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Das kleinere Übel

von Bernward Janzing


Lange war Agrotreibstoff der Hoffnungsträger der alternativen Energien, heute gilt er immer öfter als Problemfall. Die EU schraubt ihre Quoten zurück, internationale Organisationen fordern ein grundsätzliches Umdenken beim Energieverbrauch.


Politik und Gesellschaft haben gelernt. Denn so lange man biogene Treibstoffe nur in geringem Maße einsetzte, hatten sie einen exzellenten Ruf. Rapsöl und der daraus produzierte Biodiesel galten für den Verkehrssektor als gute Antwort auf die knapper werdenden Ölressourcen und die Erderwärmung.

Foto: AP


Entsprechend haben sich die Länder in Europa Ziele gesetzt: Österreich zum Beispiel plant, die Nutzung von Bioenergie bis 2020 um rund 80 Prozent zu steigern, ausgehend von 2004. Schweden will im Jahr 2020 sogar das erste Land der Welt sein, das bei der Energieversorgung ohne Erdöl auskommt – dabei soll vor allem Biomasse eingesetzt werden. In Frankreich hat das Landwirtschaftsministerium erklärt, in den nächsten Jahren eine Biosprit-Quote von 7 Prozent zu erreichen, wofür zwei Millionen Hektar an zusätzlicher Fläche notwendig sind. Und in Tschechien will man den Einsatz von Biomasse bis 2010 gegenüber 2005 verdreifachen.

Kein Vorteil gegenüber Mineralöl

In Deutschland wurden jedoch schon vor Jahren kritische Töne laut. Das Umweltbundesamt (UBA) warnte bereits 1993, dass Rapsöl und Biodiesel gegenüber dem mineralischen Diesel aus Sicht des Umweltschutzes "keine entscheidenden Vorteile” brächten – doch niemand hörte zu. Das UBA forderte schon damals, dass lieber Holz, andere feste nachwachsende Rohstoffe und organische Reststoffe genutzt werden sollten. Zumal die Fachbehörde auch aus ökonomischen Gründen schon damals nichts von einer CO2-Reduktion durch Rapsöl hielt. Dieses nämlich sei "eine besonders unwirtschaftliche Maßnahme”, rechnete das UBA vor, weil es einfacher sei, den Treibstoffverbrauch der Autos um fünf Prozent zu senken, als fünf Prozent des mineralischen Treibstoffs durch Biotreibstoff zu ersetzen.

Von EU-Quoten und Richtlinien

Doch solche Einwände verhallten. Vor allem die Europäische Union setzte darauf, die biogenen Kraftstoffe voranzubringen. In ihrer "Richtlinie zur Förderung der Verwendung von Biokraftstoffen oder anderen erneuerbaren Kraftstoffen im Verkehrssektor” mit der Nummer 2003/30/EG vom Mai 2003, legte sie gar eine Quote fest: 5,75 Prozent aller Otto- und Dieselkraftstoffe müssten bis Ende 2010 aus Biomasse stammen. In Deutschland wurde diese Richtlinie mit dem Biokraftstoffquotengesetz umgesetzt.

Schlechte Energiebilanz

Bald jedoch zeigten sich die negativen Auswirkungen der vielfältigen Biokraftstoffe. Intensive Landwirtschaft mit Einsatz von Kunstdüngern und Agrochemie brachte die Bioenergie in Verruf, zumal zunehmend auch die Energiebilanz der Treibstoffe hinterfragt wurde. Der hohe Wasserverbrauch, der in manchen Regionen für den Anbau von Energiepflanzen nötig ist, kam als weiteres Argument gegen die Treibstoffe hinzu. Und auch die steigenden Lebensmittelpreise durch die Flächenkonkurrenz wurden zunehmend ein Thema: Wo Biosprit wächst, können keine Nahrungsmittel mehr wachsen.

