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Aber die Zigeuner sind geblieben
von Andreas Unger
Als die Siebenbürger Sachsen aus Weilau flohen, ließen sie nicht nur ihre Höfe zurück. Sondern auch die Nachbarn, mit denen sie mehr als 200 Jahre eng zusammengelebt hatten: ihre Zigeuner. Ausgerechnet sie lassen heute die deutsche Tradition fortleben
Da kommt es wieder, schleppend erst, dann schubweise: der Dachboden, die Soldaten. Die Schlüssel und die Kirche. Der Kurator, das Huhn. Maria Lengyel sinkt zurück, kramt nach den richtigen Worten, Jahren, Namen. Die Stirn unter dem zerschlissenen Kopftuch kräuselt sich, jeder Gesichtsmuskel setzt ein Dutzend Falten in Bewegung, so viele davon haben ihr die 82 Jahre ins Gesicht geschrieben. Ihre Augen schrecken auf, als sie wieder auftaucht aus der Vergangenheit und erzählt, was sie mitgebracht hat.

Foto: Espen Eichhöfer/OSTKREUZ
"Im Vierundvierzigerjahr war's, da sind unsere Sachsen weg. Haben müssen fliehen, ja, der Krieg! Aber wir Zigeuner sind geblieben. Die Frauen haben sich versteckt im Wald, denn die Soldaten von der Roten Armee haben Frauen gesucht. Ich war auf dem Dachboden, zwei Tage hab ich müssen bleiben ohne Essen und ganz ruhig. Nicht haben sie mich gefunden, keiner hat mich angelangt!" Über 600 Siebenbürger Sachsen hatten zuvor dem deutschen Militärbefehl gehorcht, ihre Pferde und Ochsen vor die Wagen gespannt und waren aufgebrochen gen Westen, Richtung Niederösterreich. Es sei ja nicht für ewig, so hatten die meisten gehofft und gaben die Schlüssel für Viehstall, Weinkeller und Wohnhaus ihren Zigeunern. Ihren Zigeunern, denn die hatten sich damals gern auf einem Sachsenhof als Tagelöhner verdingt. Hier galten sie eben nicht, wie weitum, als heimatlos, dubios, rastlos. Sondern als Weilauer. Als brave Zigeuner, wie es hieß.
Weilau, Uila oder Vajola
Heute sind sie es, die Weilau am längsten bewohnen. Und die die deutsche Kultur weitertragen, nachdem sie in den letzten 60 Jahren ein einziges Kommen und Gehen sahen: Nachdem die Sachsen geflohen waren, siedelten Ungarn, dann kamen Rumänen dazu und schließlich wieder einige Sachsen, die es aber nicht mehr lange aushielten in Weilau. Nur die Zigeuner blieben. Weilau, auf Rumänisch Uila, auf Ungarisch Vajola, gegründet von den Siebenbürger Sachsen, die im zwölften Jahrhundert aus dem Nordwesten des deutschen Sprachraums eingewandert waren. "Sachsen" heißen sie, weil in alten ungarischen Urkunden von den Deutschen als "saxones" die Rede ist. Sie buken Brot und ernteten Obst, sie kelterten Wein, fütterten Vieh und brannten Schnaps zwischen den sanften Hügeln Transsilvaniens, im Norden Siebenbürgens, dem Land hinter den Wäldern. Dort, wo noch heute im Herbst der Hunger die Wölfe aus dem Wald treibt, sodass sie sich schadlos halten an den Schafherden hinterm Dorf. Dort, wo noch heute keine Straße durchführt, bloß eine endet.
Neuerdings kommen öfters Besucher aus der reichen Welt diese Straße entlang. Ihnen trotten Pferdegespanne im Zickzack entgegen auf einem Weg, der an manchen Stellen nur aus den Rändern von Schlaglöchern besteht. Die Besucher sehen verwitterte Schindeln, die sich mit ihrem Gewicht an die alten Dachstühle schmiegen. Sie sehen blinde Fenster, die in ausgebleichten Rahmen stecken, oder eine Kuh, die am Straßenrand gehäutet und ausgenommen wird.
Die besten Musikanten
Um Weilaus Mitte, mit dem Kirchturm, der deutschen Schule und dem Gemeindehaus, stehen seit Jahrhunderten stolz die kleinen Sachsenhöfe aus lehmverputztem Fachwerk. Am Dorfrand wohnten die Zigeuner, die sich selbst so und nicht etwa "Roma" nennen. Um 1800 sind sie wohl dazugestoßen, so genau weiß das niemand mehr. Auch nicht, wann sie neben ihrer Muttersprache Romanes auch Sächsisch lernten, eine Spielart des Deutschen, die fast schon eine eigene Sprache ist; oder warum sie sich protestantisch taufen ließen nach Art ihrer Sachsen und mit ihnen die Kirche besuchten; oder wann die Männer ihre schwarzen runden Hüte und die Frauen ihre bunten Röcke ablegten und sesshaft wurden.

