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Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 08.10.2007

 

TOP-THEMA

Gordon Brown lässt doch nicht wählen

Gordon Brown lässt doch nicht wählen

 

Nach wochenlangen Spekulationen hat der britische Premierminister Gordon Brown angekündigt, keine Neuwahlen stattfinden zu lassen. Der Labour-Partei war bei Umfragen nur noch ein geringer Vorsprung vor den Konservativen vorausgesagt worden. Die europäischen Zeitungen sehen Browns Rückzug kritisch. » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Süddeutsche Zeitung - Deutschland, Die Presse - Österreich, The Daily Telegraph - Großbritannien

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

"Wenn Briten etwas wirklich missfällt, dann sind es Hochmut und Großspurigkeit - und Labour machte sich beider Verfehlungen schuldig", kommentiert Wolfgang Koydl den Rückzieher Gordon Browns. "Triumphalistisch sprach man davon, die Opposition zu 'vernichten' und 'in den Staub zu treten'. Und Brown, der sich gerade noch als über den Parteien stehender Vater der Nation ausgegeben hatte, tauchte in die Niederungen des Wahlkampfes ab... Nun wird die Opposition Hohn und Spott über Brown vergießen, weil er sich vor einer Wahl drückte, welche die Konservativen sehnlichst herbeigefleht hätten. Doch in Wirklichkeit sind sie für den Aufschub dankbar. Sie wissen, dass sie diesmal nicht gewonnen, sondern höchstens Labours Mehrheit hätten reduzieren können. Aber sie sind sich sicher: Je später nun gewählt wird, desto wahrscheinlicher wird der Machtwechsel." (08.10.2007)

Die Presse - Österreich

London-Korrespondent Axel Reiserer kommentiert Browns Entscheidung: "Es steht ein trüber Herbst bevor. Die Opposition reagierte auf Browns Rückzieher erwartungsgemäß mit Spott und Hohn. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung erweckt die Entscheidung Browns den Eindruck, als hätte der 56-jährige Premier Angst vor seinem Herausforderer bekommen... Gar mancher hat dieser Tage – auf Brown gemünzt – das alte englische Kinderlied vom 'Grand Old Duke of York' auf den Lippen, der seine Truppen zuerst den Hügel hinaufmarschieren lässt, um sie dann unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Und wieder von vorne. Gordon Brown ist in wenigen Tagen vom starken Mann zur Witzfigur geworden." (08.10.2007)

The Daily Telegraph - Großbritannien

"Gordon Brown hatte den wohl kürzesten Honeymoon der britischen Politikgeschichte", meint Janet Daley. "Erschien er vorher als die Verkörperung von Würde und Entschlossenheit, so gilt er nun als doppelzüngiger Opportunist - und kein besonders schlauer dazu... Das Versprechen von Oppositionsführer David Cameron auf Steuersenkungen wirkte so verheißungsvoll, dass Brown nun, um im Spiel zu bleiben, dringend nachziehen muss. Das wird Camerons Position tragischerweise nicht untergraben, sondern - im Gegenteil - stärken... Wenn Labour Steuersenkungen kritisiert, profitiert Cameron davon, und wenn die Partei sie selbst aufgreift, ebenfalls." (08.10.2007)

REFLEXIONEN

taz - Deutschland

Micha Brumlik über die Kirchen und die multireligiöse Gesellschaft

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik analysiert die Haltung der evangelischen und katholischen Kirche zum Islam in Deutschland. Beide hielten an einem absoluten Wahrheitsanspruch ihrer Religion fest: "Versucht man, diese Befunde zu deuten, so bleibt kaum ein anderer Schluss übrig, als dass die christlichen Kirchen in Deutschland der Weiterentwicklung des Landes zu einer multireligiösen Gesellschaft keineswegs mit fröhlicher Zuversicht entgegensehen, sondern mit einem gerüttelt Maß an ganz unchristlicher Angst. Schrumpfende gesellschaftliche Macht und Verunsicherung der eigenen Mitgliedschaft gehen Hand in Hand. Angst und Abwehr sind indes allemal schlechte Ratgeber. Sosehr es die Aufgabe der Kirchen in Zukunft sein wird, verängstigten Christenmenschen in ihren meist nicht immer unbegründeten Befürchtungen ernst zu nehmen, so sehr sollten sie darauf achten, in ihren Theologien nicht genau das zu reproduzieren, was sie dann im seelsorgerlichen und sozialen Bereich mühsam wieder ruhigstellen müssen." (08.10.2007)

