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Auf dem Weg zu einem Euro-Islam?

von Juliane Gunardono


Kopftuch-Streit, Terrorismus, Türkei-Beitritt: In vielen Debatten in Europa spielt die Frage eine Rolle, ob der Islam mit den europäischen Werten vereinbar ist. Könnte ein Euro-Islam die Antwort sein?


Darüber, wie der Euro-Islam aussehen könnte, gibt es kontroverse Positionen. Eine radikale Haltung vertreten Islam-Dissidenten wie die Politikerin und Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali. Sie kritisiert den Islam grundsätzlich, so zum Beispiel in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. Oktober 2006: "Es steht für mich fest, dass der Islam mit der liberalen Gesellschaft, wie sie sich infolge der Aufklärung entwickelt hat, nicht vereinbar ist."

Baitul Futuh Moschee in London: Bis zu 10.000 Gläubige können in der größten Moschee Westeuropas beten.
Foto: AP


In ihrer Heimat Somalia streng zur Muslimin erzogen, entwickelte sich Hirsi Ali nach ihrer Übersiedlung in die Niederlande zur scharfen Kritikerin des islamischen Fundamentalismus. In ihrer "Berliner Rede" vom 9. Februar 2006 fordert sie die Historisierung der religiösen Schriften und die Möglichkeit, Kritik an den Aussagen des Propheten Mohammed zu üben. "Der Koran ist Menschenwerk, nicht Gotteswerk", schreibt sie in ihrer Autobiografie.

Damit fordert sie, den Koran kritisch-hermeneutisch zu lesen. Diese Auffassung wird auch von Vordenkern eines Reform-Islam wie dem liberalen ägyptischen Theologen Nasr Hamid Abu Zaid vertreten, der den Koran als Kulturprodukt sieht. Schon 2003 folgerte er deshalb in der Zeit: "Gerade wenn die Botschaft des Islam für die gesamte Menschheit unabhängig von Zeit und Ort gültig sein soll, ist eine Vielfalt der Interpretation unvermeidlich."

Deutungshoheit über den Koran

Aber ist der Islam reformfähig im Sinne einer Anpassung an europäische Grundwerte? Die Beantwortung dieser Frage ist zentral an die Deutung des Koran geknüpft. Handelt es sich um eine unabänderliche Botschaft Gottes? Oder ist der Koran historisch geprägtes Menschenwerk, das auch als solches verstanden werden muss?

Dass die Interpretationen so vielfältig ausfallen, liegt nicht zuletzt an der nichthierarchischen Struktur der muslimischen Religion. Denn nach muslimischer Auffassung steht jeder Gläubige in einem unmittelbaren Verhältnis zu Gott. Eine Deutungshoheit in Religionsfragen gibt es ebenso wenig wie Einigkeit darüber, wer in den einzelnen europäischen Staaten berechtigt ist, die Muslime zu vertreten. So ist der Islam beispielsweise in Österreich seit 1912 in Form der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) eine anerkannte Religionsgemeinschaft. In Deutschland wurde dagegen erst vor kurzem ein Koordinierungsrat der Muslime als Dachverband der vier großen islamischen Verbände in Deutschland gegründet. Daniel Bax kommentierte das am 12. April 2007 in der tageszeitung grundsätzlich positiv, stellte aber auch fest, dass der Rat "längst nicht alle in Deutschland lebenden Muslime" vertritt.

Gruppen wie der Anfang 2007 gegründete "Zentralrat der Ex-Muslime" wollen verhindern, dass Islam-Organisationen vom deutschen Staat als einzige Repräsentanten aller im Land lebenden Muslime angesehen werden. Der Zentralrat der Ex-Muslime fordert auch, die europäischen Gesellschaften dürften nicht zulassen, dass Grundwerte wie die Freiheit der Meinungsäußerung, die Rechte des Individuums und die Rechtsstaatlichkeit verletzt werden. "Europa zeigt sich nach wie vor tolerant gegenüber Intoleranz", kritisierte die Vorsitzende des Zentralrats, die im Iran geborenen Frauenrechtlerin Mina Ahadi, am 8. März in einem Interview mit dem Tagesspiegel.

