Bereichsmenü: Home
Home / Presseschau / Archiv / Magazin / Aktuell / Der Gas-Streit / Debatte
Der Zwischenhändler
von Oksana Kurylas
Nach zweiwöchigem Lieferstopp fließt seit Mitte Januar 2009 wieder russisches Gas durch die ukrainischen Pipelines. Wie bewertet die ukrainische Presse die Krise?
Der Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine hat in der ukrainischen Presse eine Debatte über die Beziehunge der Ukraine zu Europa und ihren Nachbarländern entfacht. Analysiert wurde auch die Strategie Russlands während der Krise. Als eines der wirkungsvollsten russischen Instrumente im Gas-Streit galt die Kommunikation: Gazprom und der russische Ministerpräsident Wladimir Putin zielten darauf ab, das Image des ukrainischen Partners Naftogaz und der politischen Führung der Ukraine zu schädigen. Die unabhängige Online-Zeitung Ukrajinska prawda kam am 19. Januar 2009 zu der Erkenntnis, dass sich Gazprom gründlich auf den Energiestreit mit der Ukraine vorbereitet haben müsse. Mit Bezug auf den US-amerikanischen Internetauftritt von Gazprom unter www.gazpromukrainefacts.com schrieb die Zeitung: "Moskau führte mit allen Kräften den Konflikt herbei - anders lässt sich die Aufrüstung an der Informationsfront nicht erklären."
Russische Machtdemonstration
Die ukrainischen Medien warfen Russland vor, gezielte Informationskampagnen geführt zu haben. "Auf umfangreiche Informationsressourcen und zahlreiche 'fünfte Kolonnen' [russlandtreue Politiker und Geschäftsleute; ein Begriff für Gruppierungen, die mit dem Gegner des eigenen Staates zusammenarbeiten] in der Welt der ukrainischen Politik hoffend, rechnete die russische Seite anscheinend nicht nur damit, Juschtschenko diskreditieren zu können, sondern einen emotionalen Hintergrund zu schaffen, um ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten", folgerte die unabhängige Wochenzeitung Dserkalo tyschnja am 17. Januar 2009.

Mit dem Gaslieferstopp sei es Russland darum gegangen, der Ukraine, aber auch der EU zu zeigen, wer der Herr im Hause ist, fasste die Zeitung zusammen: "Bislang demonstrierte Russland seinen Willen, für die befreundeten und weniger befreundeten Länder einen politischen Preis für Gas zu bestimmen. In Zukunft aber könnte es die Gaslieferungen an jene Länder, deren Politik ihm missfällt, sogar verweigern."
Der ukrainische Politologe Andrij Jermolajew hinterfragte am 17. Januar 2009 in der Tageszeitung Den die politische Rolle beider Staaten für die europäische Energiesicherheit: "In den vergangenen Jahren wählten die Regierungen in Kiew und Moskau konkurrierende Strategien ... Russland beanspruchte das Energiemonopol, die Ukraine versuchte unter diesen Umständen eine Politik des 'Transit-Egoismus' durchzusetzen ... Diese Strategien führten zum Verlust der Partnerschaftsformel." Für die Konflikte um das Gas gebe es einen Grund, "enn die Führungseliten von Kiew und Moskau stehen in einer spezifischen Beziehung zueinander. Diese Frage betrifft zweifelsohne die europäische Energiesicherheit, deswegen kritisieren sie [die Europäer] eine solche Politik und fordern von den beiden Eliten eine gegenseitige Anerkennung ihrer Gleichwertigkeit", meinte Jermolajew.
Fehler der Ukraine
Julija Mostowa reflektierte am 17. Januar in der Wochenzeitung Dserkalo tyschnja über den Wert der politischen Unabhängigkeit von Russland und die Fehler der politischen Führung in Kiew: "War es denn der Orangenen Führung nicht von vornherein klar, dass neben Russland nur das Land eine unabhängige innere und auswärtige Politik machen kann, das den 'Marktpreis' für das Gas zahlt? War es denn nicht verständlich, dass [das Thema] Nato-Beitritt, das Trauma des Holodomor [Hungersnot von 1932/33], die Unterstützung Georgiens und die Forderung nach einem fristgemäßen Abzug der Schwarzmeerflotte zwar durchaus Aspekte der Politik eines souveränen ukrainischen Staates sein dürfen, dass die Regierung der Ukraine dann aber nicht mit ermäßigten Gaspreisen von Russland rechnen darf, dessen Interessen sie mit ihrer Politik berührt?"
Als ukrainische Siege werten die Kommentatoren die Ausschaltung der Zwischenhändler und die Aufhebung der dadurch von Russland ausgeübten Kontrolle über den ukrainischen Gasmarkt. Die Regierungsverhandlungen werden positiv bewertet, vor allem im Hinblick auf die Vereinbarung über die europäischen Gaspreise. Die Online-Zeitung Glawred schrieb am 19. Januar 2009: "Der Verzicht auf die Zwischenhändler und der Übergang zu europäischen Gaspreisen ist nicht mehr und nicht weniger als ein Anspruch auf die neuen, europäischen Spielregeln in einem Bereich, der für ein europäisches Land aus Sicht von EU und Nato ausschlaggebend ist." Wird es dem Land nach Beendigung der Krise gelingen, seinen Ruf als wichtiges Transitland für Gas wiederherzustellen?

» zum Autorenindex
Original in Deutsch
![]()
Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.
Weitere Artikel zu den Themen » Energie, » Wirtschaftspolitik, » Internationale Beziehungen, » Russland, » Europa, » Ukraine
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Energie, » Wirtschaftspolitik, » Internationale Beziehungen, » Russland, » Europa, » Ukraine