen - unternehmen, Frankreich zu reformieren, wird es möglich sein, mit der Doppelzüngigkeit aufzuhören und die Franzosen zu erziehen, Europa als das zu akzeptieren was es ist: eine große Idee, an der noch immer gearbeitet wird." (14.03.2007)

La Repubblica - Italien

Europäische Ohnmacht vor der Macht Russlands

Am Rande des Besuchs von Wladimir Putin in Rom am 13. März hat Italien eine Reihe von Wirtschaftsabkommen mit Russland unterzeichnet. Inmitten der zeremoniellen Umarmungen hat man die Menschenrechte und die Demokratie vergessen, beklagt Sandro Viola. "Putin hat die höchsten europäischen Ehren empfangen und ist den EU-Staatschefs mit Umarmungen, Augenzwinkern und Auf-die-Schulter-Klopfen begegnet... Geschäft ist Geschäft. Der Energiebedarf ist keine leichte Sache und wir sind von den russischen Gas- und Erdöllieferungen abhängig... Wie also soll man den komatösen Zustand beschreiben, in dem sich die Demokratie in Russland befindet: das Ersticken der Opposition, die Maskerade eines Parlamentes, das nur noch dafür da ist, die Wünsche des Chefs abzunicken, der Skandal einer unverfrorenen Verwaltung, die von der Exekutive gelenkt wird? Wie können wir ausdrücken, dass wir mit den unglaublichen Maßstäben, mit denen man in Moskau neuerdings misst, angesichts der bevorstehenden Wahlen nicht einverstanden sind?" (15.03.2007)

Delfi - Litauen

Politisches Desinteresse der Litauer

Olegas Lapinas überlegt, warum es bei den litauischen Kommunalwahlen am 25. Februar eine so geringe Wahlbeteiligung gab: "Weniger als die Hälfte der Wähler ist überhaupt nur zu den Urnen gegangen. Es scheint, als sei das politische Leben in unserem Land eingeschlafen. Viele Bürger behaupten schlichtweg, dass sie sich nicht für Politik interessieren. Politik hat aufgehört ein allgemeines Gesprächsthema zu sein... Als die Panzer rollten, es keine Zeitungen und kein Fernsehen gab, strömten die Bürger auf die Straßen und auf die Barrikaden. Aber heute, sechzehn Jahre später, gibt es keine solchen Großereignisse mehr, die die Massen mobilisieren könnten." (15.03.2007)

Sme - Slowakei

Der slowakische Nationalismus und das Verhältnis zu Tiso

Vor 68 Jahren entstand erstmals ein selbstständiger slowakischer Staat - ein von Hitlers Gnaden eingerichteter klerikal-faschistischer Satellitenstaat. "Es gab Zeiten, und das ist noch gar nicht so lange her, da hat dieses Datum die Menschen auf die Straße getrieben. Massen haben auf den Plätzen gefeiert und dabei gleichzeitig den föderalen Staatspräsidenten ausgebuht", erinnert Marian Lesko an das Jahr 1991, als der damalige tschechoslowakische Präsident Vaclav Havel in Bratislava von aufgebrachten Tiso-Anhängern beschimpft worden war. Dass der Priester Josef Tiso, Präsident dieses Hitlerschen Vasallenstaates (1939-45), bis heute von einigen Slowaken verehrt wird, hält Lesko für skandalös: "Diejenigen, die Tiso allein aus dem Grund in Schutz nehmen, weil er ein Priester war, übersehen Unübersehbares. Tiso bekannte sich zu Hitler zu einer Zeit, als dieser in den Lagern Millionen Menschen ermorden ließ... Der Prozess der Vergangenheitsbewältigung mit dem Jahrestag und Tiso dauert schon viel zu lange." (14.03.2007)

La Voix du Luxembourg - Luxemburg

Luxemburg als Bindeglied der Europäer

Der Journalist Laurent Moyse freut sich, dass der luxemburgische Premier Jean-Claude Juncker am 12. März in die Französische Akademie der Moralischen und Politischen Wissenschaften aufgenommen wurde. "Die Wissenschaftler der Akademie haben in erster Linie den Europapolitiker empfangen, jenen, der ... unermüdlich für die Annäherung der europäischen Völker gearbeitet hat... Es ist der Beweis, dass es Luxemburg schafft, sich in Europa durchzusetzen, indem seine Führer eine Brücke zwischen den Nationen bauen, die ihnen am nächsten stehen, angefangen beim deutsch-französischen Paar... Es ist eine Kunst, Brücken zwischen den Kulturen zu errichten und eine Eigenschaft, die sich die Luxemburger freiwillig zueigen gemacht haben. Die Krönung ihres Ministerpräsidenten durch die Akademie spiegelt in einer gewissen Weise den Wunsch des Volkes wider, als Bindeglied zu wirken - was nicht immer offensichtlich ist - also zwischen zwei Sphären, in denen ihnen nichts völlig fremd ist und in denen sie einen Teil ihrer kreativen Energie darauf verwenden, sich eine eigene Identität zuzulegen." (15.03.2007)

MEDIEN

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Hat das Urheberrecht noch eine Zukunft?

Der Medienkonzern Viacom hat die von Google erst kürzlich übernommene Video-Website YouTube wegen Urheberrechtsverletzungen auf eine Milliarde Dollar Schadensersatz verklagt. "Bei YouTube kann jeder Nutzer Videoclips online stellen - und das wird munter getan", schreibt Heribert Prantl. "Das Schicksal der Klage gegen YouTube wird ein Indikator dafür sein, wie viel Zukunft das Urheberrecht noch hat. Wenn die Klage Erfolg hat, dann ist auch das Duell zwischen Google und den Verlagen um die Welt-Bibliothek wieder offen. Wenn es dem Google-Konzern gelingt, den globalen Buchbestand in einer digitalen Bibliothek zu erfassen, dann wäre das Zeitalter des herkömmlichen Buchgeschäfts zu Ende. Die Klage folgt amerikanischem Recht. Betrachtet man die Angelegenheit nach deutschem Recht, fällt einem der Artikel 14 Grundgesetz ein. Der Schutz des Eigentums gilt auch für das geistige Eigentum." (15.03.2007)

KULTUR

Lidové noviny - Tschechien

Kommunistische Verbrechen - ein Thema für Hollywood?

