Süddeutsche Zeitung - Deutschland | Freitag, 23. September 2011
Johan Schloemann hält Griechenland für ein Transformationsland
Tausende Menschen haben am Donnerstag in Athen gegen die neuen Sparbeschlüsse der griechischen Regierung demonstriert. Es ist hochmütig und naiv von den Griechen zu verlangen, innerhalb weniger Monate ihr über Jahrzehnte gewachsenes Staatsverständnis umzuwerfen, meint der Kolumnist Johan Schloemann in der linksliberalen Süddeutschen Zeitung: "Die Hälfte der hundertundachtzig Jahre seit der Gründung [unter dem Bayern Otto I.] war Griechenland praktisch zahlungsunfähig. ... Im 19. Jahrhundert scheiterte in Griechenland schon zu Beginn der Versuch, ausgehend von Hilfszahlungen der Großmächte mit philhellenischen bayerischen Beamten eine effiziente Verwaltung nach französischem Vorbild zu installieren. Mit der Steuerpflicht verbanden die befreiten Griechen nur schlechte Erinnerungen an die osmanische Zwangsherrschaft. ... Seither haben Klientelwesen und Schattenwirtschaft Griechenland immer wieder gelähmt; hinzu kamen die Einschnitte durch Weltkriege und Bürgerkriege. ... Griechenland kann nicht mit einer einfachen, raschen Anpassung von Haushalts- und Wirtschaftspolitik verändert werden. Es spricht eher einiges dafür, Griechenland heute als einen jener Transformationsstaaten anzusehen, für die sich ein eigener Zweig der Politikwissenschaft herausgebildet hat."
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