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Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 18.10.2007

 

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Europäische Identitäten und der Euro

Europäische Identitäten und der Euro

 

Vor dem EU-Gipfel in Lissabon sind noch einige wenige Streitfragen offen. Eine davon ist die bulgarische Forderung, die europäische Währung müsse zusätzlich in kyrillischen Buchstaben als "Ewro" bezeichnet werden. Welcher Zusammenhang besteht zwischen nationaler Identität und der Gemeinschaftswährung? » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
taz - Deutschland, Hufvudstadsbladet - Finnland, Klassa - Bulgarien, Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

taz - Deutschland

Für Brüssel-Korrespondentin Daniela Weingärtner ist der Konflikt um die Euro-Schreibweise grundsätzlicher Natur. "Denn die Münzen und Scheine der europäischen Einheitswährung führen bildlich vor Augen, worüber in Lissabon bis zur letzten Minute gefochten wird: Um die richtige Balance zwischen Einheit und Vielfalt... Mittelfristig mögen sich solche Konflikte zwischen dem Wunsch nach Vielfalt und der Notwendigkeit zur Einheit in einem Europa der Regionen lösen lassen, dessen nationalstaatliche Ebene überflüssig geworden ist. Doch derzeit scheint der Nationalstaat eher eine Renaissance zu erleben... Wenn der Euro die starke Einheitswährung bleiben soll, die er in den sieben Jahren seiner Existenz geworden ist, dann müssen die Bulgaren auf den ihnen vertrauten Wortstamm EBPO verzichten." (18.10.2007)

Hufvudstadsbladet - Finnland

Björn Mansson hat Verständnis für die Forderung Bulgariens, die Währungsbezeichnung auf den Euro-Scheinen künftig auch in kyrillischen Buchstaben zu drucken. "Finnlands Premier Vanhanen glaubt an eine technische Lösung. In Finnland sind wir ja an zweisprachige Texte gewöhnt. Eine Lösung wäre, kleinere Buchstaben zu verwenden, wie sie häufig für Minderheitensprachen angewendet werden... Oder man verwendet künftig nur noch das Währungszeichen €. Abgesehen davon ist es ein Glück, dass die Schweden, die wie die Bulgaren noch nicht Teil der Eurozone sind, 'Euro' schreiben, obwohl sie hartnäckig 'Ewro' sagen. Vielleicht würde die bulgarische Schreibung 'Ewro' ihnen eine Übernahme der Währung doch erleichtern?" (18.10.2007)

Klassa - Bulgarien

Die Zeitung findet das Anliegen Bulgariens, den Euro mit kyrillischen Buchstaben zu schreiben, unverständlich: "Wir sind Zeugen der törichtsten Schlacht, die die bulgarische Politik je geschlagen hat. Ewro oder Euro: Gibt es da einen Unterschied? Nein. Stattdessen ist der Schaden groß. Wir haben die Montenegriner beleidigt, dieses kleine, aber strategisch wichtige Land würde es uns auf Jahrzehnte nicht verzeihen, wenn wir ihm den Weg in die EU versperrten." Bulgarien hatte gedroht, die Unterschrift unter ein Assoziierungsabkommen mit Montenegro zu verweigern. "Europa stehen wegen Polen oft die Haare zu Berge, doch geht es dabei immer um realpolitische Interessen und nicht um Buchstaben." (18.10.2007)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Der EU-Ministerrat hat kritisiert, dass in Montenegro der Euro als Währung fungiert - obwohl das kleine Land überhaupt nicht in der EU ist. Martin Woker überlegt, was zu tun ist: "Eine eigene Währung erfinden? Zu teuer. Die Währung eines Nachbarlands übernehmen, so wie auch andere Kleinstaaten Europas? Etwa die kroatische Kuna, die bosnische Konvertibla-Marka, den albanischen Lek oder gar den serbischen Dinar? Niemals! Die stolzen Montenegriner mit nachbarlichem Geld im Sack. Ausgeschlossen. Denkbar wäre einzig die Übernahme der in Kosovo zirkulierenden Währung. In Pristina haben die Bankomaten Kosovos europäische Integration längst vollzogen und spucken aus, was der gesamte Balkan sich wünscht: den Euro." (18.10.2007)

