Navigation

 

Home / Presseschau / Archiv / Magazin / Gesellschaft / Rumänien und Bulgarien / Essay

Die geheimen Freuden des Provinzialismus

von Ivaylo Ditchev


Die politische Kultur Bulgariens lässt sich mit einer Metapher beschreiben: der Provinz – meint der Autor. Ein Land zwischen Bewunderung für Europa und antieuropäischen Ressentiments.


Zur Zeit des Sozialismus gab es einen berühmten Witz, der angeblich den Nationalcharakter der Bulgaren beschreibt: Ein amerikanischer Spion wird nach Bulgarien geschickt und übermittelt einen Monat später eine verzweifelte Nachricht an seine Vorgesetzten: "Ich verstehe in diesem Land überhaupt nichts. Niemand arbeitet, aber alle erhalten Lohn. Alle erhalten Lohn, aber in den Läden gibt es nichts zu kaufen. In den Läden gibt es nichts zu kaufen, aber alle Kühlschränke sind voll. Die Kühlschränke sind voll, aber alle hassen die Kommunisten. Alle hassen die Kommunisten, aber niemand protestiert."

Die Provinz: Eine Metapher für die politische Kultur Bulgariens

Foto: European Commission/Mladen Antonov


Diese Kette der Widersinnigkeiten könnte bis in die heutige Zeit der Vorbereitung auf den Beitritt des Landes zur Europäischen Union (EU) verlängert werden. Einerseits besteht nahezu einhelliger Konsens über die europäische Orientierung des Landes, andererseits lassen Meinungsumfragen (etwa zur Abschaltung des einzigen Kernkraftwerks, zu sozialen Maßnahmen für die Minderheit der Sinti und Roma oder zur Wiedereinführung der Todesstrafe) offen antieuropäische Haltungen zutage treten, werden Prioritäten der Integration zugunsten innerer Überzeugungen über Bord geworfen. Bleibt es abstrakt, werden die Europäer bewundert; geht es jedoch um einen EU-Experten, einen griechischen Kapitalisten oder eine französische Fußballmannschaft, entladen sich wie aus heiterem Himmel erstaunlich negative Energien. Um welchen Aspekt der Integration es sich auch handelt - niemand weiß genau, wie die Haltung des Landes aussieht. Die bulgarischen Verhandlungsführer oder Europaminister werden im eigenen Land bisweilen verächtlich "Mr./Mrs. Yes" genannt. Fällt das Ergebnis der Beitrittsverhandlungen zum allgemeinen Erstaunen dann doch nicht so schlecht aus und wird Bulgarien (das Land unter den zehn mittel- und osteuropäischen Beitrittskandidaten, das der UdSSR am nächsten und vom Westen am entferntesten war) fair behandelt, ruft das nicht etwa Begeisterung, sondern paranoide Spekulationen über geheime Beitrittsklauseln und eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe hervor.

Dieses Paradox findet sich überall. Die meisten Bulgaren sind froh, endlich zur "Mannschaft" der Stärkeren zu gehören - beispielsweise zur NATO -, und stehen deren Vorgehen gegen Serbien gleichzeitig extrem kritisch gegenüber. Auswanderung wird als aufregende Chance für Einzelne und als Einkommensquelle für das gesamte Land betrachtet, doch löst die Vorstellung von einer demografischen Apokalypse tiefe nationale Depressionen aus. Die Bulgaren sind stolz darauf, eine Nation fleißiger Bürger zu sein, und schämen sich im nächsten Moment ihrer Faulheit; man hört von heroischen Kämpfen und historischen Taten, ebenso aber Geschichten von Verrat und Niedertracht.

 

1 . 2 . 3 . 4 . 5 . weiter »

 
Ivaylo Ditchev
Dr. phil., geb. 1955; Präsident des Red House Centre for Culture and Debate, Sofia, und Professor für Kulturanthropologie an der St. Kliment Ohridsky Universität Sofia. ...
» zum Autorenindex

Übersetzung
Susanne Laux

Original in Englisch

Veröffentlicht am 03.07.2007

Erstveröffentlichung in Aus Politik und Zeitgeschichte 27/2006
» www.bpb.de/publikationen/IIX7TC

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

Weitere Artikel zu den Themen » Geschichte, » EU-Erweiterung, » Alltagskultur, » Bulgarien, » Südosteuropa
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Geschichte, » EU-Erweiterung, » Alltagskultur, » Bulgarien, » Südosteuropa


Weitere Inhalte