Islamisierung Europas?

Die Meinung Hirsi Alis und Ahadis, Europas Einsatz für die kulturelle Vielfalt sei naiv und habe die Radikalisierung europäischer Muslime befördert, wird von vielen geteilt. Der slowakische Wirtschaftsanalytiker Maros Balo äußerte im Streit um die Mohammed-Karikaturen am 28. Dezember 2006 in der Zeitung Sme die Befürchtung, "dass Europa aus Angst vor einer Eskalation des Konflikts lieber seine Werte negiert".

Europa sei "ohnmächtig gegenüber einem Feind, dessen Ideen klar und dessen Gläubige überzeugt sind", konstatierte auch der Spanier Daniel Martín am 20. März 2007 in der konservativen Estrella Digital.

Laizismus oder Sonderregeln

Doch wo beginnt die Kompromittierung europäischer Werte? Kann die religiös begründete Weltsicht des Islams mit dem säkularisierten Europa in Einklang gebracht werden?

Frankreich hat das eindeutigste Konzept aller europäischen Staaten: den Laizismus. Religion und Staat sind getrennt, Religion darf im öffentlichen Raum keine Rolle spielen.

Andere europäische Staaten tolerieren Sonderregelungen für Muslime. In Deutschland werden immer wieder Schülerinnen aus religiösen Gründen vom Schwimm- oder Sexualkundeunterricht freigestellt. In den Niederlanden soll ein muslimisches Krankenhaus mit Geschlechtertrennung gegründet werden. In Großbritannien dürfen Muslime und andere Religionsgruppen auch im Staatsdienst ihre Religion durch ihre Kleidung betonen.

Modifikation europäischer Grundwerte?

Gegner einer offenen Praxis oder von Sonderregelungen kritisieren, dass so die Möglichkeit eröffnet würde, europäische Grundwerte zu unterlaufen. Für Necla Kelek, deutsche Soziologin türkischer Herkunft, bereiten Ausnahmeregelungen einen Weg für den politischen Islam, "die Apartheid der Geschlechter in den freien europäischen Gesellschaften [zu] etablieren", wie sie am 5. Februar 2007 in einem Artikel für das Online-Magazin Perlentaucher schrieb.

Auch der französische Philosoph Pascal Bruckner sprach sich in seinen beiden Beiträgen für den Perlentaucher vom 21. Januar 2007 und 22. März 2007 für das französische Modell des Laizismus aus und bezeichnete den Multikulturalismus als "Rassismus des Antirassismus".

Befürworter hingegen sehen Sonderregelungen für Minderheiten als Ausdruck multikultureller Toleranz. "Wir müssen uns entscheiden, welche Aspekte unserer europäischen Lebensart essentiell sind und welche verhandelbar sind", schrieb der britische Historiker Timothy Garton Ash in der New York Review of Books vom 5. Oktober 2006. Für Garton Ash ist das Recht auf freie Meinungsäußerung essentiell, in der Verhüllung muslimischer Frauen in öffentlichen Einrichtungen sieht er hingegen keine Gefährdung von Grundwerten.

Garton Ash meint, für das Zusammenleben mit dem Islam in Europa könnten "islamische Reformer" wie Tariq Ramadan zukunftsweisend sein. Ramadan strebe einen Islam an, der mit dem demokratischen Europas vereinbar sei: "Muslimische Europäer, das bedeutet, ... dass man beides sein kann, ein guter Moslem und ein guter Europäer", schrieb Garton Ash in seinem Text.

Partizipation nach Regeln der Muslime

Der Schweizer Islamwissenschaftler und Publizist Tariq Ramadan scheint als gläubiger Muslim tatsächlich für eine islamisch-europäische Identität zu stehen. Am fünften Jahrestag des 11. September 2001 forderte er in einem "Appell an die Muslime im Westen", den die Financial Times Deutschland am 7. September 2006 druckte: "Die Muslime müssen dringend einen kritischen Diskurs entwickeln, der die Opferpose verwirft und der stattdessen radikale, wörtliche oder kulturelle Auslegungen der Schriften kritisiert. Im Namen der Leitprinzipien des Islam müssen sie etwa Position dagegen beziehen, dass ihre Religion zur Rechtfertigung von Terrorismus, häuslicher Gewalt oder Zwangsehen missbraucht wird."

