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Home / Presseschau / Archiv / Presseschau | 22.02.2008

 

TOP-THEMA

Ist die Unabhängigkeit des Kosovo richtig?

Ist die Unabhängigkeit des Kosovo richtig?

 

Die Regierung des Kosovo hat am 17. Februar einseitig seine Unabhängigkeit erklärt. Immer mehr Länder haben seither die Unabhängigkeit anerkannt. Die europäischen Zeitungen diskutieren kontrovers, ob dieser Schritt rechtlich oder moralisch gerechtfertigt ist. » mehr

Mit Artikeln aus folgenden Publikationen:
Evenimentul Zilei - Rumänien, Neue Zürcher Zeitung - Schweiz, Le Monde - Frankreich, Le Jeudi - Luxemburg

Evenimentul Zilei - Rumänien

Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu hat Bedenken gegen den neuen Staat Kosovo: "Wenn es schon keine legale Grundlage für die Unabhängigkeit des Kosovo gibt, könnte eine moralische existieren. Doch die 'guten Jungs' von heute galten den Mächtigen gestern noch als 'schlechte Jungs', und morgen könnte dies wieder so sein. Es ist wahr, dass die Serben grausame ethnische Säuberungsaktionen gegen die Einwohner der Kosovo-Provinz begangen haben. Doch auch die Kosovo-Albaner sind keine Heiligen. Ihren militanten Organisationen haftet der Geruch von Terror an, sie wurden selbst von Osama bin Laden heimgesucht. Das Wespennest des kriegerischen Balkans kennt keine Engel und Dämonen, keine Opfer und Henker, denn beide haben sich monströs vermengt. Hatte das Opfer die Gelegenheit dazu, verwandelte es sich ohne Bedenken in einen Henker. Der ultranationalistische Motor, der primitivste und reaktionärste von allen, lenkte beide Seiten im Kampf. Eine moralische Grundlage für diesen Staat gibt es also nicht." (22.02.2008)

Neue Zürcher Zeitung - Schweiz

Agron Bajrami, Chefredakteur der kosovarischen Zeitung Koha Ditore, schreibt zur Unabhängigkeit des Kosovo: "Gerade wie jedes Neugeborene ist Kosovo eine kleine, zerbrechliche und schwache Kreatur. Es ist ein mittelloses Land mit einer armen und schlecht ausgebildeten Bevölkerung, mit hoher Arbeitslosigkeit, unterentwickelter Wirtschaft, instabilen politischen Institutionen, großen ethnischen Spannungen und einem schlechten Image. Außerdem ist es neben einem äußerst wütenden Nachbarn geboren worden: Serbien... Eine Ära des Freiheitskampfes kam am vergangenen Sonntag an ihr Ende. Am Montag danach, als westliche und andere Staaten Kosovo anerkannten, begann ein anderer Kampf. Ein Kampf für ein neues Kosovo, das nicht nur geografisch, sondern auch politisch, gesellschaftlich und kulturell einen unabhängigen europäischen Staat darstellt. Ein Staat, in dem die Vergangenheit nicht vergessen, aber um der Zukunft willen vergeben wurde." (22.02.2008)

Le Monde - Frankreich

Thomas Ferenczi fragt, welche Unabhängigkeitserklärungen Unterstützung verdienen und welche nicht. "Die massiven Menschenrechtsverletzungen in den Jahren 1998/99 lassen die Unabhängigkeit des Kosovo gerechtfertigt erscheinen. Die damals begangenen Verbrechen machen die jetzigen Proteste aus Serbien gegen die Unabhängigkeit hinfällig, auch wenn Milosevic gestürzt ist und die Demokratie Einzug gehalten hat... Aber die Anerkennung der Unabhängigkeit ist nicht ganz legitim, weil Serbien nicht zustimmt und die Uno nicht ihren Segen gibt... Die Unabhängigkeitserklärung erfüllt demnach nicht alle Kriterien einer berechtigten Abspaltung, auch wenn die Forderung danach legitimer erscheint... als in Abchasien, Südossetien oder im türkischen Teil Zyperns." (22.02.2008)

Le Jeudi - Luxemburg

David Broman findet die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo "überstürzt": "Jeder Verstoß gegen das Völkerrecht, und die Europäer wissen das, untergräbt die Autorität der Vereinten Nationen. Dass die USA, begünstigt durch das Recht des Stärksten, das Völkerrecht nicht achten, ist eine Sache. Aber die Europäer verfügen in ihrer Außenpolitik (abgesehen von dem in Aussicht gestellten EU-Beitritt) nur über die Waffe, das Recht zu respektieren. Sie riskieren viel, wenn sie das unterlaufen... Der Europäische Rat gibt, indem er den Kosovo voreilig zu einem Sonderfall erklärt, China in Sachen Tibet und Taiwan Recht, Israel gegenüber Palästina, Russland bei Transnistrien, Abchasien und Südossetien, und den USA mit dem Irak." (21.02.2008)

