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Kapitale Fragen
von Andreas Bock
Mit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise im September 2008 steht die Finanzwelt vor einer historischen Zäsur. Ist der Kapitalismus moderner Prägung am Ende? Welche Rolle spielen Markt und Staat in der Zukunft? Die europäische Presse stellt das kapitalistische System auf den Prüfstand.
Die Insolvenz des US-Investmenthauses Lehman Brothers Mitte September 2008 erschütterte das internationale Finanzsystem und den Glauben an den modernen Kapitalismus nachhaltig. Der Zusammenbruch der großen Investmentbanken an der Wall Street, weltweite Kurseinbrüche an den Börsen und zahlreiche Bankenpleiten in Europa markieren eine historische Zäsur. Angesichts des Ausmaßes der Finanzkrise diskutierte die europäische Presse daher die Frage, ob man gar vom Ende des Kapitalismus sprechen könne.

Foto: AP/Aaron Favila
Bereits im Juli 2008 vermutete der US-amerikanische Ökonom Joseph Stiglitz in der Financial Times Deutschland, dass die neoliberale Idee zum Scheitern verurteilt sei. "Der neoliberale Marktfundamentalismus war immer eine politische Doktrin, die gewissen Interessen diente. Sie wurde nie von ökonomischer Theorie gestützt, ebenso wenig von historischen Erfahrungen." Die internationale Finanzkrise habe den westlichen Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttert, stellte die ungarische Wochenzeitung Figyelő am 25. September fest und fragte, "ob die Krise das System des westlichen Kapitalismus unter sich begräbt und sich die Gewichte der Weltwirtschaft 'endgültig' in Richtung Ferner Osten verlagern."
Ende einer Ära
Gerade das Ausmaß der Krise bewegte mehrere Zeitungen dazu, vom Ende einer Ära zu sprechen. So verglich Lluís Bassets, der stellvertretende Chefredakteur der spanischen Tageszeitung El País, am 24. September in seinem Blog das Ende der Wall Street mit dem Fall der Mauer. "Jetzt erleben wir den Untergang der letzten siegreichen Ideologie. ... Der Antriebsmotor der vergangenen Epoche war die Gier." Justo Zambrano vertrat am 16. Oktober in der spanischen Tageszeitung El Mundo die Ansicht, dass "nach den 30 glorreichen (und keynesianischen) Jahren der sozialdemokratischen Hegemonie, die auf den Zweiten Weltkrieg folgten, 30 weitere kamen, die ebenfalls die Bühne auf imperiale Weise beherrscht haben – diesmal war es der Neo-Liberalismus". Die Krise vom September 2008 ... könne allerdings das Ende dieser Etappe bedeuten."
Und als "historisch" bezeichnete das niederländische NRC Handelsblad am 26. September die internationale Finanzkrise, "weil niemand mehr behaupten kann, dass der unbegrenzte Freihandel automatisch zu einer besseren Welt führt. Auch an das alte liberale Märchen, dass der Markt sich immer selbst korrigiert, kann nicht mehr geglaubt werden. ...Der Nachsommer von 2008 wird in die Geschichte eingehen als der Moment, an dem die letzte politische Ideologie des 20. Jahrhunderts ihren Untergang erlebte."
Noch zu retten?
Allerdings stimmen nicht alle gleichermaßen in den Kapitalismus-Abgesang mit ein. Man solle keine voreiligen Schlüsse ziehen, betonte die konservative französische Tageszeitung Le Figaro am 15. Oktober. "Nicht nur, dass der Kapitalismus nicht verschwinden wird, nein, er wird auch zum Glück das dominante System der Weltwirtschaft bleiben. Und er wird aus dieser Krise gestärkt hervorgehen – da er einige übertriebene Praktiken losgeworden sein wird, die der Markt am Ende immer korrigiert."
Weil die Gründe für die Finanzkrise nicht klar auf der Hand lägen, kann João Marques de Almeida, Mitglied im Kabinett von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, eine generelle Kapitalismuskritik nicht nachvollziehen. "Den Kapitalismus wegen der Finanzkrise anzugreifen, ist wie die Demokratie anzugreifen, weil extremistische Parteien Sitze im Parlament gewinnen. ... Der Kapitalismus ist mehr als Wirtschaft. Ohne Kapitalismus gibt es keine individuelle Freiheit, keine politische Vielfalt und keine erfolgreiche Gesellschaften.", schrieb de Almeida am 29. September in der portugiesischen Wirtschaftszeitung Diário Económico.