Le Soir - Belgien

Tzvetan Todorov hält die Idee einer Avantgarde für überholt

Im Gespräch mit dem Journalisten William Burton äußert der französisch-bulgarische Philosoph Tzvetan Todorov Zweifel an der Idee einer politischen Avantgarde: "Zum einen handelt es sich um eine Elite, die für die Masse denkt und handelt, die sozusagen die 'Nachhut', die 'arrière-garde', bildet... Der Künstler beschreitet nur ihm bekannte Wege, er unterwirft sich nicht einer allgemein gültigen Vernunft und ist daher auch niemandem Rechenschaft schuldig. Ähnlich ist es auch in der Politik: Nach dem leninschen Konzept ist die Partei die Avantgarde des Proletariats...; die Massen wissen nicht, welchen Weg sie einschlagen sollen, also müssen sie den Vorschlägen ihrer Avantgarde folgen... Wir wissen mittlerweile aus Erfahrung, dass diese Politik in die Katastrophe führt. Die Idee der Demokratie, die vor 100 Jahren in Verruf gekommen war, ist heute unser politisches Ideal. Wir glauben nicht mehr an die Weisheit einer politischen Avantgarde und vertrauen, etwas bescheidener, auf das Urteil der Meinungsforscher." (08.10.2007)

POLITIK

Polityka - Polen

Ein Lob der polnischen Demokratie

Der deutsche Politologe Klaus Bachmann vertritt die These, der Ausgang der polnischen Parlamentswahlen am 21. Oktober sei nicht wirklich entscheidend. "Die polnische Politik nach 1989 zeichnet sich nämlich durch eine sehr hohe Stabilität und Kontinuität aus. Im Unterschied zu Deutschland, Italien, Belgien und vielen anderen Ländern, sind die Kräfte in Polen, die Demokratie, Marktwirtschaft und prowestliche Orientierung tatsächlich in Frage stellen, bloß eine Randerscheinung... Dem Anschein zum Trotz werden die Wahlen nicht darüber entscheiden, ob Polen in Europa isoliert wird oder ob es den ihm gebührenden Platz einnehmen wird. Medien und Beobachter schenken den Worten der Politiker zu viel und den Taten zu wenig Aufmerksamkeit. Jede Regierung nach 1989 hat zuerst mit dem Fuß gestampft und mit dem Säbel gefuchtelt, um dann in Brüssel alles zu unterschreiben, was die Union verstärkt. Die Kaczyński-Regierung unterscheidet sich nur dadurch von ihren Vorgängern, dass sie besonders heftig gestampft und anschließend besonders schnell und salopp alles unterschrieben hat, was notwendig war. (03.10.2007)

Sme - Slowakei

Zweifelhafte slowakische Geschichtspolitik

Der slowakisch-ungarische Streit über die Beneš-Dekrete geht weiter. Der sozialdemokratische slowakische Kulturminister Marek Madaric sagte am Wochenende zu den Vertreibungen vieler Ungarn nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei: "Nicht ein Ungar wurde ausgesiedelt, weil er Ungar war; nur Verräter und Kollaborateure waren betroffen." Marian Lesko ist entsetzt: "Madaric weiß nicht, was er da sagt. Historiker haben längst nachgewiesen, dass neben den Ungarn, die freiwillig der angedrohten Gewalt wichen, viele gegen ihren Willen zum Weggehen aus ihrer Heimat gezwungen wurden." Diese törichte Aussage sei bei Madaric keine Ausnahme. "Dieser Minister war auch der erste, der Andrej Hlinka [den klerikal-faschistischen slowakischen Führer aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts] als Vater der Nation bezeichnete. Erst danach schlug die rechtsextreme Nationalpartei (SNS) vor, das Parlament solle Hlinka entsprechend würdigen. Kein Wunder, dass der Eindruck entsteht, die Sozialdemokraten befänden sich im Schlepptau der Rechtsextremen." (08.10.2007)

Politiken - Dänemark

Mit Kopftuch ins Parlament?

