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Top-Thema vom Dienstag, 31. Januar 2006


Streit um Mohammed-Karikaturen

Dänemark schlägt eine Welle der Empörung aus der islamischen Welt entgegen, weil die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" im vergangenen September Karikaturen des Propheten Mohammed gedruckt hatte. Muslime boykottieren dänische Produkte und verlangen diplomatische Sanktionen, Dänemark zieht Botschafter aus verschiedenen arabischen Ländern ab und rät Bürgern von Reisen dorthin ab.


Jyllands-Posten - Dänemark

Lange hatte die Zeitung "Jyllands-Posten" den Abdruck der Mohammed-Karikaturen mit Hinweis auf die Meinungsfreiheit verteidigt. Jetzt hat Chefredakteur Carsten Juste einen offenen Brief an alle Moslems weltweit veröffentlicht, der auch ins Englische und Arabische übersetzt wurde, in dem er sich für die Wirkung der Karikaturen entschuldigt: "Ernsthafte Missverständnisse einiger Zeichnungen des Propheten Mohammed haben in letzter Zeit zu sehr viel Ärger und auch zum Boykott dänischer Waren in der islamischen Welt geführt. Die Initiative mit den zwölf Karikaturen ist - vielleicht aufgrund kultureller Unterschiede - als eine Kampagne gegen Moslems in Dänemark und in aller Welt ausgelegt worden. Das muss ich kategorisch zurückweisen. Es liegt uns fern, jemanden wegen seines Glaubens zu kränken. Wenn dies doch geschehen ist, ist es unabsichtlich passiert. Jyllands-Posten distanziert sich von allen symbolischen Handlungen, die bestimmte Nationalitäten, Religionen oder Bevölkerungsgruppen dämonisieren." (30.01.2006)


Dagens Nyheter - Schweden

Für Henrik Berggren kommt die Entschuldigung der Zeitung "Jyllands-Posten" zu spät und zu halbherzig. "In der großen Perspektive wird nun die Solidarität der EU-Staaten mit Dänemark eingefordert. Nicht wegen der Karikaturen 'Jyllands-Postens' - die von Bill Clinton völlig zurecht mit antisemitischen Bildern aus den dreißiger Jahren verglichen wurden - sondern um Ländern entgegen zu treten, die nicht zwischen der Staatsmacht und der freien Zivilgesellschaft unterschieden. Die Haltung von Ministerpräsident Rasmussen ist durchaus nachvollziehbar. Mit offiziellen Repräsentanten anderer Staaten darüber zu diskutieren, was in dänischen Zeitungen geschrieben wird, wäre ein indirekter Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Aber der Sinn der Diplomatie besteht eben auch darin, mit Vertretern von Regimen zu diskutieren, mit denen man uneinig ist. Die interne Kritik am chaotischen Agieren der dänischen Regierung zeigt auch, dass man den Dialog hätte aktiver suchen sollen, ohne seine grundlegende Haltung aufzugeben." (31.01.2006)


Libération - Frankreich

Gilles Kepel, Islam-Experte vom Institut für Politikwissenschaften in Paris, erklärt im Interview mit Marc Semo, dass "der Begriff der Blasphemie extrem sensibel in einer muslimischen Welt aufgenommen wird, die mit dem Gefühl des Belagertseins lebt und mit dem Gefühl, der Islam sei eine bedrohte Religion. Und das, obwohl viele Prediger und Imame sich dafür einsetzen, dass der Islam die Welt erobert... Es ist verständlich, dass die Gläubigen von einer Zeichnung geschockt sind, die den Begründer ihrer Religion als Terroristen darstellt. Auch wenn einige Terroristen Islamisten sind, bedeutet das nicht, dass alle Muslime welche sind." (31.01.2006)


Le Soir - Belgien

"Ein böser Geist, der das Feuer eines 'Krieges der Zivilisationen' entfachen wollte, hätte nicht anders gehandelt", schreibt Kommentator Jurek Kuczkiewicz. "Der Zusammenprall von unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Überzeugungen mit der Meinungsfreiheit ist nicht immer leicht. Und der Zusammenstoß mit Karikaturen, die per se übertreiben oder gar ungerecht sind, noch viel weniger... Es ist bezeichnend und traurig zugleich, dass sich die Affäre um die 'Mohammed-Zeichnungen' in Europa abspielt, das heißt in dem Teil der Welt, in dem die Meinungsfreiheit am wenigsten vom 'politisch Korrekten' beeinträchtigt ist, wo aber die kulturelle und ethnische Vielfalt eine fast zur Religion erhobene Toleranz erzwingt. Doch gelebte Toleranz darf das Ideal der Freiheit nicht auf das Niveau der am wenigstens Toleranten unter uns reduzieren. Egal welchen Glaubens sie sind." (31.01.2006)


taz - Deutschland

Reinhard Wolff bezeichnet die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen durch die Zeitung "Jyllands-Posten" als "kalkulierte Provokation". "Dänemark hat sich in den vergangenen Jahren mit einem offen ausländerfeindlichen Kurs profiliert, der nicht nur in Politik und Recht, sondern auch im öffentlichen Diskurs deutliche Spuren hinterlassen hat. Führende dänische Politiker können hier ganze Gruppen von Migranten als Menschen zweiter Klasse bezeichnen und den Islam mit Pest und Cholera vergleichen, ohne dass dies größeren Protest erregt." Dennoch beklagt er, dass die muslimische Reaktion "so vorhersehbar" war. "Diese Reaktion lässt einer westlichen Öffentlichkeit nur die Wahl, im Zweifel für die Pressefreiheit einzutreten. Auch wenn dies angesichts der unappetitlichen Karikaturen schwer fällt." (31.01.2006)


» zur gesamten Presseschau vom Dienstag, 31. Januar 2006

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