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Frauenfreundliche skandinavische Gesellschaften?
von Solveig Bergman
Die skandinavischen Länder werden als Vorbild hinsichtlich der Gleichberechtigung von Mann und Frau angesehen. Wie sieht die Situation aber wirklich aus? Solveig Bergman berichtet von ihren langjährigen Erfahrungen als Frauenforscherin.
Die fünf Länder im äußersten Norden Europas (Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden) sind in vielerlei Hinsicht die vorderste Front bei dem, was als Maßstab der Gleichberechtigung der Geschlechter angesehen werden kann: der politischen Vertretung der Frauen und ihrer Aktivität auf dem Arbeitsmarkt, der Kinderbetreuung, familienfreundlicher Politik und den Rechten und Pflichten von Vätern bei der Kinderbetreuung. Eine über mehrere Jahrzehnte anhaltende positive Entwicklung der aktiven Arbeitsmarktpolitik im Verbund mit einem auf eine lange Geschichte zurückgehenden hohen Frauenanteil in politischen Versammlungen und Regierungen hat dazu geführt, dass die skandinavischen Länder in internationalen Rankings zum Thema Gleichberechtigung der Geschlechter meist ganz oben stehen.

Der in den 70er und 80er Jahren erfolgende Eintritt der skandinavischen Frauen in die Politik, das Bildungswesen und die Arbeitswelt und die anhaltende Gewichtung der Gleichberechtung der Geschlechter in der öffentlichen Debatte und in der Politik ist ein Ergebnis eines umfassenden Gleichheitsprojekts, das Frauen, Feministen und Feministinnen mobilisiert hat und Unterstützung vom Staat erfuhr. Von feministischen Akademikern und Akademikerinnen wurde der Begriff "Skandinavischer Staatsfeminismus" geprägt, um die enge Verknüpfung zwischen Feminismus und dem (Sozial-)Staat zu beschreiben. Das Konzept wurde im Allgemeinen als Synonym für den staatlichen Interventionalismus aufgefasst, der auf die Emanzipation der Frau und die Schaffung einer "frauenfreundlichen" Politik abzielte. Dieser staatliche Feminismus war durch eine enge Verbindung zwischen Feminismus, dem Staat und institutionalisierter Politik und Forschung gekennzeichnet.
Heute ist die Gleichberechtigung der Geschlechter ein übergeordneter Rahmen für die Genderdiskussion in der skandinavischen Öffentlichkeit und es herrscht großer Konsens über die Bedeutung der Gleichberechtigung der Geschlechter für das gesellschaftliche Miteinander und Wohlbefinden. Während der letzten Jahrzehnte bestand in allen skandinavischen Gesellschaften der Wille, die Gleichberechtigung der Geschlechter durch die Kinderbetreuung und eine auf Erziehungszeiten gerichtete Politik zu verfolgen, durch die die Mütter ermutigt werden sollten, Lohnarbeit anzunehmen. In jüngerer Zeit werden in Ergänzung zu dieser "Politik der arbeitenden Mütter" die Rechte und Pflichten der Väter in Bezug auf die Kinderbetreuung und gemeinsamen elterlichen Pflichten betont. Im Folgenden werde ich die skandinavische Familienpolitik aus der Perspektive der Gleichberechtigung erörtern. Zunächst möchte ich jedoch auf einige "Schatten im frauenfreundlichen Paradies” eingehen.
Schatten im Paradies
Trotz der erfolgreichen Einbettung der Gleichberechtigung der Geschlechter in die öffentliche Politik sind die skandinavischen Länder durch Gleichberechtigungsparadoxe und Widersprüche in der Politik gekennzeichnet. Ein Beispiel dafür ist die strikte geschlechterspezifische Arbeitsverteilung sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor. Der Arbeitsmarkt der skandinavischen Länder ist horizontal wie vertikal stark getrennt. Frauen arbeiten wahrscheinlicher im öffentlichen Sektor (wo die Vereinbarungen zum Mutterschaftsurlaub großzügiger ausfallen und die Einstellungen frauenfreundlicher sind), Männer arbeiten wahrscheinlicher im privaten Sektor (wo die durchschnittliche Bezahlung höher ist). Die starke berufliche Trennung verbunden mit anhaltenden geschlechtsspezifischen Gehaltsunterschieden überrascht außenstehende Beobachter oft. Sie gehen davon aus, dass sich das Engagement für die Gleichberechtigung der Geschlechter in einer größeren Gleichheit des Arbeitsmarktes niederschlagen würde.
Empirische Daten aus einer Reihe von gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen haben deutlich gezeigt, dass die Dominanz von Männern ein fortdauerndes Kernprinzip des Aufbaus und der Ausgestaltung der Beziehungen unter den Geschlechtern in den modernen skandinavischen Gesellschaften ist. In praktisch allen Feldern, vielleicht mit Ausnahme des Politikbereichs werden die Hauptführungspositionen von Männern dominiert. Im Geschäftsleben, der Kirche und im Militär ist die männliche Dominanz klar erkennbar, etwas weniger deutlich ist sie in der Wissenschaft und Forschung und in der Kultur und am wenigsten in der Politik.
In den politischen Institutionen hat während der letzten drei Jahrzehnte ein deutlicher Wandel der Geschlechterzusammensetzung stattgefunden. Jüngsten Zahlen der Internationalen Parlamentarischen Union (IPU) zufolge ist der Frauenanteil in den Parlamenten in den skandinavischen Ländern weiterhin am höchsten. Der regionale Durchschnitt liegt gegenwärtig bei 41,4 Prozent. Das finnische und schwedische Parlament glänzt mit 40 Prozent Frauenanteil. Die Regierungen der skandinavischen Länder verzeichnen einen Frauenanteil von durchschnittlich 47,5. Die 50-Prozent-Marke von Frauen in Ministerämtern wurde weltweit nur von zwei Ländern - Finnland und Norwegen - überschritten.
Im Geschäftsleben zeigt sich ein auffällig anderes Bild und es gibt wenig Beispiele für aktive Maßnahmen, die zu einer Änderung der Geschlechterzusammensetzung führten. Es gibt jedoch eine wichtige Ausnahme: Zur besseren Vertretung von Frauen in Führungsgremien hat Norwegen ein Gesetz eingeführt, welches Aktiengesellschaften dazu verpflichtet, bis 2008 einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent in ihren Vorständen zu erzielen.
Es ist besonders interessant, dass die skandinavischen Gesellschaften zwar bereit waren, die Strukturprobleme der ungleichen Position von Frauen auf dem Arbeitsmarkt anzugehen, aber bei einem anderen Strukturproblem waren sie viel langsamer und zögerlicher: nämlich der Gewalt von Männern gegen Frauen. Dieses Problem wurde in liberalen Sozialstaaten, wie Großbritannien, oder in konservativen Sozialstaaten auf dem Kontinent, wie Deutschland, viel früher erkannt. Die Einstellung hat sich in weiten Teilen geändert, aber es verwundert immer noch, wie schwierig es war, die Probleme bezüglich der von Männern ausgeübten Gewalt auf die politische Agenda zu setzen.
Dr. Solveig Bergman leitet das NIKK, Nordic Gender Institute in Norwegen.
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Original in Englisch
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