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"Wir verlangen das Unmögliche"

von Giuseppe Carlo Marino


Die lange "68er"-Bewegung in Italien dauerte bis in die frühen 80er Jahre.
Der "Heiße Herbst" der Studenten- und Arbeiterproteste legte den Grundstein
für eine radikale Modernisierung des Landes.


Die "68er-Bewegung" war in Italien ein lang anhaltendes Phänomen. Nachdem die Proteste 1977 wieder heftig aufgeflammt waren, ebbten sie langsam ab und arteten tragischerweise in terroristische Formen aus. Die lange "68er-Bewegung" dauerte bis in die frühen 80er Jahre. Sie erlosch in einer Phase des sozialen "Rückzugs", die von der Rückkehr zur Geborgenheit der "Privatsphäre" gekennzeichnet war.

Unruhen in der Nähe des Vatikans im April 1968
Foto: AP


Die späteren, eher realistisch geprägten Generationen waren für die vom Markt geschaffenen Bedürfnisse empfänglicher, im Gegensatz zur Kultur der Väter, die ausgerufen hatten: "Wir verlangen das Unmögliche!". Das Endergebnis war: eine konforme Anpassung an die objektiven Gegebenheiten eines siegreichen Kapitalismus, der eine Umverteilung des Wohlstandes durchzuführen schien, und den "aufstrebenden" Kräften der Gesellschaft sozialen Erfolg sicherte (die Ära von Bettino Craxi).

In gewisser Hinsicht entwickelte sich die "68er-Bewegung" in ihr Gegenteil. In diesem Zusammenhang ist der Aufstieg vieler Achtundsechziger in Machtpositionen augenfällig - von der Politik zur Wirtschaft, von der akademischen Welt zur öffentlichen Verwaltung. Nur wenige Jahre zuvor hatten sie noch die Flagge gegen das "System" gehisst, das heißt gegen den Kapitalismus, der als unterdrückerische und perverse Machtform angeprangert wurde.

Ist die "68er-Bewegung" gescheitert?

Kann behauptet werden, dass sich die italienische "68er-Bewegung" letzten Endes gegen sich selbst verschwor? Dass ihr Schicksal paradoxerweise sie dazu brachte, den revolutionären Schwung seines goldenen und fatalen Jahres, 1968 eben, in eine Konterrevolution umzukehren? Kann behauptet werden, dass sie insgesamt gescheitert ist? Eine bejahende Antwort auf diese Fragen wäre teilweise berechtigt, jedoch insgesamt falsch. Weil es historisch wahr ist, dass 1968 für Italien dauerhafte Veränderungen herbeigeführt hat.

Das alte ländliche Italien ebenso wie das urbane, wo der große Sprung zur Industrialisierung (das sogenannte Wirtschaftswunder) zustande gekommen war, gehörten nunmehr der Vergangenheit an. Die entscheidenden und unumkehrbaren Veränderungen, die sich ereigneten, sind durchaus vergleichbar mit den großen sozialen Umwälzungen der Geschichte.

Kampf gegen das "bürgerliche" Modell

Die Hauptakteure waren die Studenten. In Italien waren es vor allem Jugendliche aus dem Bauern- und Arbeitermilieu, die Jahrhunderte lang keinen Zugang zur höheren Schulbildung hatten. Sie sprengten jetzt traditionelle Klassenschranken und nutzten dabei dieselben Kanäle, die der sogenannte Neokapitalismus der Modernität eröffnet hatte. Der Übergang von der alten Elite-Universität, wo die "Institutskaiser" uneingeschränkt Macht hatten, zu einer Massen-Universität war im Gange. In diesem Zusammenhang nahmen die studentischen Kräfte den Kampf gegen das alte "bürgerliche" Modell auf und fochten den Autoritarismus des akademischen "Establishments" an. In der Folge wurde das gesamte "System" angegriffen.

Durch die Beziehungsdynamik zwischen "Vätern" und "Söhnen", die vor allem durch Konflikte geprägt war, weitete sich die Bewegung von den Universitäten auf die gesamte Gesellschaft aus - gestützt auf die Utopie einer kollektiven Befreiung von jeglicher Unterdrückung. Darin unterschied sich Italien nicht von der restlichen Welt. Die italienische Situation wies jedoch spezifische Formen der "Unterdrückung" auf, die nach Ansicht der jungen Leute auf eine "unvollendete" Demokratie, die klerikale Herrschaft und den "Verrat" an den antifaschistischen Werten der Widerstandsbewegung (Resistenza) zurückzuführen war.

