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Wenn Geld Geschichten schreibt
von Nikola Richter
Seit sich die Welt um die Zukunft der Finanzwirtschaft dreht, beruft sich die europäische Presse immer stärker auf Klassiker der Literatur über Geld. Welche Texte werden wie zitiert?
Bei der Tulpenmanie 1637 verkalkulierten sich große Händler und kleine Leute beim Spekulieren mit astronomischen Preisen für Tulpenzwiebeln aus der Türkei und Armenien. Beim Südseeschwindel von 1711 bis 1720 kaufte die britische South Sea Company Staatsschulden und versuchte, sie durch Aktien zu finanzieren. Die Mutter aller Krisen, die Weltwirtschaftskrise, begann mit dem Schwarzen Donnerstag an der New Yorker Börse. Sie alle sind inzwischen Geschichte. Kein Wunder also, dass sie auch in der Literatur auftauchen. Die europäische Presse schlägt in der heutigen Finanzkrise alte und neue Bücher auf und sucht Rat.
Alte und neue Theorien
Die Tageszeitung Le Monde veröffentlichte am 18. Oktober einen Auszug aus dem 1994 erschienenen Buch "A Short History of Financial Euphoria" des berühmten US-Ökonomen John Kenneth Galbraith. Darin untersuchte dieser die immer wieder kehrenden Spekulationsblasen – und ihr Platzen. Seine Worte hätten, so schrieb die französische Tageszeitung, noch heute Gültigkeit: "Die Lehren aus der Geschichte sind manchmal von einer beunruhigenden Ambiguität, und ganz besonders gilt das vielleicht für die Wirtschaft. Das kommt daher, dass das wirtschaftliche Leben einem ständigen Prozess des Wandels unterworfen ist; das, was die Weisen der Vergangenheit – Adam Smith, John Stuart Mill, Karl Marx, Alfred Marshall – beobachtet haben, ist daher ein unsicherer Führer für die Gegenwart oder die Zukunft."

Ganz oben auf der Liste der alten Theoretiker stehen Karl Marx ("Das Kapital") und seine Kapitalismuskritik, John Maynard Keynes ("Allgemeine Theorie des Zinses, der Beschäftigung und des Geldes") und die staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft sowie Milton Friedman ("Kapital und Freiheit") und sein Monetarismus. In der Dezemberausgabe des englischen Monatsmagazins Prospect nahm sich der Wirtschaftsautor Edward Chancellor ("Crunch Time for Credit?") der derzeitigen Fixierung auf die Theorie Milton Friedmans an: "Dieser führende Vertreter des Monetarismus verneinte jegliche Beziehung zwischen dem Spekulationsboom der 1920er und der darauf folgenden großen Depression. Stattdessen sah er die Ursache der Weltwirtschaftskrise darin, dass die Federal Bank es nicht schaffte, den Geldvorrat vor dem Schrumpfen zu bewahren."
Keynes vs. Friedman
Zwischen Keynes und Friedman entsteht in der europäischen Presselandschaft sozusagen ein posthumer medialer Dialog. Für Keynes wirft man sich in die Bresche und fordert, der Staat solle alles retten. Friedman dagegen ist mit seiner Laisser-faire-Theorie der Buhmann. Angesichts der globalen Finanzkrise habe der Mythos des starken Staates eine Renaissance erlebt, schrieb György Ivány am 5. November in der linksliberalen ungarischen Wochenzeitung : "Um der Krise Herr zu werden, müssen radikale staatliche Schritte unternommen werden. ... Die Ausweitung der Garantie für Spargeldeinlagen und die Finanzspritzen für die Banken mögen, wenn man den Worten des Ökonomen Milton Friedman glaubt, gefährlicher sein, als die Krankheit selbst. Aber der Staat muss jetzt eingreifen, ob es gefällt oder nicht."
Dass in der heutigen Wirtschaftskrise der Keynesianismus zurückkehre, bestätigte Jean-Marc Vittori am 24. November in der französischen Wirtschaftszeitung Les Echos: "Nach dem Platzen der größten Finanzblase der Geschichte, stürzen die Preise der Aktiva genau wie das Immobiliengeschäft oder die Aktien ab. Das Geld fehlt. Die Banker müssen ihre Bilanzlöcher stopfen, was ihren Verleiheifer bremst. Und die Verbraucher haben kaum noch Lust, sich überhaupt Geld zu leihen. Die Nachfrage sinkt. Sie sorgt nicht mehr für Vollbeschäftigung. Wir befinden uns wirklich in einer 'keynesianischen' Situation, die einen starken öffentlichen Eingriff vertretbar macht. ... Milton Friedman bleibt daneben seiner Rolle als Architekt treu. Möglicherweise kann sein Laisser-faire uns dabei helfen, ein wirksameres System zu errichten, wenn es der Wirtschaft gut geht, aber nicht wenn sie kurz vor dem Ersticken ist."