Kritik von der OECD

Seither bläst der Wind dem Biosprit immer heftiger entgegen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) forderte jüngst die Abschaffung aller Subventionen für Biokraftstoffe, weil durch den Anbau natürliche Lebensräume zerstört werden könnten. Zudem trage die Förderung von Biokraftstoffen in der EU, den USA und Kanada "nur minimal” zum Klimaschutz bei, schrieb die OECD im Juli 2008 in einer Studie. Zugleich verursache die Förderung jährlich Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe. "Es gibt sehr viel effizientere Wege, etwas für den Klimaschutz zu tun als die Förderung von Biokraftstoffen”, sagt Stefan Tangermann, OECD-Direktor für Handel und Landwirtschaft. An erster Stelle müsse die Senkung des Energieverbrauchs stehen.

Teuer im Emissionshandel

Denn die Vermeidung einer Tonne CO2 durch Ethanol und Biodiesel in Nordamerika und Europa kostet nach Berechnungen der OECD zwischen 600 und 1100 Euro. Das ist enorm teuer. Der Vergleichsmaßstab ist immer der europäische Emissionshandel, bei dem die Tonne aktuell für 23 Euro gehandelt wird. Das heißt: Die Unternehmen, die dem Emissionshandel unterliegen, können eine Tonne CO2 für ein Dreißigstel des Preises vermeiden, den der Agrosprit die Gesellschaft kostet. Auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen, ein wissenschaftliches Beratergremium der Bundesregierung, erklärte bereits, dass es aus Sicht des Klimaschutzes bessere Nutzungsvarianten für Biomasse gebe, als ausgerechnet Treibstoff daraus zu machen – zum Beispiel durch Nutzung in effizienten Kleinkraftwerken.

Globale Warenströme

Es ist die Komplexität der globalen Warenströme in der Agrarwirtschaft, mit der die Befürworter des Biosprits offensichtlich nicht gerechnet hatten, und nun den Pflanzentreibstoff in Verruf bringt. Ein Beispiel dafür: Seit heimisches Rapsöl knapp und damit teurer geworden ist, suchen zahlreiche europäische Hersteller von Biodiesel im Regenwald Alternativen – beziehungsweise dort, wo einst Regenwald stand. Denn an Standorten tropischer Urwälder lassen sich vortrefflich Ölpalmen züchten. So werden in Indonesien für Palmölplantagen in großem Stil Urwälder gerodet und verbrannt. Kritiker sprechen bereits vom "Kahlschlag-Diesel”.

Zerstörung des Amazonas

Ähnlich ist die Situation beim Soja, das ebenfalls Rohstoff für Biodiesel sein kann. Sojaplantagen wiederum sind ein Hauptgrund für die Zerstörung in der Amazonas-Region. Und problematisch sind auch die Entwicklungen beim Zucker. Weil Zucker sich zu Bioalkohol vergären lässt, und dieser dem Benzin beigemischt werden kann, verändern sich auch die Zuckermärkte. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage ist von lateinamerikanischen Umweltgruppen bereits zu hören, Zuckerrohr-Plantagen und die Produktion von Ethanol in Brasilien seien ein Agrarmonopol, das von Sklavenarbeit lebe.

Biosprit-Wende?

Die Bundesregierung hat zwischenzeitlich reagiert. Seit August 2006 wird auch für Biodiesel Mineralölsteuer erhoben, deren Satz bis 2012 auf 45 Cent je Liter ansteigt. Und auch auf EU-Ebene versucht man das Rad zurückzudrehen: Der Anteil von Agrotreibstoffen wie Raps- oder Palmöl und Bioethanol, der ursprünglich auf zehn Prozent im Jahr 2020 steigern sollte, wird nun bei sechs Prozent festgesetzt. Das hat der Industrie-Ausschuss des Europaparlaments kürzlich entschieden. Beobachter sprechen seither von der "Biosprit-Wende”.

 
Bernward Janzing
Bernward Janzing, geboren 1965 in Furtwangen, ist freier Journalist für Energiewirtschaft und -technik. Er lebt in Freiburg.
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Original in Deutsch

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