Einen sehr analytischen Beitrag leistete der Politologe John Gray am 28. September in der britischen Wochenzeitung The Observer: "Was gerade passiert, hat lediglich mit dem Ende eines Typus' von Kapitalismus zu tun – die besonders unstabile Variante, die in Amerika in den letzten 20 Jahren existierte. Dieses Experiment des finanziellen 'Laissez- faire' ist zusammengebrochen."
Die US-amerikanische Kapitalismuskritikerin Naomi Klein wollte sich indes keinerlei Illusionen hingeben, was die Zukunft des Kapitalismus betrifft. Sie war überzeugt, "dass niemand den übertriebenen Aussagen glauben sollte, dass die Krise der Märkte den Tod des freien Marktes nach sich zieht. ... In Phasen des Aufschwungs ist es eben nützlich, das Laissez-faire zu predigen, da ein fast abwesender Staat das Wachsen der Spekulationsblasen zulässt. Platzen die Blasen, wird diese Ideologie zur Falle und wird auf Eis gelegt. ... Aber dass sich niemand täuscht: Die Ideologie wird wieder hervorgeholt," schreibt sie am 25. September in der spanischen Tageszeitung La Vanguardia.
Rückkehr des Staates
Als Folge der Kritik am neoliberalen Credo des Kapitalismus und angesichts der gigantischen staatlichen Rettungsmaßnahmen fragten die Medien verstärkt, welche Rolle der Staat künftig spielen soll. Eine Renaissance erlebt die nach dem Ökonomen John Maynard Keynes benannte Theorie des Keynesianismus, wonach nur eine massive staatliche Intervention eine Wirtschaftskrise überwinden könne. Keynes war der Überzeugung, die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre sei aus den Unzulänglichkeiten des Laissez-faire-Kapitalismus entstanden. Ende der 1970er Jahre setzte sich dann aber in den USA und Großbritannien eine Form des Neoliberalismus durch, die von Deregulierung und Privatisierung unter US-Präsident Ronald Reagan und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher gekennzeichnet war.
Als "sozialistische Lösung" bezeichnete die ungarische Tageszeitung Népszabadság am 24. September das 700-Milliarden-Dollar schwere US-Rettungspaket. Und die britische Tageszeitung The Guardian schrieb am 23. Oktober mit Blick auf die staatlichen Interventionen: "Nicht Marx ist es, der wirklich rehabilitiert worden ist, sondern John Maynard Keynes, aus dringender Notwendigkeit heraus. ... Die symbolische Bedeutung der offiziellen Rückkehr zum Keynesianismus sollte nicht unterschätzt werden."
Joachim-Fritz Vannahme stellte am 24. September auf der Website der deutsche Wochenzeitung Die Zeit die Frage, ob das Ende des bisherigen Wall-Street-Finanzkapitalismus schon die Rückkehr der sozialen Marktwirtschaft, des "Rheinischen Kapitalismus" mit einer stärkeren staatlichen Marktregulierung auch im internationalen Maßstab bedeute. Wegen neuer Mitspieler in der Weltwirtschaft wie China, Indien, Russland und die Ölmonarchien am Golf und in Lateinamerika ginge es aber längst nicht mehr nur um einen vermeintlichen amerikanischen gegenüber einem vermeintlich europäischen Weg. Und "selbst in den neoliberalen Bush-Jahren leisteten sich die Vereinigten Staaten ... Militärausgaben in Höhe von mehreren Hundert Milliarden Dollar, die allein der heimischen 'Privat'-Industrie zugute kamen. Der Staat als Garant und Großauftraggeber, das ist zumindest sehr keynesianisch gedacht und getan. Und streng genommen sogar ein Stück Sozialismus im US-Kapitalismus."
Besorgnis äußerte die britische Wochenzeitung The Economist am 16. Oktober über mögliche Folgen der Verstaatlichung britischer Banken. Die Welt solle allerdings die Krise auch als Chance begreifen. "Jetzt ist die wirtschaftliche Freiheit bedroht und der Kapitalismus, das System, dss diese Freiheit verkörpert, ist in Gefahr. ... Alle Zeichen deuten in dieselbe Richtung: eine größere Rolle für den Staat und eine kleinere Rolle für den Privatsektor. ... Im Laufe der vergangenen anderthalb Jahrhunderte hat der Kapitalismus seinen Wert für Milliarden von Menschen bewiesen. ... Kapitalismus hat immer schon Krisen hervorgerufen, und wird dies immer tun. Die Welt sollte diese Krise nutzen – so verheerend sie auch ist – um daraus zu lernen, wie Kapitalismus besser gesteuert werden kann."

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