Foto: Espen Eichhöfer/OSTKREUZ
Wobei "sesshaft" nicht heißt, dass sie viel zu Hause gewesen wären. Denn die Weilauer Zigeunermänner waren weithin bekannt als die funkelndsten, frohsten, traurigsten, jedenfalls besten Musikanten der Gegend. Bis hinauf zur Bukowina an der ukrainischen Grenze fuhren sie mit Geige, Zambal und Kontrabass, wenn im Nachbarort Botsch ein Anruf oder Telegramm eingegangen war mit der Bitte, man möge einen Weilauer "Taraf" schicken, also eine Band. Wochenlang waren sie manchmal unterwegs, von einem Fest zum anderen. Noten konnten sie nicht lesen, aber Melodien aus dem Stand nachspielen, das allemal. Die Strauß'schen Dreiviertelschlager standen hoch im Kurs, dazu rumänische Sarba, ungarische Csárdás und, als Zugabe, die alten Zigeunerlieder. Auch für die Weilauer Sachsen spielten sie auf. Tanzen durften dabei nur die Sachsen, so viel Unterschied musste sein.
Klare Standesgrenzen
Von diesem Unterschied weiß die alte Sächsin Susana Iancu zu erzählen. Genauer gesagt: zu schweigen. Sie hat einen Zigeuner geheiratet. Die zierliche, gebrechliche Frau muss den Kopf in den Nacken legen, wenn sie nach vorn schaut, denn ihre monumentale schwarze Brille mit den dicken Gläsern rutscht ihr gerne von der feinen Nase. "Es war keine Schande mit ihm", stellt sie gleich einmal klar, "er war ein guter Mann." Für ihren Zoltan habe es gute Gründe gegeben: "Ich bin nach dem Geld gegangen", sagt sie, und wer an dieser Stelle auf ein ironisches Lächeln wartet, wird enttäuscht. Nach einer Weile ergänzt sie: "Ein guter Musiker war er auch, und ein scheener Mann!" Dann schweigt sie.
Und zwar davon, dass ihre Familie sie verstieß, dass sie fortan gemieden wurde unter den Sachsen. Das ergänzt statt ihrer der Historiker Joachim Krauß. Er hat einige Monate in Weilau gelebt und währenddessen die Zigeuner ins Herz geschlossen. Die Hochachtung, mit der die Zigeuner von "ihren" Sachsen sprechen, sieht er kritisch: "Der Knecht spricht besser über den Herrn als der Herr über den Knecht. Für die meisten Sachsen war das mit den Zigeunern eher ein bisschen peinlich. Es widersprach auch ihrer Idee von der Volkskirche, wonach die Sachsen die einzig vollwertigen Gemeindemitglieder waren." Das ist auch der Grund, warum die Zigeuner bis 1989 keine Kirchenbeiträge zahlten, erzählt der ehemalige Weilauer Pfarrer Wolfgang Rehner. "Sonst hätten sie auch den Gemeindekurator und das Presbyterium wählen dürfen. Das wäre den Sachsen zu weit gegangen."
Als die Russen kamen
Doch sie brauchten sich, die Sachsen und die Zigeuner, denn hart war die Arbeit und reichlich. Und sie mochten sich. So stand es um die Sachsen und die Zigeuner, bis der Krieg aus Deutschland über die Wälder kam und die Weilauer Sachsen fand, die den Zigeunern die Schlüssel gaben zu treuen Händen.
Und so molken und fütterten sie die Kühe der Sachsen, erzählt die alte Frau Lengyel. Wieder beginnt das wache Mienenspiel ihres Gesichts, über das manchmal ein junges Strahlen huscht oder eine alte Verstörung, die man erst begreift, wenn sie die Geschichte erzählt von den Russen, dem Gemeindekurator und dem Huhn: Einmal habe sich ein Zigeuner erlaubt, ein Huhn zu schlachten, ein Sachsenhuhn, aber da habe ihn sich der Herr Gemeindekurator ordentlich zur Brust genommen und recht heftig ausgescholten! "Na, und später sind die Russen gekommen von der Roten Armee", erzählt Frau Lengyel und legt ihre Hand auf die Wange. "Ojoj! Viel Hunger hatten die und keine Sorge, wem die Hühner gehören!" Als die Russen weiterzogen, taten die Zigeuner weiter ihre Arbeit. Denn wenn die Sachsen erst wiederkommen würden, sollten sie mal sehen, was sie an ihren Zigeunern hatten.

Andreas ...
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