In der deutschen Wochenzeitung Die Zeit rief Wolfgang Uchatius am 6. November Keynes gar zum "Retter des Kapitalismus" aus, meinte jedoch, dass dessen Ideen nun 62 Jahre nach seinem Tod "vor ihrer vielleicht größten Bewährungsprobe" stünden. Keynes sei aber auch nicht zu denken ohne die "unsichtbare Hand". "Mit dieser Metapher hatte der schottische Moralphilosoph Adam Smith anderthalb Jahrhunderte vor Keynes, im Jahr 1776, in seinem Buch 'Der Wohlstand der Nationen' die geheimnisvolle Selbstverwaltung des Marktwirtschaft beschrieben. Demnach benötigt der Markt keinen menschlichen Planer oder Organisator, um das Volk mit Essen und Arbeit zu versorgen. Angebot und Nachfrage sorgten schon dafür."
Wo Smith im Geiste der Aufklärung noch an die Selbstregulierung glaubte, war Keynes skeptischer. Der Markt sei instabil und störanfällig – aber man könne ihn reparieren. Karl Marx, der vierte im Bunde der derzeit oft zitierten Markt-Analytiker, sah das anders. In seinen ökonomischen Klassikern ging er davon aus, dass der Kapitalismus sich am Ende selbst überwinde. Die heutige Gültigkeit der marxschen Lehren angesichts der aktuellen Krise hinterfragte der finnische Historiker Tapio Bergholm am 23. September in seinem Gastbeitrag in der Tageszeitung Helsingin Sanomat. "Karl Marx sagt den Sieg des Sozialismus voraus. ... Marx' Prognose erweist sich weder aus der Sicht Westeuropas noch aus der Nordamerikas als wahrscheinlich. ... Dass China sich für westliche Märkte öffnet, unterstreicht die große Macht des Kapitalismus. ... Drängt [aber] der globale Kapitalismus die Atommächte in eine Sackgasse? ... Die Zeit wird zeigen, ob diese vorübergehende Marktstörung oder das Kapitalismus-China-Phänomen zu einer gewaltsamen 'Kettenreaktion' ... und am Ende in ein tiefes Loch führen."
Alternative Wirtschaftstheorien
Wenn die alten und neuen Theorien nicht weiterhelfen, wird der Ruf nach Alternativen laut. In der luxemburgischen Tageszeitung analysierte Jean Rhein am 6. November alternative Wirtschaftstheorien: "Lasst uns etwas anderes ausprobieren! Indem wir zum Beispiel andere Wirtschafts- und Sozialtheorien anwenden, die nicht zu einem ungezügelten Liberalismus führen. ... Es gibt Alternativen zur vorherrschenden Wirtschaftswissenschaft – nicht nur die der Globalisierungskritiker. Es gibt ausländische Wirtschaftstheorien, die zwar einen Kasino-Kapitalismus propagieren, der aber nachhaltig mit materiellen und menschlichen Ressourcen umgeht."
Die Neue Zürcher Zeitung bezog sich schon am 30. Januar 2008 auf den laut Sunday Times "heißesten Denker des Planeten", der den Ausbruch eines Börsenkraches mit anderen extremen Vorkommnissen vergleicht: "An der Börse [ist] derzeit die 'Black-Swan'-Theorie des US-Wissenschaftlers Nassim Nicholas Taleb in aller Munde. Gemäss der These seines gleichnamigen Buches kommen solche Extremereignisse völlig unerwartet und übersteigen das bis dato Vorstellbare. Ihre Risiken sind deshalb nicht einkalkuliert. Die Metapher vom 'schwarzen Schwan' kommt daher, dass die Menschen in Europa früher glaubten, alle Schwäne seien weiss – bis im 17. Jahrhundert der australische Kontinent mit den dort lebenden schwarzen 'Trauerschwänen' entdeckt wurde."
Dass angesichts "schwarzer Schwäne" nur neues Denken die globale Wirtschaft retten kann, befand auch Mohamed El-Erian in seinem Gastkommentar in der Financial Times am 3. Dezember. Der Ökonom erhielt in diesem Jahr den FT/Goldman Sachs "Business Book of the Year Award" für sein Buch "When Markets Collide: Investment Strategies for the Age of Global Economic Change". Er schlägt den Regierungen vier Prinzipien vor, um die derzeitigen chaotischen Verhältnisse zu beenden. Denn die Situation könne nur besser werden, "wenn sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor eine Denkwende einsetzt" und wenn man die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr in die vergangenen Zeiten endlich aufgebe und sich der gewandelten Realität anpassen würde. "Zunächst sollten staatliche Eingriffe auf die Sektoren beschränkt sein, die sich mitten im Prozess der Heilung befinden. ... Zweitens sollten die Regierungen dort, wo sie können, dem Privatsektor zur Seite stehen, was, in den meisten Fällen, bedeuten würden, freiwillige Ko-Investitionen zu leisten. ... Drittens sollten sie direkte und sofortige Exit-Mechanismen angehen. Und schließlich sollten sie verhindern, dass der Beste zum Feind der Guten wird: Krisenmanagement hat immer Inkonsistenzen zur Folge, die mit Beruhigungs- und Reformbemühungen angegangen werden müssen."
Reformideen gab es Ende des Jahres 2008 viele, sei es die umstrittene Zinssenkung der US-amerikanischen Notenbank auf 0 Prozent, die nicht umgesetzte Überlegung der deutschen Bundesregierung, 500-Euro-Gutscheine an alle Bürgerinnen und Bürger zu verteilen, um den Konsum anzukurbeln, oder die Forderung stärkerer Kontrollen im Finanzmarkt – besonders zur Kontrolle ausländischer Konten.

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