Libération - Frankreich | Mittwoch, 17. Oktober 2012
Paris schaut Verbrechen auf Korsika nur zu
Auf Korsika ist am Dienstag einer der bekanntesten Anwälte der Insel erschossen worden. Antoine Sollacaro hatte unter anderem den Schäfer Yvan Colonna verteidigt, der wegen der Ermordung des damaligen korsischen Präfekten Claude Erignac im Jahr 1998 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Damit sind seit Jahresbeginn auf Korsika 15 Menschen erschossen worden. Der französische Staat sieht der Häufung von Gewaltverbrechen tatenlos zu, kritisiert die linksliberale Tageszeitung Libération: "Die Insel der Schönheit ist zur Insel der Brutalität geworden. Dutzende Verfechter und Gegner des Nationalismus, Bürgermeister, Gauner und andere sind bereits blutigen Abrechnungen zum Opfer gefallen. Diese sind auf der Insel offenbar das einzige Mittel, Konflikte um Geld, Macht und Ländereien zu lösen. Der französische Staat verfolgt diesen Niedergang nur als ohnmächtiger Zuschauer. Die meisten Verbrechen bleiben ungesühnt und die Justiz kapituliert aus Angst vor der Omerta und der Inkompetenz der Polizei. Muss man sich nicht fragen, warum mehr als ein Viertel der Korsen noch immer die Nationalisten wählen, obwohl diese zunehmend ins Extreme abdriften? Der Staat muss auf die Frage nicht nur eine sicherheitspolitische Antwort finden, sondern auch eine allgemeine politische und wirtschaftliche."
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