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Zerstörte Kulturen

von Hans Christoph Buch


Wenn man von Kolonialismus spricht, muss man über Zerstörung sprechen. Vieles ging unwiederbringlich verloren. Die Wiedergutmachung der Europäer aber blieb zu lange aus.


Die Geschichte des Kolonialismus war eine Kette von Raubzügen und Massakern bis hin zum Völkermord, in jeder Phase begleitet von der Zerstörung von Lebensformen, Sprachen und Traditionen, die, zum Kulturerbe der Menschheit gehörend, unwiederbringlich verloren sind: Von den Gräueltaten spanischer Conquistadoren über die Ausrottung der Ureinwohner Amerikas und Australiens bis zur Tragödie in Belgisch-Kongo, das Joseph Conrad als "Herz der Finsternis" bezeichnet hat.

Fischmotiv auf einem Mantel aus einer Anden-Grabstätte in Paracas, Peru.

Foto: Håkan Berg, Museum of World Culture Göteborg


Von hier aus führt ein direkter Weg zu den Kolonialkriegen des 20. Jahrhunderts in Algerien, Tschetschenien und Vietnam, um nur diese Länder zu nennen, deren Nachwirkung bis in die Gegenwart hinein reicht.

Nachträgliche Entschuldigungen

Das Infragestellen kolonialer Verbrechen müsste genau so geächtet werden wie die Leugnung des Holocaust, aber hier hören die Parallelen auch schon auf. Willy Brandts Kniefall im Warschauer Getto symbolisierte Schuldgefühle und Scham für die Untaten des NS-Regimes. Doch der Inflation von Entschuldigungen für weit zurückliegendes Unrecht haftet ein schaler Beigeschmack an, etwa wenn die katholische Kirche um Vergebung bittet für die Verbrechern der Inquisition oder der Kreuzzüge: Ein selbstgerechtes Ritual, mit dem die Nachgeborenen ihr moralisch reines Gewissen oder ihr politisch korrektes Bewusstsein unter Beweis stellen und historische Schuld von sich abwälzen – pharisäisch ist das richtige Wort dafür. Die nachträgliche Entschuldigung verpflichtet zu nichts, ganz im Gegenteil – sie zieht einen Schlussstrich unter eine Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Offene Wunden

Demgegenüber ist darauf zu beharren, dass Rechnungen unbezahlt und Wunden offen bleiben, gleichsam als Phantomschmerz, der nicht durch Geld und gute Worte beseitigt werden kann. Mit Blick auf die Geschichte bedeutet dies, dass nicht alle Kolonialpioniere Verbrecher waren wie Henry Morton Stanley, der über Leichen ging, oder der Deutsche Carl Peters, der seine schwarze Geliebte hängen ließ und dafür vom Reichskolonialgericht verurteilt wurde. Das NS-Regime hat Carl Peters postum rehabilitiert, während es Richard Kandt wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Liste der Afrika-Forscher strich. Dabei war Kandt das diametrale Gegenteil eines rassistischen Kolonialbeamten: Als Resident des deutschen Kaiserreichs in Kigali widersetzte er sich der Ansiedlung weißer Farmer, weil Ruanda schon damals übervölkert und überweidet war, und sagte lange vor dem Ersten Weltkrieg eine gewaltsame Explosion des Hutu-Tutsi-Konflikts voraus.

Geld reicht nicht

Abschließend wäre zu fragen, ob der Genozid am Herero-Volk durch finanzielle Entschädigungen für ein von Ovambos beherrschtes Regime zu sühnen ist, das die Nachfahren der Hereros im heutigen Namibia unterdrückt. Zweifel daran sind genauso berechtigt wie der Verdacht, dass hier einmal mehr die imperiale Ideologie des "Teile und herrsche" zum Tragen kommt. Die politisch korrekte Umbenennung früherer Kolonien in überseeische Départements drückt vor allem das schlechte Gewissen der ehemaligen Kolonialmacht aus. Trotzdem ist sie dem offenen oder latenten Rassismus vorzuziehen, der in populären Begriffen wie Sarotti-Mohr oder Lumumba-Becher zum Ausdruck kommt – ganz zu schweigen vom Negerkuss, der neuerdings Schaumgebäck heißen soll.

 
Hans Christoph Buch
Hans Christoph Buch, geboren 1944 in Wetzlar, ist Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Er lehrte unter anderem an den Universitäten von Bremen, San Diego, Essen, New York, ...
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Original in Deutsch

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