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Fremdes im Ohr

von René Hamann


Seit den 1960er Jahren nehmen sich europäische Bands der musikalischen Stile anderer Kulturen an und produzieren eine Art europäischer Weltmusik. Eine Spurensuche zum Hören.


Weltmusik. An sich schon ein schwieriges Genre. Noch schwieriger als die sehr unterschiedliche Musik selbst ist aber die Definition dieses Begriffs: Im Grunde handelt es sich um eine Schublade für alles, was nicht in den restlichen Schubladen verschwunden ist und – darauf kommt es an – regionale Eigenheiten vorweist. Wie: für westliche Ohren exotisch klingende Instrumente (Sitar, Saz), verschobene Harmoniemuster oder spezielle Rhythmusfiguren, die nicht immer im Viervierteltakt daherkommen. Aufgekommen ist der Begriff der Weltmusik oder World Music in den 1980er Jahren, als sich besonders Peter Gabriel mit seinem Label "One World" und Paul Simon sich "außer-europäischen", beziehungsweise außer-nordamerikanischen Musikformen zuwandten und in Süd- und Westafrika oder Brasilien fündig wurden.

Der indische Musiker Ravi Shankar spielt Sitar während eines Konzerts 2006 in New Delhi.

Foto: AP


Mittlerweile ist der Begriff der Weltmusik allerdings diskreditiert, ihm wird vorgeworfen, er sei eurozentristisch und beziehe sich auf kulturelle Klischees. Weltmusik sei nur Weltmusik, weil sie bisher in den anglo-amerikanischen Popmusikkulturen nicht vorkam und erst durch diese Einordnung integriert werde, wobei die Integration wiederum einen ausschließenden Charakter bekäme: Weltmusik bleibe immer Weltmusik und sei nie einfach nur Musik.

Regional und verwestlicht

Die Hegemonialkräfte der westlichen Popmusik sind seit den 1960er Jahren sehr groß. So groß, dass Pop immer mehr und immer weiter in nicht-westliche Traditionen einsickert und lokale Musikstile dadurch nicht nur eine Kommerzialisierung, sondern auch eine Annäherung an westliche Standards erfahren, wobei sie immer lokal agierend bleiben. Man nehme die türkische Popmusik. In westlichen Kreisen ist vielleicht Tarkan bekannt. Er wurde in Westdeutschland als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren, kehrte dann in den 1980er Jahren in die Türkei zurück, um dann in den 1990er Jahren wieder in Deutschland Fuß zu fassen, wo er seinen international erfolgreichen Hit "Kiss kiss" aufnahm. in der Türkei ist die türkische Popmusik wesentlich reichhaltiger, neben westlichen Einflüssen (Rock, Hiphop) integriert sie arabische Anklänge. Die Gegenrichtung funktioniert nicht so gut: So findet besonders im Hiphop inzwischen ein globaler Austausch von Einflüssen statt: Es gibt arabischen Hiphop, Rapperinnen wie M.I.A., die sich vielfältigen Einflüssen hingeben, aber auch US-Hiphop-Produzenten mit arabischem Hintergrund wie Fred Wreck. Eine Integration türkischer Musik fand allerdings nirgendwo statt, auch nicht in Deutschland.

Hippies entdecken Indien

Eine wesentlich größere Popkultur stellt die indische dar. Schon in den 1960er Jahren war der Einfluss Indiens spürbar: Nicht zuletzt durch den Beatle George Harrison, der erstmals mit dem zu zupfenden Sitar ein nicht-westliches Instrument auf einer Pop-Platte (The Beatles: Norwegian Wood) erklingen ließ. 1971 erfand Harrison das Benefizkonzert (für Bangladesh) und lud unter anderem den indischen Sitarspieler Ravi Shankar auf die Bühne. Was in der Folge einen Hype auslöste, der bis heute fortwirkt: Hippies entdeckten Indien. Aber Indien entdeckte nicht unbedingt die Hippies, war aber aufgrund des Status', eine ehemalige englische Kronkolonie zu sein, immer auch westlich orientiert oder beeinflusst.

George Harrison, Gitarrist der Beatles, 1968 mit Sitar in Bombay.

Foto: AP


In den letzten Jahren schaffte es Indien übers Kino, über die Bollywood-Tanzfilme, seine Kultur und Musik weltweit zu exportieren. Der indische Filmstar Shah Rukh Khan hat heute angeblich mehr weibliche Fans als Brad Pitt, George Clooney und Tom Cruise zusammen.

Vorzeichen Authentizität

Im Prinzip ist aber jede Region dieser Erde für einen Teil der Weltmusik zuständig. "Genuin afrikanische Musik" kommt aus Afrika. Streng genommen haftet der Weltmusik nämlich ein Hauch von Authentizität, Regionalismus, Kommerzresistenz und Purismus an. Weltmusik ist keine Popmusik und will auch keine sein. So unterschiedlich die einzelnen Musikstile sind – und es gibt so viele: jüdischer Klezmer, äthiopischer Jazz, arabischer Raï, Electric Hi-Fi, Polka, portugiesischer Fado, um nur ein paar zu nennen – ihnen allen ist gemein, dass sie sich von der amerikanisch geprägten Popkultur mehr oder weniger abgrenzen und traditionell, ursprünglich erscheinen. Die Grenzen zu etablierten Musikformen sind manchmal fließend (Canjun ist beispielsweise eine Unterform des Blues); andere Musikstile müssten oben genannter Kriterien wegen als Weltmusik bezeichnet werden, sind aber längst eigenständig: So der Reggae und seine Ableger. Auch Calypso (aus Trinidad) oder der Bossa Nova (aus Brasilien) haben regional angefangen und danach weltweite Kreise gezogen.

Afropop modernisiert Indie

Immer wieder haben sich westliche Musiker nicht nur beeinflussen lassen, sondern "exotische" Elemente in ihre Musik eingebaut. Paul Simons Erfolgsplatte "Graceland" (von 1986) ist ohne den Einfluss südafrikanischer Musik nicht denkbar. Mittlerweile findet sich eine zweite Generation, die über Paul Simon zu afrikanischer Musik (dem "Afropop") gefunden hat: Die New Yorker Campusband Vampire Weekend und die amerikanisch-kenianische Band Extra Golden seien hier genannt. Das Projekt "Beirut" des Musikers Zach Condon integriert Klezmerelemente und osteuropäische Musik.

In England macht sich Damon Albarn, der Sänger der englischen Indieband Blur, um malaische Musik verdient und provozierte Popkollegen mit der Aussage, dass die afrikanischen Musiker nichts von ihnen lernen könnten, nur sie von den afrikanischen. Heute geht es nicht mehr darum, Multikulti-Wohlfühlprojekte zu organisieren, um auf das Elend der Welt und alte Ausbeutungsstrukturen hinzuweisen, sondern um die künstlerische Zusammenarbeit auf Augenhöhe und individuelle musikalische Weiterentwicklung. So baut die kalifornische Jazz-Sängerin Erika Stucky in viele ihrer Stücke Schweizer Jodel und Gutturallaute ein. Das gab's so noch nicht.

 
René Hamann
René Hamann, geboren 1971 in Solingen, lebt in Berlin. Er ist Autor und freier Journalist, unter anderem für die tageszeitung und Spex. Zuletzt veröffentlichte er ...
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