REFLEXIONEN

Open Democracy - Großbritannien

KA Dilday über die wertkonservative Haltung von Immigranten

Die französisch-marokkanische Immigrationsforscherin KA Dilday vom Washingtoner Institute of Current World Affairs schreibt über Politiker aus Immigrantenfamilien. "Die erste oder zweite Immigrantengeneration gehört zu den besonders eifrigen Verfechtern nationaler Identität in ihren jeweiligen europäischen Heimatländern." Dilday bezieht sich auf die schwedische Integrationsministerin Nyamko Sabuni, die ehemalige niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali und den aus Pakistan kommenden britischen Abgeordneten Shahid Malik. "Wenn jemand grundsätzlich an den Nationalcharakter appelliert und beispielsweise geltende soziale Normen gegen vermeintlich importierte hochhält, dann ist die Diskussion gleich erfüllt von Erinnerungen an vergangene Grenzüberschreitungen im Namen des Erhalts kultureller Reinheit. Wenn jemand den Nationalcharakter verteidigt, der dem nationalen Phänotyp entspricht, dann wirft man ihm leicht Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus vor. Kommt dies aber von einem Immigranten oder einem Immigrantenkind, dann klingt das nach erfüllter Verheißung und dem Sieg der Ideale und Sitten des neuen Landes." (17.10.2007)

Süddeutsche Zeitung - Deutschland

Jeanne Rubner über gemeinsame Geschichtsbücher

Die EU ist vielen Geschichtsbüchern nur ein paar Seiten wert, bedauert Jeanne Rubner. "Achtklässler hierzulande lernen weitaus mehr über die Römer als über die Römischen Verträge, Zehntklässler wissen mehr über die Pharaonen als über die Gründungsväter der Europäischen Gemeinschaft... Pläne für ein europäisches Geschichtsbuch sind bislang boykottiert worden, polnische Historiker haben sofort gewarnt, dass es eine gemeinsame Interpretation der Geschichte nicht geben könne. Dahinter steht auch die Furcht, ein Gemeinschaftsbuch würde die Nationen dazu zwingen, ihre Identität aufzugeben. Das muss nicht sein, wie das neue, hervorragende deutsch-französische Geschichtsbuch belegt. Es diktiert kein Geschichtsbild, sondern transportiert eine differenzierte Sichtweise beider Nationen auf ihre gemeinsame Geschichte und auf die der EU." (18.10.2007)

POLITIK

Trouw - Niederlande

Komplizierter Reformvertrag

Die niederländische Zeitung kommentiert das Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs, das heute und morgen in Lissabon stattfindet: "Alles spricht dafür, dass sie sich auf den Reformvertrag einigen. Es wird ein kompliziertes Rahmenpapier sein, das die klare, aber gestorbene Verfassung ersetzen soll. Der neue Vertrag ist keineswegs so klar, der frühere Verfassungsvertrag dagegen war es schon. Die Artikel beziehen sich auf gewünschte Änderungen hinsichtlich der alten europäischen Verfassung und lesen sich wie folgt: 'Nummer VIII mit den abschließenden Bestimmungen wird Nummer VI; diese Nummer wird ebenso wie die Artikel 48, 49, 51, 52 und 53 geändert, wie in den Punkten 55, 56, 60 und 62 angegeben'. Selbst die erfahrensten Politikwissenschaftler werden den Reformvertrag kaum entziffern und erklären können." (18.10.2007)

Libération - Frankreich

Die Scheidung der Sarkozys

Die Scheidung von Nicolas Sarkozy und seiner Frau Cécilia scheint ausgemacht. Laurent Joffrin erklärt, dass das Präsidentenpaar einfach kein Eheglück simulieren wolle. "In der Vergangenheit haben selbst Präsidentenpaare, die sich schon getrennt hatten oder die nur noch wenig miteinander verband, den Anschein gewahrt. François Mitterrand, der ein Doppelleben führte, dessen Windungen heute bekannt sind, hat erstaunliche Anstrengungen unternommen zu verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt... Zu dieser Zeit gab es noch ein stilles Einverständnis darüber, dass der Einzelne mit seinem Begehren und seinen Schmerzen angesichts der kollektiven Moral zurückstecken muss. Der Präsident musste doch - egal wie es in Wirklichkeit um seine Ehe stand - ein gutes Beispiel für ein Familienleben im Einklang mit der Tradition sein. Die Generation der 60er und 70er Jahre meint, die alte Institution Ehe müsse sich mit individueller Freiheit vereinbaren lassen." (18.10.2007)