REFLEXIONEN

Le Point - Frankreich

Saul Friedländer über eine komplexe Sicht des Holocaust

Der französisch-israelische Historiker Saul Friedländer erklärt im Interview mit François-Guillaume Lorrain, warum er es wichtig findet, den Opfern des Nationalsozialismus eine Stimme zu geben. Friedländers Buch "Die Jahre der Vernichtung" erscheint gerade in Frankreich. "Der deutsche Historiker Martin Broszat hat mir gegenüber behauptet, Juden könnten diese Epoche nicht historisch erfassen, weil sie dann zu einer 'mythischen' und zu wenig rationalen Geschichte würde. Mir scheint das beleidigend und falsch. Andere, wie der US-Historiker Raul Hilberg, konzentrieren sich auf die Zerstörung und stützen sich dabei nur auf deutsche Dokumente. Eine globale, integrierte Geschichtsschreibung muss die Mechanismen der Henker mit der Perspektive der Besiegten verflechten. Ihre Stimme fügt nicht nur Emotion hinzu. Man begreift, dass die Eliten zwar wussten, was gespielt wurde, die Opfer sich aber weigerten, es zu verstehen. Es gab offensichtlich eine psychologische Verweigerung, eine Ungläubigkeit. Der Horror war schon da, aber sie verfolgten weiter ihre Pläne. Das erklärt die berühmte 'Passivität'." (21.02.2008)

Berliner Zeitung - Deutschland

Burkhard Scherer verreißt Littells "Die Wohlgesinnten"

Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" über den SS-Mann Max Aue, der nun auf Deutsch erscheint, stößt in Deutschland - anders als in Frankreich - auf wenig Wohlwollen. Burkhard Scherer schreibt: "Auf Seite 1094 gibt Aue einen hilfreichen Rat: 'Ihr könnt dieses Buch jederzeit zuklappen und in den Mülleimer werfen.' Der ist gut, kommt nur ein bisschen spät, wurde aber kaum befolgt, im Gegenteil, im Ersterscheinungsland Frankreich raunte die Kritik mehrheitlich bedeutungsvoll und das Publikum kaufte hunderttausendfach. Zwei Vermutungen drängen sich dazu auf: Texte mit vielen Leichen produzieren offensichtlich reflexhaft einen pietätvollen Umgang, als sei Kritik Störung der Totenruhe, und zweitens ist da der Aspekt der Einschüchterungsprosa, sensible Hochbildungspartikel hier und da, man könnte ja an einem vorbeigestolpert sein und damit die Zentralpointe verschlafen haben." (22.02.2008)

Le Temps - Schweiz

Joseph S. Nye über das Machtpotenzial Europas

Der US-Politologe Joseph S. Nye überlegt in einem Text für Project Syndicate, wie Europa in der internationalen Politik an Einfluss gewinnen kann. "In einer Welt der harten Macht ist es zersplittert, friedlich und normativ, doch geht es in der Welt nicht ausschließlich um militärische Macht. Der Einsatz von Gewalt unter fortschrittlichen, demokratischen Industrienationen ist praktisch undenkbar... Die amerikanische Militärmacht reicht nicht aus, um mit Bedrohungen wie globalen Pandemien, Klimawandel, Terrorismus und internationalen Verbrechen fertigzuwerden. Diese Themen erfordern Zusammenarbeit bei der Bereitstellung globaler öffentlicher Güter sowie die für eine ausreichende Unterstützung notwendige Soft Power. Kein Teil der Welt teilt mehr gemeinsame Werte mit den USA und hat mehr Einfluss auf die Einstellung und Macht Amerikas als Europa." (21.02.2008)

POLITIK

Ta Nea - Griechenland

Zweikampf vor zyprischen Wahlen

Vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen auf Zypern herrsche "Kalte-Kriegs-Stimmung", meint Pavlos Joakimidis. "Der Konservative Ioannis Kassoulidis wirft seinem kommunistischen Herausforderer Demetris Christofias vor, sich übertrieben für Europa zu engagieren, um es zu destabilisieren. Christofias wiederum antwortet mit dem Vorwurf, sein Gegner sei antikommunistisch. Jeder versichert den Wählern, mit ihm komme die Lösung des Problems der geteilten Insel und eine Verständigung mit den türkischen Zyprern am schnellsten. Die Partei des ehemaligen Präsidenten Tassos Papadopoulos DIKO hat angekündigt, dass sie für Christofias ist. Die Kirche hingegen hat die Gläubigen aufgerufen, Kassoulides zu wählen... Vor der Wahl ist nur eins klar: In Zypern stehen die Zeichen auf Veränderung." (22.02.2008)

