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Die geheimen Freuden des Provinzialismus, von Ivaylo Ditchev
Stumme Politik
Eines der hervorstechendsten Merkmale der bulgarischen Politik ist die Unfähigkeit, politische Positionen zu formulieren. Es werden häufig nur noch Standpunkte vertreten, die sich an Experten richten und Verlegenheitslösungen darstellen, die kleine Schritte mit lokalen Vereinbarungen verbinden. (Natürlich ist dies eine Entwicklung, die weit über Bulgarien hinausreicht: Auf gewisse Art und Weise ist die ganze Welt zur Provinz geworden, die von den Stürmen der Globalisierung gebeutelt wird.) Es werden zwar Debatten über den Prozentsatz der Mehrwertsteuer geführt oder darüber, bei welcher Justizbehörde Ermittlungsbefugnisse angesiedelt sein sollen, doch sie werden kaum öffentlich verfolgt. Die Politiker stellen ihre Truppen immer noch entlang von Demarkationslinien auf, an denen die Bürger schon längst ihr Interesse verloren haben. Die zutiefst ideologisch ausgerichtete Union Demokratischer Kräfte, die in den neunziger Jahren die Schlachten zur Abkehr vom Kommunismus angeführt hatte, lag zu Jahresbeginn 2006 in den Umfragen nur noch bei rund zwei Prozent.
Ausländische Beobachter staunen darüber, wie wenig sich die Bürger für ihre Rechte einsetzen. Die Hoffnungen der Menschen sind enttäuscht worden: Nach der revolutionären Leidenschaft der neunziger Jahre hat sich in der Wahrnehmung vieler alles nur verschlechtert. ("Während wir auf den Plätzen skandierten, privatisierten andere die Wirtschaft.") Heute ist es schwierig, Proteste zu organisieren. Die meisten Bürger Bulgariens äußern ihren Protest, indem sie sich entziehen: Wohl eineinhalb der sieben Millionen Bulgaren arbeiten über einen kurzen oder längeren Zeitraum außerhalb des Landes. Der Vorsitzende des Industrieverbandes, Bojidar Danev, warnte davor, dass es in einigen Wirtschaftsbereichen nicht mehr genug Arbeitskräfte gebe und dass das Land bald gezwungen sein werde, Arbeitskräfte aus dem Fernen Osten zu importieren. Anstatt ihre Forderungen zu äußern und für sie zu kämpfen, stimmen die Menschen mit den Füßen ab. In der engen Welt der Provinz scheint es schwer zu sein, eine abweichende Meinung zu vertreten und Konflikte auszutragen; es ist einfacher, diese Welt zu verlassen.
Die Berufspolitiker sind nicht eifriger als ihre Bürger, wenn es darum geht, eine differenzierte Position zu beziehen. Die "ideologischen" Zusammenstöße der neunziger Jahreüber die allgemeine Privatisierung, die NATO-Mitgliedschaft Bulgariens oder die Gesetzgebung der EU waren nichts weiter als ein Ausdruck des Tauziehens zwischen den neuen imperialen Zentren und der unentschlossenen Peripherie. Nachdem diese Ziele erreicht waren, senkte sich ein sonderbares Schweigen über die politische Szenerie. Tatsächlich sind die Jahre seit der Jahrtausendwende von einem antipolitischen Diskurs geprägt, der Themen wie Patriotismus, billigen Strom, Korruption oder Kriminalität, über die allgemeiner Konsens besteht, für sich nutzt. Eine Provinz ist von Natur aus unpolitisch. Die wirklichen Verlierer dieser Entwicklung waren Experten, öffentliche Redner, Menschen, deren Sprache mit jener schmerzlichen Zeit der Zersplitterung und des Umbruchs in den neunziger Jahren gleichgesetzt wird, die jeder gern vergessen möchte.
Natürlich gedeiht - unter dem Deckmantel der zunehmenden Indifferenz gegenüber der Politik - ein "schwarzer" Parlamentarismus (Gramsci benutzt diese Formulierung wie "Schwarzmarkt"). Die Koalition der Sozialisten mit Simeon II. und der türkischen Minderheitspartei 2005 wird häufig als letzter Beweis für den Niedergang und die Korruptheit der Politiker gewertet, der Aufstieg der Nationalen Union (ATAKA), eines Sammelbeckens für neofaschistische und nationalistische Kräfte, als dessen Ergebnis. Meiner Meinung nach vollzieht sich in Bulgarien jedoch eine andere Form der politischen Umverteilung, und das Land folgt darin dem Beispiel Polens. Derzeit entsteht ein pragmatischer, aber korrupter liberaler Pol, um den herum sich eine neue Rechte festigen und über Themen wie Moral, Bekämpfung der Korruption, Ablehnung der Privatisierung und natürlich den Nationalismus (die Balkan-Version einer fundamentalistischen Religion) profilieren kann. Die schmerzliche Trennung der Kommunistischen Partei von überzeugten Nationalisten hat bereits eingesetzt. Bezogen auf die Wirtschaft fühlt sie sich der Partei Simeons II. heute näher als denen, die beschwören, rechte Positionen in ihrer reinsten Form zu verkörpern. All dies jedoch wird niemals offen ausgesprochen. Aus Sicht der Beobachter streiten sich alle Gruppierungen über ihre eigenen Angelegenheiten - und das inmitten der allgemeinen Gleichgültigkeit der Bürger. Irgendwie werden sich die Dinge schon richten, auch ohne dass sie benannt werden, irgendwie werden die Direktiven der EU schon umgesetzt werden, ohne dass sie wirklich verstanden worden sind, irgendwie wird sich das Leben schon verbessern, langsam und ohne erkennbaren Grund.
Überrascht es da, dass Bulgarien praktisch unbekanntes Terrain ist? Niemand weiß etwas Genaues über das Land, und tatsächlich scheinen die nationalen Eliten lieber im Hintergrund bleiben zu wollen als zuviel Aufmerksamkeit zu erhalten. Hat man erst ein bestimmtes Image, wird man auch leicht zum Ziel eines möglichen Angriffs, wird man aufgefordert, Position zu beziehen und Entscheidungen zu treffen. Genau dies aber widerspricht dem Wesen der Provinz: Sie ist ein lauschiges Fleckchen Erde, an dem man sich geschützt fühlt und von wo aus man die große weite Welt im Fernseher betrachtet - so wie man früher auf der Bank im eigenen Vorgarten gesessen hat und den Vorübergehenden zugeschaut hat.
Übersetzung aus dem Englischen: Susanne Laux, Königswinter.
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