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Spanien zwischen Tradition und Moderne
von Xavier Costa
Spanien bewegt sich wie kaum ein anderes europäisches Land zwischen den Extremen: Der Katholizismus ist noch immer fester Bestandteil des spanischen Alltags, trotzdem kam es in den letzten Jahren zu zahlreichen Konflikten zwischen der Kirche und der sozialistischen Regierung.

Die religiöse Landschaft in Spanien hat sich in den letzten Jahrzehnten im institutionellen Bereich und im Alltagsleben der Menschen erheblich verändert. Die Hauptursachen hierfür liegen in einem intensiven Modernisierungsprozess - begleitet von einem Demokratisierungsprozess - und in der zunehmenden Einwanderung. Trotz dieser Veränderungen sind in Spanien bestimmte Eigenarten des religiösen Erscheinungsbildes und der Heiligenverehrung erhalten geblieben.
Traditionelle Feste und Volksglaube
Friedrich Schiller, Martin Heidegger und Emile Durkheim haben die Religion mit der Freude und dem Fest in Verbindung gebracht. Die Europahymne, der eine Melodie von Beethoven und ursprünglich die "Ode an die Freude" von Schiller zugrunde liegen, greift diese Freude und Götterfunken auf. In Spanien ist der leuchtende und fröhliche Götterfunke in der Fiesta und den volkstümlichen religiösen Traditionen noch sehr lebendig. Trotz der großen Unterschiede zwischen den Dörfern, Städten und Ländern aus denen Spanien sich zusammensetzt, stärken die verschiedenen Feste und volkstümlichen Traditionen die Beziehungen zwischen den Menschen und bringen sie näher zusammen. Die Festgemeinschaften – wie die Fallas in Valencia, die Peñas de San Fermín in Navarra oder die andalusischen Hermandades y Cofradías, bilden Gemeinschaften, deren Schwerpunkt auf der festlichen Annäherung zwischen Familien, Freunden, Nachbarn und Besuchern liegt. Die zentralen Aktivitäten dieser Gemeinschaften sind: Gespräch (tertulia), Spiel, Humor, Essen und Trinken und die freiwillige gemeinsame Arbeit.
Heiligenverehrung und Erneuerung der Tradition

Die Gemeinschaft erneuert die Tradition der Feste fortwährend: Neue Elemente vermischen sich mit den traditionellen Formen des Zusammenseins, dessen Zentrum die Plätze und Straßen sind. Die neuen Elemente stammen häufig aus einer globalisierten Welt. Sie bereichern und modernisieren die Tradition. Heute vereinen viele Gemeinschaften in ihrem kollektiven Gedächtnis gemeinschaftliche Erfahrungen und Symbole aus verschiedenen Zeiten und verbinden so alte und neue Formen der Heiligendarstellung: Die moderne Pyrotechnik bereichert den Feuerkult in Valencia. Das Stiertreiben vermischt sich mit der katholischen Tradition des San Fermín, der Festversammlung von Pamplona.
Festliche Gemeinschaft und religiöse Traditionen nehmen Straßen und Plätze ein und tragen zu einer Überschneidung zwischen de Gesellschaft, dem Heiligen und den verschiedenen heiligen Figuren des spanischen Glaubens bei. Dabei überschneiden sich nicht nur die Symbole sondern auch die verschiedenen sozialen Gruppen und Institutionen: Aus diesem gemeinschaftlichen Leben entstehen Möglichkeiten zur sozialen Integration und zum sozialen Zusammenhalt.
Die Fiesta und der Rückgang des Heiligen
Einwanderer und insbesondere Europäer, die sich in Spanien niederlassen, schätzen die spanische Fiesta. Trotzdem haben Philosophen wie Martin Heidegger die Abnahme und das Vergessen des Heiligen im Abendland beklagt. In Zeiten der Unsicherheit und des globalisierten Kapitalismus gibt die "Fiesta Mayor" vielen Menschen Rückhalt, insbesondere weil sie die Geselligkeit und die Gemeinschaft stärkt. Trotzdem steht dieses Festhalten an traditionellen Feierlichkeiten und der volkstümlichen Religion in offenem Widerspruch zum Fortschritt der Säkularisierung und der Abnahme des Glauben und der religiösen Praktiken im Rahmen des Katholizismus.
Soziale Säkularisierungsbewegungen
Die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Staat waren in Spanien immer sehr eng. Trotzdem zeigten sich in Spanien bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erste Zeichen eines Säkularisierungsprozesses: Aufklärung und Liberalismus trugen dazu bei. Im ausgehenden 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden in Spanien verschiedene soziale Bewegungen, einige davon stark antiklerikal, die den Liberalismus bis hin zu laizistischeren Positionen begleiteten. Diese sozialen, republikanischen, demokratischen, sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Bewegungen, haben schließlich zur allmählichen Trennung zwischen der katholischen Kirche und dem Staat beigetragen. In dieser von mehreren Bürgerkriegen geprägten Zeit entstehen zwei republikanische Regimes (1868-1873 und 1931-1939): Sie verankern die Trennung von Kirche und Staat in der Verfassung.