Standart - Bulgarien

Bulgariens Defizite im Kampf gegen Korruption

Gestern fand in Sofia eine große Demonstration gegen Korruption statt, die von den Oppositionsparteien organisiert war. Gleichzeitig debattierte das Parlament über ein Misstrauensvotum gegen die Regierung. Martin Karbowski schreibt über die bisherigen Ergebnisse im Kampf gegen die Korruption: "Offenbar sind alle unschuldig. Laut dem jüngsten Bericht aus Brüssel wurde im Rahmen des Kampfes gegen die Korruption in Sofia nur ein einziger Politiker verurteilt. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um den Abgeordneten Wladimir Kusow. Aber er ist nur in erster Instanz verurteilt, er könnte also noch für unschuldig erklärt werden. Der Generalstaatsanwalt sagt, die Staatsanwälte seien frei, aufgrund ihrer inneren Überzeugung und der gesammelten Beweise, zu entscheiden. Doch im Land der Unschuldigen scheint die innere Überzeugung der Staatsamwälte eher vom Inhalt der Jacketttaschen abzuhängen." (22.02.2008)

Financial Times - Großbritannien

Britische Airbase als Zwischenhalt für CIA-Flüge

Der britische Außenminister David Miliband hat bestätigt, dass der US-Geheimdienst CIA im Jahr zweimal bei Gefangenentransporten auf der zu Großbritannien gehörenden Insel Diego Garcia zwischengelandet ist. Die Tageszeitung fordert eine umfassende Untersuchung: "David Miliband hat versichert, es täte ihm sehr leid, dass sich zuvor 'in gutem Glauben' abgegebene Versprechen als falsch erwiesen haben. Auch seine amerikanische Kollegin Condoleezza Rice bedauere sehr, dass 'diese Information nun bekannt geworden ist'. Solche Entschuldigungen werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben... Man sollte diese Angelegenheit nicht ad acta legen, ohne genau zu untersuchen, ob die CIA weitere britische Einrichtungen für ihre Geheimoperationen genutzt hat und ob Diego Garcia Teil des ruchlosen Netzwerkes war, zu dem auch Guantanamo und Bagram zählen." (22.02.2008)

Népszabadság - Ungarn

Verschärfung des Hassredengesetzes

Am Montag wurde im ungarischen Parlament eine Verschärfung des Gesetzes über Hassreden gegen Minderheiten verabschiedet – mit den Stimmen der sozialistischen Fraktion, ohne Unterstützung der Regierung. Der Historiker Sándor Révész hält das neue Gesetz für absurd: "Bereits vorhandenen Gesetzen kann kaum Geltung verschafft werden, weil sie mit konkretem, existenziellen Unrecht verbunden sind. Der Tatbestand der Volksverhetzung wird von den Gerichten sabotiert, die Gewalt der Polizei bleibt fast immer ungeahndet, und das Verbot der Diskriminierung am Arbeitsplatz oder in der Schule wirkt auch nur in seltenen Fällen. Daher sollten sich Politiker lieber um die Durchsetzbarkeit bestehender Gesetze kümmern, anstatt neue zu schaffen, die man weder einhalten kann noch sollte." (22.02.2008)

WIRTSCHAFT

Lidové noviny - Tschechien

Arbeitslosigkeit in der Slowakei nimmt zu

Die Slowakei hat ihr Bruttosozialprodukt im letzten Quartal 2007 zwar um 14 Prozent gesteigert, erstmals hat aber auch die Arbeitslosigkeit wieder zugenommen. "Das ist ein interessantes Phänomen. Schließlich geben sich die Investoren in der Slowakei die Klinke in die Hand und suchen vergeblich nach Arbeitskräften", schreibt Luboš Palata und zeigt die Schwachstelle der slowakischen Wirtschaft und Gesellschaft auf: "Es sind die Roma, die den übergroßen Teil der Viertelmillion Menschen stellen, die keine Arbeit finden können. Ohne Qualifikation, ohne Ausbildung gibt es keine Arbeit für die slowakischen Roma, auch wenn sämtliche Weltkonzerne in der Slowakei Niederlassungen gründen würden. Das reicher werdende Land sollte sich endlich seiner Roma-Minderheit annehmen. Es sollte wenigstens ein Zehntel von dem, was es für neue Autobahnen investiert, für sie ausgeben." (22.02.2008)