The Guardian - Großbritannien

Großbritannien sichert sich Gebiete in der Antarktis

Großbritannien beansprucht einen Teil des Meeresboden in der Antarktis. Michael Bravo vom Scott-Institut für Polarforschung kommentiert: "Die größten Industrienationen der Welt inklusive Großbritannien suchen neue Energievorkommen, fern des instabilen Nahen Ostens und unabhängig von Russland... Die Entscheidung Großbritanniens ist eine wohlkalkulierte Antwort auf die kürzliche 'Eroberung' des Nordpols durch die Russen. Die Russen hatten ein U-Boot losgeschickt, die russische Fahne am Nordpol auf dem Meeresgrund aufzustellen... Viele hielten dieses Fahnenhissen für unnötig theatralisch, ein Nachklang des Imperialismus aus Sowjetzeiten. Doch das britische Außenministerium, das anderen Ansprüchen auf die Antarktis zuvorkommen wollte, unternahm schnell einen ähnlichen Schritt: Es hofft, gestützt durch das Völkerrecht, seine Ansprüche bei der zuständigen internationalen Behörde für den Meeresgrund geltend machen zu können." (18.10.2007)

Dnevnik - Bulgarien

Entpolitisierung der Realpolitik

Unter den Kandidaten bei den bulgarischen Kommunalwahlen sind auffallend viele Leistungssportler und Popstars. Mladen Dotschew sieht darin eine beunruhigende Tendenz der bulgarischen Politik: "Es bilden sich seltsame regionale Partei-Konglomerate um unklare Privatinteressen. Der Einzug von Prominenten aus Medien, Sport und Musik, die Lichtjahre von den aktuellen Themen der Realpolitik entfernt sind, sowie die Beteiligung der Businessparteien am Wahlkampf zeigen, dass sich unser politisches System in der Krise befindet. Die Entpolitisierung hat ihren Ausgangspunkt im allmählichen Zerfall des Zweiparteiensystems zwischen 1999 und 2001. Die großen Akteure haben das unterschätzt." (17.10.2007)

Dagens Nyheter - Schweden

Sozialbetrug in Schweden

Nach einer neuen Studie ist Sozialbetrug in Schweden viel weiter verbreitet als bislang angenommen. 16 Prozent der Befragten gaben freimütig zu, schon unrechtmäßig Arbeitslosen- oder Krankengeld bezogen zu haben. Die Zeitung kommentiert: ”Außenstehenden war es lange unbegreiflich, dass Schweden so hohe Steuern hat, ohne dass die Menschen revoltieren. Die gängigste Erklärung war, dass wir unsere Steuern zahlen, weil wir wissen, dass wir Hilfe bekommen, wenn wir Hilfe brauchen... Dass wir darauf vertrauen können, gerät nun in Gefahr... Die Regierung hat viel zu tun. Wer keine Steuern zahlt und sich von den öffentlichen Kassen versorgen lässt, nimmt Geld von seinen Kollegen und Nachbarn. Wir bezahlen alle – mehr oder weniger – für soziale Leistungen. Das gilt es allen einzuhämmern, bevor es noch mehr Betrüger gibt." (18.10.2007)

WIRTSCHAFT

Le Temps - Schweiz

Streiks in Frankreich

In Frankreich ist heute der öffentliche Nahverkehr von Streikmaßnahmen betroffen. Die Gewerkschaften wenden sich gegen die von der Regierung vorgesehene Streichung von Sonderrechten bei Staatsangestellten wie etwa eine frühere Pensionierung. Sylvain Besson glaubt, dass die entscheidende Schlacht noch aussteht: "Die Botschaft der zum Streik aufrufenden Gewerkschaften geht weit darüber hinaus: Auch wenn ihn 53 Prozent der Franzosen gewählt haben, wird Nicolas Sarkozy sein Programm nicht ohne Widerstände durchsetzen können. Man könnte glatt darauf wetten, dass es in allen von den Reformen betroffenen Bereichen zu Protesten kommen wird. Indem er Sonderrechte streicht, ohne andere, wichtigere Maßnahmen zu ergreifen (etwa ein neues Arbeitsrecht oder Steuerreformen...), geht der Präsident ein ziemliches Risiko ein. Er will und kann keinen Rückzieher machen, da dies Schwäche signalisieren und noch ausstehende Reformprojekte gefährden könnte." (18.10.2007)