Allerdings ist Ramadans Haltung gegenüber europäischen Grundwerten nicht eindeutig. Die gesetzliche Gleichstellung von Frau und Mann sei notwendig, betonte er in der International Herald Tribune vom 4. Februar 2007, allerdings dürfe nicht vergessen werden, dass Frauen und Männer eben nicht gleich seien, sondern die Frau in der islamischen Tradition über ihre Rolle als Mutter, Ehefrau oder Tochter definiert werden. Religiöse Gesetze stellt er über weltliche: "Wir sind für Integration, aber es ist an uns zu entscheiden, was das bedeutet. Ich bin bereit, Gesetze zu befolgen, aber nur insoweit, als diese Gesetze mich nicht zwingen etwas zu tun, was gegen meine Religion ist."

Bassam Tibi, ein in Syrien geborener deutscher Politologe, bezeichnete Ramadans Version des Euro-Islam deshalb am 20. März 2007 im Perlentaucher als "Täuschung". In Wahrheit handle es sich um einen "orthodoxen Islam ohne Europäisierung".

Islam und kulturelle Moderne

Tibi beansprucht, den Begriff des Euro-Islam bereits 1992 geprägt zu haben. Er versteht darunter einen "Islam, der im Einklang mit den Grundinhalten der kulturellen Moderne (Demokratie, individuelle Menschenrechte, Zivilgesellschaft, Pluralismus) steht und die Werteordnung des Pluralismus annimmt".

Der Euro-Islam sei "ohne eine kulturelle Anpassung, die religiöse Reformen erfordert" nicht möglich. Deshalb gebe es den Euro-Islam noch nicht. In diesem Punkt sieht er seine größte Differenz mit Ramadan. Entscheidend ist für ihn die Frage, inwiefern sich der Islam Verfahren der Textkritik öffnet und seine Religionsschriften historisiert.

Euro-Islam: Realität statt Vision

Europa wandelt sich durch den Islam und auch der Islam verändert sich durch Europa. Ein europäischer Islam könnte zu einer Modernisierung der Religion insgesamt beitragen, meint die niederländische Schriftstellerin Margriet de Moor in einem in der Süddeutschen Zeitung vom 17. April 2007 veröffentlichten Essay: "Falls der Islam überhaupt eine Reform erleben wird, so wird das nicht dort [in den Ländern des Nahen Ostens] geschehen, in diesem Hexenkessel, aus dem die Religion kommt, sondern im wohlhabenden Westen". Es gebe eine "Blüte der Islamwissenschaft" in den westlichen Ländern. Und: "Jede Religion passt ihre Alltagspraxis den Verhältnissen des Landes an, in dem sie existiert."

Diese Meinung vertritt auch der in der Auvergne geborene französische Philosoph Abdennour Bidar. Er spricht sich für einen pluralistischen europäischen Islam aus, bei dem nicht mehr zwischen "guten" und "schlechten" Muslimen unterschieden wird, sondern die individuelle Art, religiös zu leben, anerkannt wird. Dies verlange von den in Europa lebenden Muslimen eine größere innerreligiöse Toleranz, könne aber auch den Blick der Europäer auf "den Islam" als monolithischen Block verändern.

Während Tibi sein Konzept des Euro-Islam als Zukunftsvision betrachtet, hält Bidar die Modernisierung des Islam in Richtung eines Europa-kompatiblen "Islam der Individuen" für schon weit fortgeschritten: "Zeit, endlich von diesem Wandel Kenntnis zu nehmen", schrieb er am 7. Februar 2006 in Le Monde.

 
Juliane Gunardono
Juliane Gunardono arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie studierte Journalistik in München, lebte in Indonesien und Deutschland und war Redakteurin bei der Netzeitung und ...
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Original in Deutsch

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

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