Die linksgerichtete dänische Einheitsliste berät derzeit, ob die muslimische Feministin Asmaa Abdol-Hamid die Partei als Kandidatin für die Parlamentswahl repräsentieren darf. Die Politikerin, die schon als Fernsehmoderatorin umstritten war, trägt Kopftuch und gibt Männern nicht die Hand. Die Zeitung kommentiert: "Entscheidend im dänischen Zusammenhang ist, dass Asmaa Abdol-Hamid selbst das Kopftuch gewählt hat und es anderen nicht aufzwingen will. Das Gleiche gilt für den Handschlag... Indem sie auf zwei religiösen Symbolen besteht, hat sich Asmaa Abdol-Hamid entschlossen, unsere Toleranz auf die Probe zu stellen... Wir wissen nicht, ob sie genug Stimmen für ein Folketing-Mandat sammeln kann. Aber eines wissen wir mit Bestimmtheit: Mag sein, dass es Asmaa Abdol-Hamid ist, die jetzt ein politisches Examen ablegen muss. Aber als Gesellschaft sind wir durch die große Toleranz-Prüfung schon lange durchgefallen." (08.10.2007)

MEDIEN

Dagens Nyheter - Schweden

Schwedens meist gelesener Blog wurde eingestellt

Schwedens populärster Blogger, Alexander Schulman, hat in der vergangenen Woche seinen wöchentlich von mehr als einer Viertelmillion Lesern angeklickten Blog auf der Homepage der Zeitung Aftonbladet geschlossen. Die Leser hätten sich vor allem an Gemeinheiten gegenüber namentlich benannten Personen weiden wollen, er sei "angeekelt von sich selbst", begründete Schulman seinen Schritt. Nun debattiert Schweden über den Sinn von Blogs. Maria Schottenius bezeichnet es als einen großen Irrtum, "dass Blogs bahnbrechend für unsere Zeit sind, vergleichbar mit dem Einzug von Internet oder Radio. Dieser Wahn hat eine Hysterie bei ansonsten seriösen Journalisten ausgelöst. Es ist betrüblich, dass respektable Journalisten sich so krampfhaft Unwesentlichem widmen. Klatsch lockt Leser. Aber wie viele Blogger werden eigentlich gelesen? Und welchen Schluss sollen wir daraus ziehen, dass die populärsten Worte bei Blog-Suchen 'Sex' und 'Porno' sind?" (06.10.2007)

KULTUR

Libération - Frankreich

Rugby stiehlt der Kunst die Show

Zeitgleich mit der Pariser Langen Nacht der Künste, der Nuit Blanche, fand am vergangenen Samstag das WM-Rugbymatch zwischen Frankreich und Neuseeland statt, das Frankreich überraschend gewann. Rugby hat der Kunst die Show gestohlen, berichtet Gilles Renault. "Zu Beginn des Abends war der Platz am Hôtel-de-Ville wortwörtlich schwarz vor Menschen, die vor einer Riesenleinwand miterleben wollten, wie Frankreich den All Greys unterliegt. Bei dieser Konkurrenz musste die Nuit Blanche zurückstecken. Viele schlenderten zwar durch die Gegend, aber weniger als in den vergangenen Jahren. In der Kirche Saint-Eustache... drängelten sich die Besucher nicht gerade, um ein ausladendes, leicht sibyllinisches Werk von Lydia Dambassina 'kontemplativ zu betrachten', wie sich eine liebenswürdige alte Dame am Empfang ausdrückte. Es besteht aus drei Teppichen auf dem Boden, einer davon deckt mehrere Paar Schuhe ab." (08.10.2007)

El Mundo - Spanien

Katalanen bei der Frankfurter Buchmesse

"Es scheinen im Moment mehr Schritte zurück als vorwärts möglich zu sein," schreibt Núria Cuadrado zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse am 9.Oktober, bei der in diesem Jahr Katalonien Gastland ist. "Viele wichtige Autoren - fast 130 - sind mit dabei, aber sie schreiben alle nur katalanisch. Doch trotz der Kritik und der Aufregung, die die Einladung Kataloniens hervorgerufen hat, zeigt die Auswahl des Institut Ramon Llull unter der Leitung von Josep Bargallo eine katalanische Kultur zwar mit einer 'einzigartigen' Literatur, aber doch mit 'universellen' anderen Kunstformen: Neben dem literarischen Programm hat das katalanische Kartell Ausstellungen, Theaterstücke, Tanz, Filmvorführungen und Konzerte im Programm - bei denen auch Künstler mit dabei sind, die sich in anderen Sprachen ausdrücken als [die katalanischen Schriftsteller] Josep Pla et Salvador Espriú." (08.10.2007)

