Corriere della Sera - Italien | Mittwoch, 25. Juli 2012
Für Ernesto Galli della Loggia gab es schon immer zwei Europas
Die Euro-Krise hat für den Zeithistoriker Ernesto Galli della Loggia auch eine positive Seite. In der liberal-konservativen Tageszeitung Corriere della Sera erklärt er, dass diese endlich den ideologischen Deckmantel der EU lüfte, mit dem man die Unterschiede zwischen den europäischen Ländern jahrelang kaschiert habe: "Das Verständnis von Europa, das den Römischen Verträgen zugrunde lag, hat de facto zwei wesentliche Aspekte ignoriert: Die Existenz eines mediterranen Europas auf der einen und eines deutschen Europas auf der anderen Seite. Das sind zwei Europas, die zwar seit Jahrhunderten von gemeinsamen Werten vereint, aber ebenso durch tiefe Konflikte getrennt waren. Doch die gemeinsamen Werte waren das nahezu exklusive Gut einer Elite, während die Konflikte weit in die Gesellschaft hineinragten. Zunächst der EWG und später dann der EU gelang es über Jahre hinweg, die Kluft zwischen den zwei Europas zu verschleiern. Sie taten dies mit der vermeintlich vereinenden Ideologie des Westens einerseits und der angeblich soliden, auf dem Kapitalismus beruhenden gemeinsamen Wachstumsaussicht andererseits. Doch diese Verschleierung hat die Kluft eben nur verborgen und nicht überbrückt. … Die Geografie, die Politik und mit ihnen die Geschichte haben wieder die Oberhand gewonnen. An die Stelle der künstlichen Hauptstadt Brüssel sind wieder die wahren Hauptstädte des Kontinents getreten: Berlin, Paris, Madrid und Rom."
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