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Der Islam in Europa - eine Ausnahme?
von Olivier Roy
Kann heute von einer Rückkehr des Religiösen durch islamische Einwanderer in die europäische Kultur gesprochen werden? Nach Meinung von Olivier Roy ist die Neuordnung religiöser Identitäten im Kontext einer globalisierten Welt zu betrachten.
Ersetzt man das viel beschworene Schlagwort vom "Zusammenprall" (clash) durch den "Dialog der Kulturen", bedeutet das im Wesentlichen ein Zugeständnis an die Verteidiger des clash of civilizations und deren Grundgedanken, die Welt sei in verschiedene "Kulturen" gespalten. Doch wie definiert man Kultur?

Foto: AP
Nach herkömmlichem Sprachgebrauch gründet sich Kultur auf Religion (christliche Kultur des Westens, islamische Kultur), ein geographisches Gebiet (Kulturräume wie der Nahe und Mittlere Osten oder "die islamische Welt") und, zumindest ursprünglich, eine Ethnie ("arabische" Kultur). Aufgrund von Bevölkerungsvermischungen und Migrationsbewegungen ist eine Kultur nicht mehr notwendigerweise einem bestimmten Gebiet oder einer ethnischen Gruppe zu Eigen, sondern heute wird als selbstverständlich angenommen, dass jede Kultur auf einer Religion begründet und jede Religion in eine Kultur eingebettet ist.
Dieser Gedanke liegt auch der Debatte über den Islam in Europa zugrunde. Der europäische Islam ist aus einer massiven Einwanderungswelle in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hervorgegangen. Der Umgang Europas mit diesem Thema lässt sich an zwei auf den ersten Blick widersprüchlichen Paradigmen erläutern: am Multikulturalismus in Nordeuropa und am Assimilationismus in Frankreich.
Beide Modelle sind aus ähnlichen Gründen gescheitert. Beide gehen davon aus, dass Religion und Kultur im Innersten verbunden sind, das heißt, dass man, wenn man seine Religion behält, auch an seiner Kultur festhält. Der Multikulturalismus nimmt an, dass Religion in ihrer Ursprungskultur, die weiter besteht, eingebettet bleibt; der Assimilationismus geht davon aus, dass Integration per definitionem die Säkularisierung des Glaubens und des Verhaltens mit sich bringt, da ja die Herkunftskulturen verschwinden. Das Problem liegt aber darin, dass sich heute die Rückkehr des Religiösen (sei es in fundamentalistischer oder in spiritualistischer Ausprägung) abgekoppelt von seinem kulturellen Bezug vollzieht. Die Religion erblüht auf der Dekulturation: Die französischen Muslime wollen als Franzosen und als Muslime anerkannt werden, und die jungen, "wiedergeborenen" (born again) Muslime aus den Niederlanden oder Großbritannien wollen nicht mit der Kultur ihrer Eltern identifiziert werden. Beide Modelle, Multikulturalismus und Assimiliationismus, haben es heute schwer, mit dieser neuen Ausdrucksform des "reinen" Religiösen umzugehen, das im Übrigen sehr unterschiedliche Formen annehmen kann, vom Bau von Moscheen über das Tragen des Schleiers bis zu politischem Radikalismus.
Die entscheidende Frage ist, ob das Phänomen der Dekulturation nur den Islam betrifft - handelt es sich doch um eine Folge der Veränderungen in der zweiten und dritten Einwanderergeneration in Europa sowie der fortschreitenden Verwestlichung der islamischen Gesellschaften - oder aber, ob es nicht vielleicht allen großen Religionen unserer Zeit gemein ist, beginnend mit dem Christentum. In diesem Fall, und das ist meine Analyse, wären die Manifestationen der Religiosität im Zusammenhang mit der islamischen Einwanderung in Europa nur eine Dimension des Phänomens der Neuordnung religiöser Identitäten im Rahmen der Globalisierung.
Ph.D., geb. 1949; Professor, Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS); Dozent an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) und ...
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Übersetzung
Doris Tempfer-Naar
Original in Französisch
Veröffentlicht am 10.07.2006
Erstveröffentlichung in Aus Politik und Zeitgeschichte 28-29/2006
© Bundeszentrale für politische Bildung
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