Irish Examiner - Irland

Zeitarbeitskräfte in Irland

Der irische Journalist Matt Cooper sorgt sich um den Arbeitsmarkt: "Einige mächtige Arbeitgeber benehmen sich gegenüber einer kleinen Zahl von machtlosen Arbeitern unanständig. Sie profitieren von Arbeitern, die sie von Leiharbeitsfirmen kurzzeitig mieten, meist für geringeren Lohn und zu schlechteren Bedingungen als für Vollzeitbeschäftigte. Die Unternehmer sprechen gern von Flexibilität. In Wirklichkeit ist das Ausbeutung... Es ist unglaublich, dass Irland, das (abgesehen von Luxemburg) den höchsten Mindestlohn hat, die EU-Direktive für Zeitarbeit noch nicht umgesetzt hat. Die Richtlinie hat das erklärte Ziel, Zeitarbeitern ein Minimum an Schutz zu bieten. Dafür besteht in einem prosperienden Land, in dem viele Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren große Gewinne eingefahren haben, offenbar kein Bedarf." (22.02.2008)

KULTUR

Dilema Veche - Rumänien

Kunst gegen Abriss

Das Nationaltheater in Bukarest wird derzeit renoviert und das dazugehörige Nationale Tanzzentrum verliert damit seinen Sitz. Der rumänische Karikaturist Dan Perjovschi nahm das zum Anlass für eine Protestaktion. Daria Ghiu kommentiert: "Perjovschi hat innerhalb eines Monats drei hohe Wände des Tanztheaters bemalt. Jetzt haben alle, die das Gebäude abreißen wollten, ein Problem. Durch Perjvoschis Zeichnungen sind die Wände zu Kunst und wertvoll geworden. Was tun?... Die Wände streichen, die Kunst zudecken? Wird der Zerstörung des Kunstwerks ein Skandal folgen? Der Künstler antwortet spielerisch auf den Zynismus und die Gleichgültigkeit, das Tanztheater auf die Straße zu setzen, mit einem provokativen Akt, der an das Gewissen und das Verantwortungsgefühl appelliert. Außerdem jongliert er in seinen Karikaturen mit politischen Symbolen und kulturellen Stereotypen und ist extrem politisch und kritisch." (22.02.2008)

BRÜSSELER SPITZEN

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Deutschland

Maltesische Euros im Kaffeegeschäft

Andreas Platthaus mokiert sich darüber, dass der Kaffeehändler Tchibo ein Set maltesicher Euromünzen im Angebot hat. 3,88 maltesische Euro kosten dort 6,50 Euro: "Nun gibt es Menschen, die sammeln Geld. Nicht einmal aus praktischen Gründen, um wie ein Seehund hineinzuspringen, wie ein Maulwurf darin herumzuwühlen und es in die Luft zu werfen, damit es ihnen auf die Glatze prasselt, sondern weil sie Münzen lieben. Und Menschen, die Geld sammeln, freuen sich über neues Geld wie das aus Malta - zumal es einige Monate dauern dürfte, bis die ersten Münzen mit den Motiven Dolmen, Staatswappen und Malteserkreuz ihren Weg in die Kassen der deutschen Supermärkte finden, wie es mittlerweile sogar mit vatikanischen Euromünzen passiert ist. So lange kann ein Sammler nicht warten, also kauft er beim Kaffeeröster seiner Wahl einen vollständigen Münzsatz." (22.02.2008)

LOKALE FARBEN

Corriere della Sera - Italien

Kampf der pseudo-italienischen Küche

Beppe Severgnini verteidigt die authentische italienische Küche: "Hören Sie auf, vermeintlich italienisches Essen zu essen. Hören Sie auf, alles toll zu finden, was einen Namen trägt, der mit einem Vokal endet und die Kochbücher füllt. Hören Sie auf, nach Pasta mit Muscheln einen dampfenden Cappuccino zu bestellen. Diese Botschaft geht nicht nur an die Amerikaner, die im guten Glauben am schlimmsten sündigen. Sie gilt allen Ausländern. Wir fordern sie auf, italienisches Essen zu lieben, nicht aber dessen Parodie zu fördern. Der weltweite Erfolg unserer Küche verdankt sich der Einfachheit: Sie ist gesund, nicht teuer und leicht nachzumachen. Diese Eigenschaften und die Diaspora der vergangenen 150 Jahre haben unsere kulinarischen Traditionen in die ganze Welt gebracht... Der Angriff auf die italienische Küche ist heimtückisch, denn er geschieht unfreiwillig: Die Saboteure handeln aus Liebe." (21.02.2008)

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