Frankismus und Demokratisierungsprozess
Später unterstürzte und legitimierte die katholische Kirche das Francoregime (1939-1975). Die damit einhergehende historische Rückwärtsentwicklung kann als Rückschritt im Prozess der Säkularisierung bezeichnet werden. Von 1962 bis 1965 fand das Zweite Vatikanische Konzil statt: Es sollte zur Modernisierung der katholische Kirche beitragen; diskutiert wurden unter anderem die Ökumene, die Religionsfreiheit sowie Rolle, Leben und Ausbildung der Priester. Die Impulse dieses Konzils erreichten schließlich auch Spanien und trugen zum Prozess der Öffnung und Demokratisierung des Landes bei. In der Religionsfrage kam es schließlich zu einer schwierigen Einigung: Sie zielte auf die Trennung von Kirche und Staat ab. Trotzdem bildete die katholische Kirche einen besonderen Schwerpunkt und fand in besonderer Weise Berücksichtigung in der Verfassung. Artikel 16 der Verfassung von 1978 besagte:
Die Freiheit des weltanschaulichen Bekenntnisses, der Religion und des Kults wird dem Einzelnen und den Gemeinschaften gewährleistet; sie wird in ihrer Darstellung nach außen lediglich durch die vom Gesetz geschützte Notwendigkeit der Wahrung der öffentlichen Ordnung beschränkt.
Niemand darf gezwungen werden, sich zu seiner Weltanschauung, seiner Religion oder seinem Glauben zu äußeren.
Es gibt keine Staatsreligion. Die öffentliche Gewalt berücksichtigt die religiösen Anschauungen der spanischen Gesellschaft und unterhält die entsprechenden kooperativen Beziehungen zur Katholischen Kirche und den sonstigen Konfessionen.
Gegenwärtig gilt das 1979 zwischen Spanien und dem Vatikan unterzeichnete Konkordat. Dieses ist aufgrund von Mehrdeutigkeiten und Zugeständnisse an die katholische Kirche widersprüchlich.
Die neue Säkularisierung
Während der letzten drei demokratischen Jahrzehnte kam es sowohl auf institutioneller Ebene als auch im Alltag der Menschen zu einer Intensivierung dieses Säkularisierungsprozesses. Eine Umfrage des Centro de Investigaciones Sociológicas von April 2008 hat gezeigt: 76, 7 Prozent der Spanier würden sich heute als Katholiken bezeichnen, allerdings besuchen nur noch 15,3 Prozent der Spanier regelmäßig Messen und Gottesdienste. Diese Zahlen zeigen, dass die seit den 60er Jahren existierende Säkularisierungstendenz weiter zugenommen hat.
Liberale und demokratische Tradition
Der Säkularisierungsprozess war bereits gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts klar zu erkennen. Tiefe, Einfluss und Kontinuität der liberalen und demokratischen Tradition Spaniens sind besonders wichtig, um die mit den Idealen der Toleranz und der Religionsfreiheit verbundenen Werte zu verstehen: Sie haben in Spanien sehr früh Früchte getragen und sich auf die politischen und gesellschaftlichen Institutionen ausgewirkt. Damit wird deutlich, warum ausgerechnet Spanien als eines der ersten Länder der Welt das Frauenwahlrecht einführte und das Scheidungsrecht der zweiten Republik (1931 - 1936) eines der Fortschrittlichsten überhaupt war. Hierauf beruht auch das heutige Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe, das in letzter Zeit zu Konflikten zwischen der Regierung und der katholischen Kirche geführt hat.
Neue Spannungen und Bürgerrechte

Trotz des Demokratisierungs- prozesses und der zunehmenden konfessionellen Pluralität - hervorgerufen durch Einwanderung und Globalisierung - ist die katholische Kirche heute immer noch eine mächtige Interessengruppe: Sie möchte ihre institutionellen Interessen in Verbindung mit ihrem monumentalen, erzieherischen, sozialen, kulturellen und gesundheitspolitischen Erbe verteidigen. Obwohl sie zu einem großen Teil durch die Steuern der IRPF (Impuesto sobre la Renta de las Personas Físicas – spanische Einkommenssteuer) finanziert wird, hat sich die katholische Kirche der aktuellen Regierung dennoch in einer Vielzahl von Fragen entgegen gestellt: Im Bereich der Bürgerrechte bekämpft sie das neue Eherecht, das die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt. In der Bildung – einem Bereich, in dem die Kirche aufgrund ihrer Vormachtstellung im Bereich der Privatschulen besonders großen Einfluss hat – richtete sie sich gegen das neue Schulfach "Staatsbürgerkunde". Es steht in Konkurrenz zum katholischen Religionsunterricht und wird von der Kirche als "laizistische Ideologie" bezeichnet. Auch im Gesundheitsbereich hat ihr sozialer Einfluss in bestimmten Abteilungen einiger Krankenhäuser (Gynäkologie, Geburtshilfe, etc) die Anwendung des aktuellen Abtreibungsrechts erschwert. Etwa indem ein Teil des medizinischen Personals unter Anführung eines "Verweigerungsrechts aus Gewissensgründen" Abtreibungen verweigerte. In einigen Teilen Spaniens, in denen der Einfluss der katholischen Kirche besonders stark ist, müssen Spanierinnen, die ein gesetzliches Recht auf eine Abtreibung in den Behandlungszentren der Seguridad Social haben, in eine andere Stadt oder gar ins Ausland gehen um Abtreibungen vornehmen zu lassen.