Kritik an Gegenwart und Vergangenheit

Die italienische Studentenbewegung hatte schon sehr früh begonnnen und hatte dadurch antizipatorischen Charakter: Sie entstand im Jahre 1964, zeitgleich mit den amerikanischen Bewegungen, und nahm, wenn auch knapp, den "französischen Mai" zeitlich vorweg. Neben den Studenten wirkten in der Bewegung in entscheidendem Maße junge Professoren, Lehrer in ungeregelter Stellung sowie wissenschaftliche Assistenten mit.

Gleichzeitig entwickelte sich in der Bewegung das Bewusststein für die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann hervor: Die Frauen entdeckten durch den Zugang zur höheren Bildung den Feminismus neu für sich, indem sie ihn einer historischen Tradition entzogen, die in Italien elitär, bürgerlich und großbürgerlich gewesen war. Durch eine lebhafte Dialektik zwischen der jüngeren und der älteren Generation wurde in der Gesellschaft alles radikal in Frage gestellt, in Form von öffentlichen "Prozessen" und einer radikaler Umkehrung von Althergebrachtem. Alles wurde von einer Delegitimationswelle überschwemmt, heftige Kritik richtete sich sowohl gegen die Gegenwart (das verabscheute System), als auch gegen die Vergangenheit (die heuchlerischen Gewissheiten und Sicherheiten, die die herrschenden "Konsensträger" vorschrieben und verabreichten).

Proteste vom linken und rechten Lager

Polizisten stürmen im März 1968 das Gebäude der juristischen Fakultät der Universität in Rom, um die erbitterten Kämpfe zwischen linken und rechten Demonstranten zu beenden; Copyright: picture allianceDie Protestbewegung entfaltete sich sowohl im linken als auch im rechten Lager. Auf der links gerichteten Seite sparte der Angriff auf das "System" auch die Kommunistische Partei (PCI) nicht aus, der angelastet wurde, stalinistisch geprägt und linientreu gegenüber der Sowjetunion zu sein. Aus dieser Offensive gingen antisowjetische Bewegungen hervor, die über die PCI hinausgingen und mit Bewunderung auf die "Kulturrevolution" in China und auf Fidel Castro blickten. Castro und Che Guevara wurden zum Mythos erhoben. Im rechten Lager beschuldigte eine umstürzlerische Jugend die offizielle neofaschistische Partei, MSI, amerikafreundlich und "antinational" geworden zu sein. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass es zwischen den jungen linken und antifaschistischen Kräften einerseits und den rechten und faschistischen auf der anderen Seite - auf Kollisionskurs mit dem jeweiligen Establishment -, in Schulen, Universitäten und schließlich auch auf den Strassen zu heftigen Auseinandersetzungen kam.

Es waren also zwei verschiedene Jugendbewegungen, die sich aktiv an den Protesten beteiligten. Dabei waren die Anhänger des rechten Lagers eindeutig in der Minderheit gegenüber den linken Aktivisten, die sich von der PCI und der PSI losgesagt hatten. Letztere waren bei weitem mehrheitlich vertreten und hatten die Vorherrschaft in den Universitäten, sie gehörten verschiedenen Gruppen oder Grüppchen an: Potere Operaio (Arbeitermacht), Manifesto, Servire il popolo (Dem Volk dienen), Cristiani per il socialismo (Christen für den Sozialismus), Lotta Continua (anhaltender Kampf). Also Maoisten, Trotzkisten, Guevaristen, Anhänger der Drittewelt-Politik u. a.

Teil einer globalen Jugendbewegung

Eine Eigenart der italienischen "68er"-Bewegung" war ihre Unterwanderung durch düstere, undemokratische Kräfte, die von zwielichtigen Angehörigen des Geheimdienstes gesteuert wurden. Kräfte, die eine Destabilisierung Italiens verfolgten, während sie an den anonymen Orten finsterer Mächte (die parallel zu den offiziellen Machtzentren der Republik angeordnet waren und sie häufig überlagerten) ihre Machenschaften anzettelten, etwa "Staatsstreiche" im Stil der griechischen Obristen, mit dem Ziel die gefürchtete Regierungsübernahme durch die Kommunisten abzuwenden. Die jungen Achtundsechziger konnten jedoch nicht wissen, dass sich diese Aktionen parallel zu ihren Protesten vollzog. Sie waren damit beschäftigt, wie übrigens auch sonst in ganz Europa, eine neue kollektive Mentalität aufzubauen, in deren Mittelpunkt die Werte eines authentischen und "natürlichen" Lebens standen - im Gegensatz zu Autoritarismus, Spießbürgertum, Heuchelei, Scheinheiligkeit und "Verrat" von Vätern und Lehrmeistern.