24 heures - Schweiz

Sammelsurium statt Biennale

Françoise Jaunin hat sich die Biennale de Lyon angesehen. "Lyon, Venedig, Istanbul, Dakar, Shanghai, Montréal... Jede Woche beglückt uns eine andere Kunstbiennale. Inzwischen gibt es 120 Veranstaltungen dieser Art. Da kann einem schwindelig werden... Die 1991 entstandene Biennale de Lyon hat zu diesem Boom beigetragen und wird ihn weiter anheizen. Wie findet und behauptet man seinen Platz bei einer solchen Fülle? Die diesjährige Biennale hat ein paar Neuerungen, die beim Publikum ankommen: Die hervorragenden Führungen für Kinder und Erwachsene sind sehr gefragt. Abgesehen von einigen guten Ideen und Absichten ist das Resultat nicht ganz so überzeugend. Es stimmt, wir leben in einer Zeit, die weder von dominanten Strömungen noch von Ideologien geprägt ist. Lyon bestätigt den Eindruck eines großen Neben- und Durcheinanders, bietet eine zugleich zersplitterte wie globale Version der Gegenwart. Vorherrschend ist der Eindruck eines Potpourris und eines beliebigen Musterkatalogs. Die Auswahl erinnert eher an das wilde Durcheinander einer Kunstmesse, als dass sie ein überlegtes Konzept verriete, wie man es von einer Kunstbiennale erwartet." (08.10.2007)

LOKALE FARBEN

La Stampa - Italien

Parteienüberschuss in Italien

"Die Zahl der Parteien in Italien wächst monatlich, wöchentlich, inzwischen sogar täglich", berichtet Luca Ricolfi. Nach der Wahlliste des Komikers Beppe Grillo, der Freiheitspartei und der Bürgerbewegung der Girotondi hat nun auch der ehemalige Ministerpräsident Lamberto Dini eine Liste mit dem Namen 'Liberaldemokraten' angekündigt. Die Sozialisten versuchen es mit der x-ten Neugründung. "Warum dieser Aktivismus?... Italien ist Champion, was monothematische Parteien angeht. Wir haben eine Umweltpartei, eine Laizismuspartei und eine Hausfrauenpartei - nicht zu reden von den ganzen regionalen Bündnissen. Auch in anderen modernen Ländern gibt es monothematische Parteien - aber nur Italien hat so viele künstliche Parteien, die in den Laboratorien der politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Eliten entstehen." (08.10.2007)

BRÜSSELER SPITZEN

Cinco Días - Spanien

Juristisches Sprachwirrwarr

Der britische Anwalt Ian Forrester beschreibt die Verständigungsschwierigkeiten beim Gericht erster Instanz des Europäischen Gerichtshofs, der unter anderem für Wettbewerbsfragen zuständig ist. "Der Präsident Bo Vesterdorf ist Däne und sitzt einem Gericht vor, dessen Arbeitssprache französisch ist. Aber ein Großteil der Klagen wird auf Englisch eingereicht. In Luxemburg als Verteidiger zu arbeiten, ist eine große Herausforderung für einen Anwalt. Man kann davon ausgehen, dass bei einem Gericht, dessen Richter aus 27 verschiedenen Ländern kommen, die Mehrheit der Richter einer normalen Kammer mit fünf Richtern eine andere Muttersprache haben als die Verhandlungssprache. Spricht ein Anwalt zu schnell, dann muss der (hoch qualifizierte) Übersetzer einen Teil seiner Worte auslassen oder zumindest vereinfachen... Früher war Latein die Wissenschaftssprache. Es war sicher schwer, diese Sprache zu sprechen, die Sprecher erfanden neue Worte oder begingen grammatikalische Fehler, aber zumindest haben sie einander verstanden." (08.10.2007)

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