Über die tschechische Frauenrechtlerin und Widerstandskämpferin Milada Horakova, die 1950 in einem Schauprozess von den Kommunisten zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war, soll in amerikanisch-australischer Koproduktion und mit Top-Schauspielerbesetzung ein Kinofilm gedreht werden. Eine "Hollywood-Chance" nennt das Martin Weiss, der hofft, dass der Film die Verbrechen des Kommunismus weltweit sichtbar macht. "Die Schicksale der Menschen, die sich mit dem Kommunismus auseinanderzusetzen hatten, hat früher niemand gekannt oder es gab kein Interesse. Das alles hat dazu geführt, dass die Verbrechen der kommunistischen Regimes in der globalen Populärkultur heute nicht den Platz einnehmen, der ihnen zustehen würde: nämlich direkt neben Apartheid und Pinochet. Ein internationaler Film über Milada Horakova würde das ändern. Dafür lohnte es sich auch, ein gewisses Maß an süßlicher Melodramatik in Kauf zu nehmen." (15.03.2007)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Martin Luthers Geburtshaus wiedereröffnet

In Eisleben wurde das "denkmalgeschützte Ensemble, das aus Martin Luthers Geburtshaus und der angrenzenden Armenschule von 1817 besteht, restauriert und um ein Besucherzentrum sowie einen Ausstellungsflügel ergänzt", berichtet Jürgen Tietz und kommentiert begeistert: "Mit ihrem Museumsbau ist Jörg und Klaus Springer eine kluge Stadtreparatur gelungen, welche die Maßstäblichkeit und Materialität des Ortes beachtet und zugleich einen deutlichen architektonischen Akzent setzt. Angesichts des gegenwärtigen Streits, der um die Ergänzung der Berliner Museumsinsel durch die James-Simon-Galerie von David Chipperfield tobt, eignet dem Neubau eine fast schon pikante Note. Mit ihm zeigt das kleine Eisleben dem großen Berlin, wie es gelingen kann, ganz ohne öde Historismen eine Welterbestätte durch qualitätvolle zeitgenössische Architektur weiterzuentwickeln." (15.03.2007)

ABC - Spanien

Umstrittene Ausstellung von Moreno Montoya

In einer Ausstellung setzt der spanische Fotograf José Antonio Moreno Montoya in seinen Bildern einige Akteure des katholischen Glaubens und viele Funktionäre der spanischen Provinz Extremadura in Szene, die ihn finanziell unterstützt haben. Nun liegt eine Anzeige gegen Montoya wegen "Ehrverletzung religiöser Gefühle" vor. Ironisch kritisiert Ignacio Camacho die Fotos Montoyas, die für ihn "die größte gotteslästernde Pornographie und eine vulgäre Provokation sind. Und diese Arbeit wurde auch noch von der Gemeinschaft Extremaduras subventioniert. Natürlich kann man modern und avantgardistisch sein, aber dass die Steuerzahler diese Modernität finanzieren, geht zu weit... Wenn dieser berühmte Cartier-Bresson Extremaduras, dieser gefeierte Hamilton der Steppe, dieser bemerkenswerte Man Ray der Korkeichen, seinen unglaublichen Mut darauf verwendet hätte zu zeigen, wie Mohamed mit seiner jüngsten Frau Aischa masturbiert oder wie er mit einem Kamel Sodomie betreibt, hätte er keinen Platz auf Erden gefunden, um sich vor der Wut der Söhne Allahs zu verstecken. Und keine Allianz der Zivilisationen hätte eine blutige Fatwa gegen die Politiker verhindern können, die fähig sind, einen solchen skatologischen Wahnsinn zu subventionieren." (15.03.2007)

Prospect - Großbritannien

Terry Eagleton über das Schreiben von Biografien

Der Literaturwissenschaftler Terry Eagleton von der Universität Manchester kritisiert eine neue Biografie des Autors T.S. Eliot von Craig Raine und denkt über den neuen Hang zum Tendenziösen in diesem Genre nach: "Warum fühlen sich Literaturwissenschaftler verpflichtet, die Autoren, über die sie schreiben, zu verteidigen - so wie begeisterte Eltern, die gegenüber jeder Kritik an ihren unausstehlichen Kindern taub sind? Dass Eliot ein verdienter Autor ist, steht außer Zweifel. Aber wenn man ihn so vollkommen wie den Erzengel Gabriel darstellt, tut man ihm keinen Gefallen. Es stimmt, dass der Dichter ein säuerlich-elitärer Reaktionär war, der mit einigen unappetitlichen politischen Zeitgenossen der 1930er Jahre mitlief und als Christ zwar viel von Glaube und Hoffnung verstand, aber wenig von Nächstenliebe. Allerdings waren die politischen Ansichten vieler Künstler der Moderne genauso armselig und die manch anderer - wie die Pounds und die Jüngers - waren noch viel schlimmer. Es gibt keine Notwendigkeit, so zu tun, als ob die größten Schriftsteller alle treuliebende, liberale, philosemitische Heterosexuelle waren. Warum schreibt Raine so als würde es unsere Sicht auf die Four Quartets verändern, wenn wir wüssten, dass Eliot ein Pädophiler war?" (01.03.2007)

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