Zivilehe und gleichgeschlechtliche Ehe
Das neue Eherecht hat zu Auseinandersetzungen zwischen Staat und katholischer Kirche geführt: Die Ideale der katholischen Kirche von Ehe und Familie finden sich darin nicht wieder. Das hat zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat geführt: Die höchsten Ebenen der katholischen Kirche konnten Hunderte ihnen nahestehender Gruppen und Parteien mobilisieren, die sich auf die Verteidigung des klassischen Familienmodells beriefen. Die Daten weisen darauf hin, dass der soziale Stellenwert einer katholischen Eheschließung stark nachgelassen hat. Der offiziellen Statistik des Instituto Nacional de Estadística zufolge entschied sich 2006 beinahe die Hälfte der Spanier für die Zivilehe. In den modernsten Teilen Spaniens ist die Anzahl der Zivilehen weitaus größer als die der religiösen Ehen. In der Tat ist es inzwischen ebenso alltäglich geworden im Rathaus oder im Gericht zu heiraten anstatt in der Kirche. Es ist ebenso normal, an einer gleichgeschlechtlichen Hochzeit teilzunehmen: Im Jahr 2006 waren 2 Prozent aller Ehen, Ehen gleichgeschlechtlicher Paare.
Religiöser Pluralismus
Die Verfassung von 1978 und das Gesetz zur Religionsfreiheit von 1980 haben eine neue religiöse Vielfalt ermöglicht, die durch Einwanderung und den Globalisierungsprozess immer offensichtlicher wurde. Heute ist sie ein wichtiger Teil des Alltags. Offiziellen Zahlen zufolge gehören 1,6 Prozent der spanischen Bevölkerung anderen Religionen als dem Katholizismus an. Die Anzahl könnte tatsächlich jedoch weitaus höher sein, insbesondere weil bei diesen Erhebungen viele illegale Einwanderer nicht berücksichtigt werden.
Im Oktober 2004 gründete die sozialistische Regierung die Fundación Pluralismo y Convivencia (Stiftung Pluralismus und Zusammenleben): Ihr Ziel ist es, "zur Durchführung von Programmen und Projekten in den Bereichen Kultur, Erziehung und soziale Integration der religiösen Minderheiten... beizutragen und die uneingeschränkte Ausübung der Religionsfreiheit zu fördern". Ein wesentlicher Teil des kleinen Budgets der Stiftung fließt in die finanzielle Unterstützung der verschiedenen religiösen Konfessionen.
Auch die Regierungen der autonomen Gemeinschaften haben in ihrer Verwaltungsstruktur Stellen eingerichtet, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Die Generalitat de Catalunya war Vorreiter bei der Umsetzung einer neuen Politik des religiösen Pluralismus und dessen Untersuchung. Die Universidad Autónoma de Barcelona führte Studien über religiöse Minderheiten durch. Als die Comunidad Valenciana ähnliche Untersuchung durchführen wollte, wurden Forscher beauftragt, die der katholischen Kirche sehr nahestanden. Das Beispiel zeigt die politischen Widersprüche: Die soziale und institutionelle Macht der katholischen Kirche ist tief in der Gesellschaft verankert und verfügt über unerwartet großen politischen Einfluss. Der Pluralismus in der religiösen Landschaft Spaniens ist nach wie vor stark von den politischen Mächten in den einzelnen Regionen Spaniens abhängig.
Das Religionsproblem: noch ungelöst
Wählerschaft und Öffentlichkeit spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, sie drängen immer wieder auf die Verlässlichkeit und die einheitliche Linie von Politik und Regierung, die sie im Bereich der Religion stets wahren sollte. Einerseits bekräftigt die Politik gegenüber den Wählern die Neutralität des Staates und proklamiert die Gleichberechtigung der Konfessionen bedeutet. Andererseits räumt die Politik der katholischen Kirche große Zugeständnisse und Privilegien ein. Diese Widersprüche sind kalkuliert und manchmal politisch motiviert. In einem Land mit einer derartig großen Vormachtstellung der katholischen Kirche sind sie vielleicht auch notwendig.
ist am Fachbereich für Soziologie und Soziale Anthropologie der Universität von Valencia tätig. Er promovierte dort 1996 und hat einen Master- (1989) sowie einen Doktortitel ...
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