KULTUR

La Libre Belgique - Belgien

In der Höhle Alberto Giacomettis

Das Pariser Centre Pompidou zeigt seit dem 17. Oktober eine Retrospektive unveröffentlichter Werke Alberto Giacomettis. 600 Arbeiten des Schweizer Künstlers (1901-1966) sind zu sehen und finden, wie Roger Pierre Turine schreibt, eine standesgemäße Würdigung: "Der Reiz dieser x-ten Retrospektive liegt darin, dass hier das Allerheiligste enthüllt wird - Atelierstudien, Gipsarbeiten und Notizen, Mobiliar und Entwürfe eines Künstlers, dessen Leben selbst ein Gedicht aus Fleisch und Blut war... Giacometti war ein einzigartiger, bewundernswerter und berührender Mensch, der sein Leben lang versucht hat, nach den Sternen zu greifen. Wenn man wie hier dies alles vor Augen hat, seine allerersten harmlosen Arbeiten, seine Skizzen, seine farbigen Gipsarbeiten, die Gestelle, die er mit Gips überzog, bevor Diego, sein Bruder im Geiste, sie zum Bronzegießer brachte, dann ist es eine große Freude zu bemerken, wie hier im Werk eines halben Jahrhunderts ein Zusammenhang hergestellt wird." (18.10.2007)

El País - Spanien

Preise für politische Kunst auf der Biennale in Venedig

Die Jury der 52. Biennale von Venedig hat ihre Preise verliehen, darunter an den argentinischen Künstler Léon Ferrari, die Palästinenserin Emily Jacir und den Bulgaren Nedko Solakov. Alle drei Künstler würden Gewalt thematisieren, meint Caralina Serra: "Mit der Zeit hat sich herausgestellt, dass es doch möglich war, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, aber dieses Jahrhundert der Gewalt hat den Geist gelähmt und den Elfenbeinturm der Künstler gesprengt, die unter diesen miserablen Bedingungen arbeiten mussten. Bei manchen Werken ist die Politik nicht mehr nur Thema, sondern das grundsätzliche Ziel, sie versuchen sich einen Weg ins Bewusstsein der Zuschauer zu bahnen. Die Künstler kommen auf das klare oder metaphorische Anprangern von Gewalt zurück, sie arbeiten mit den Widersprüchen eines Systems, das sie lieber weiterhin im Elfenbeinturm der Kunst eingeschlossen sähe. Auch wenn man ihn dann aus Plexiglas neu bauen müsste." (18.10.2007)

LOKALE FARBEN

Magyar Hírlap - Ungarn

Schmalzbrot als Politikerjause

Zum gestrigen "Tag der Armut" haben ungarische Abgeordnete Schmalzbrot zu Mittag gegessen, um so ihre Solidarität mit den Armen, Hungernden und Obdachlosen zu bekunden. Die Tageszeitung hält das für Heuchelei: "Politiker, die im Parlament ohne Beanstandung eine soziale Kürzung nach der anderen aus parteidisziplinarischen Gründen durchgewinkt haben, beruhigen ihr Gewissen nun mit ein paar Scheiben Schmalzbrot. Wahrscheinlich waren sie schon lange nicht mehr in einer der Budapester Unterführungen, in denen mehr Übernachtungen verzeichnet werden als im Hilton. Das wäre bestimmt lohnenswert für sie. Sie könnten aus Studiengründen gleich mehrere Tage vor Ort bleiben." (18.10.2007)

Corriere della Sera - Italien

Skypen und googeln auf Italienisch

Beppe Severgnini fragt, wie man mit Bezeichnungen aus dem Internet umgehen soll: "Ich gebe zu, ich habe das Verb 'skypare' noch nie gelesen oder gehört. Ich habe es einmal instinktiv benutzt, weil die italienische Übersetzung 'mit Skype telefonieren' einfach zu lang ist... Jedes neue Werkzeug bringt ein eigenes Vokabular hervor, das zunächst überraschend ist, an das man sich aber rasch gewöhnt. So sind telegraphieren oder telefonieren in den täglichen Gebrauch eingegangen, ohne dass man Fach-Ausschüsse dazu befragt hätte. Die Praxis ist die härteste Prüfung... Heute müssen wir entscheiden, wie wir es mit Skype und Google halten wollen: übersetzen, unverändert lassen oder konjugierbare Verben daraus machen?" (18.10.2007)

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