Les Echos - Frankreich | Montag, 4. September 2006
Ralf Dahrendorf über das "Ende der Aufklärung"
Der deutsch-britische Soziologe Ralf Dahrendorf erklärt in einem Text für Projekt Syndicate das Wiederaufleben des Populismus mit der Krise der politischen Parteien. "Dieser Niedergang der Parteien spiegelt auch den Niedergang der Klassen wider. Das alte Proletariat und die alte Bourgeoisie sind verschwunden. An ihre Stelle trat eine manchmal so bezeichnete 'nivellierte Mittelstandsgesellschaft', an deren einem Ende sich allerdings eine bedeutende Elite der Superreichen befindet und am anderen eine Unterschicht. Die Gesellschaftsstruktur an sich ist instabil geworden." Populisten würden diese Unsicherheit nutzen, so Dahrendorf, indem sie Lösungen versprächen, "die nichts mehr mit den Gepflogenheiten und Normen der Mäßigung, vor allem mit gemäßigten demokratiepolitischen Strategien und einem Internationalismus zu tun haben, der darauf abzielt, Frieden und Wohlstand zu fördern. Manchmal fragt man sich, ob wir vielleicht nicht das Ende der Geschichte, sondern vielmehr das Ende der aufgeklärten Geschichte oder womöglich der Aufklärung selbst miterleben."
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