Sie waren in die internationale Sphäre einer Art "Jugendglobalisierung” getreten (die sich von den Studentenprotesten im Berkley-Campus über die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King und Malcolm X bis zum Pariser Mai erstreckt hatte) und hatten sich in der Stimmung der Beat-Generation neue Stile und eine neue Sprache zu Eigen gemacht. Sie waren Akteure einer kollektiven Aktion für die "Kulturrevolution" und verzeichneten auf diesem Terrain einen Erfolg, der der gesamten italienischen Gesellschaft im Hinblick auf die errungenen Bürgerrechte (Scheidungs- und Abtreibungsgesetz, Gleichstellung, sexuelle Befreiung, usw.) zugute kam.

Scheitern der antikapitalistischen Revolution

Sie scheiterten hingegen gänzlich auf dem Terrain der antikapitalistischen politischen Revolution. Diesbezüglich waren die Zeiten nicht günstig. Die Arbeiterklasse selbst fing bereits an, die ersten Auswirkungen der epochalen Veränderungen zu spüren, die die westlichen Gesellschaften in die "Postmoderne" und in die Deindustrialisierung führten. Während die radikalen Vertreter der Jugendbewegungen eine antikapitalistische Wiedergeburt forderten, verlangten die italienischen Arbeiter in Wirklichkeit – wie Max Horkheimer mit Bezug auf Deutschland anmerkte – nur höhere Löhne und einen Platz an der Tafel der "opulent society" des Konsumismus. Von einer "elektronisch-informatischen Revolution" angestossen, die schon vor der Tür stand und dabei war, den Jahrhunderte alten Lauf der "Industrierevolution" zu unterbrechen, löste der Gang der "Postmoderne” bei den nachfolgenden Generationen eine drastische Zäsur mit der Vergangenheit aus.

Dessen waren sich die wenigen radikalen Achtundsechziger, ob links oder rechts, nicht bewusst. Sie hielten weiter an der Utopie einer (kommunistischen) Revolution bzw. einer (faschistischen) Revolte fest und schlugen den tragischen Weg des Terrorismus ein - die einen gegen die anderen, wobei beide Gruppen in gewisser Weise manipuliert wurden.

Unbrauchbares Material einer alten Welt

Die reale Geschichte hatte jedoch nichts mehr übrig für Utopien. Bald hatten die Achtundsechziger keine "Werte" mehr, die sie ihren Kindern hätten glaubhaft vermitteln können. Vom Mythos des "Neuen" und der Zukunft überwältigt, neigte die Jugend nach 1968 dazu, die Vergangenheit insgesamt und selbst die Geschichte, aus der die Ideologien hervorgegangen waren, als unbrauchbares Material einer alten Welt zu betrachten, das ohne Bedauern verschrottet werden konnte.

Auch die traditionelle Wertevermittlung durch die Älteren an die Jüngeren kam zum Stillstand. Die Jüngeren zeigten sich immer weniger bereit, die von den "Vätern" und "Lehrmeistern" vermittelten Werte zu akzeptieren. Nach und nach ließ auch die Tendenz nach, sie zu kritisieren oder sich gegen sie aufzulehnen. "Väter" und "Lehrmeister" waren irgendwann einfach nicht mehr wichtig. Statt gegen sie aufzubegehren, sah die neue Jugend lieber von ihnen ab. Von nun an wurden die "Werte" auf dem virtuellen Markt der Zukunft gesucht.

 
Giuseppe Carlo Marino
Professor für Zeitgeschichte an der Universität von Palermo, Autor der "Biografia del Sessantotto" (2005) und von "Le generazioni italiane dall'Unità alla Repubblica" ( 2006)
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Übersetzung
Franco Filice


© Goethe-Institut, Online-Redaktion

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