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Gefährdetes Gleichgewicht

von Elif Kayi, Nina Müller


Der Konflikt in Gaza zeigte auch in Europa Auswirkungen - ganz besonders in Frankreich. Im EU-Mitgliedsstaat mit der größten muslimischen und jüdischen Bevölkerung kam es zu Brandanschlägen auf mehrere Synagogen. Vom Beginn der israelischen Offensive an warnten viele vor einer Zunahme des Antisemitismus in Europa.


"Immer wenn der israelisch-palästinensische Konflikt aufflammt, kommt es zu mehr antisemitischen Taten. Der Gaza-Krieg ist da leider keine Ausnahme”, kommentierte La Libre Belgique am 10. Januar. Spannungen zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinden waren in Europa deutlich zu spüren. Frankreich war davon besonders betroffen, wie die Schweizer Tageszeitung Le Temps am 10. Januar betonte: "Mehr als irgendwo anders in Europa machen sich in Frankreich, das über die größten Gemeinschaften der beiden Religionen auf dem Kontinent verfügt, die Auseinandersetzungen bemerkbar.”

Friedliche Demonstration in Paris, organisiert von der französischen Gruppe "La Paix Maintenant" (Frieden jetzt), Januar 2009. Foto: AP/ Thibault Camus


Etwas mehr als eine halbe Million Juden lebt in Frankreich. Die muslimische Gemeinschaft zählt rund fünf Millionen Mitglieder. "Die Idee, dass das Land in Europa mit den meisten Juden und Muslimen von den Folgen des Nahost-Konfliktes verschont bleiben könnte, war völlig absurd”, schrieb Jean Daniel, der Redaktionsleiter des Nouvel Observateur, am 14. Januar. Daher meldeten sich Autoritäten, die vor einer Übernahme des Konfliktes warnten. So appellierte etwa Richard Pasquier, der Präsident des Rates jüdischer Institutionen in Frankreich (CRIF), in einem Gespräch mit dem Figaro am 5. Januar, "den Konflikt nicht nach Frankreich zu importieren".

Wirrwar der Gefühle

Gegenüber Le Monde offenbarte Raphaël Haddad, Vorsitzender der Union jüdischer Studenten in Frankreich (UEJF), am 12. Januar seine Befürchtungen: "Graffiti auf Geschäften, Angriffe auf Synagogen, beleidigte, bedrohte und geschlagene Juden. Da sind sie wieder, die schlimmsten Momente um die Jahrtausendwende. Während der zweiten Intifada 2001 mussten wir 400 Straftaten verzeichnen, damit man das Aufflackern des Antisemitismus anerkennt. Wir wollen nicht warten, bis jemand stirbt, um zum republikanischen Frieden aufzurufen.” Yves Thréard vom Figaro hingegen warnte am 13. Januar vor einer zu engstirnigen Sichtweise : "(…) Man denkt, dass Juden unbedingt auf der Seite des israelischen Staates und die Muslime auf der Seite der Palästinenser stehen müssen. Als seien sie gezwungen, für die eine oder die andere Seite Partei zu ergreifen. Das ist eine falsche, vereinfachende Sichtweise, der man ohne Unterlass entgegen wirken sollte. Nun muss der Staat, müssen die Parteien, die so genannten Gemeinde-Organisationen und die Medien sich ihrer Verantwortung bewusst werden, damit ein Wirrwarr der Gefühle und Meinungen vermieden wird.”

Aktive Pädagogik

Nach Ansicht der Soziologin Esther Benbessa, könnte die Lösung der Probleme in Bildung und Information liegen: "Anstatt Pyromanen zu spielen, sollten wir uns einer aktiven Pädagogik bedienen. Und sei es nur, den Schülern zu erklären, was ein Jude, ein Israeli, ein Einwanderer oder ein Araber oder Moslem ist. Eröffnen wir Clubs für diese Jugendlichen, die sich anfeinden.” Während der vergangenen Monate hatten sich die Medien über eine Annäherung zwischen den jüdischen und den muslimischen Institutionen in Frankreich gefreut. Die Seite Rue89.com sah am 4. Januar die Gefahr, dass sich diese Anstrengungen in Luft auflösen: "Während der Gaza-Konflikt sich verschärft, bringen Spannungen das Gleichgewicht ins Wanken, das sich in den vergangenen Monaten zwischen den Repräsentanten der muslimischen und denen der jüdischen Institutionen eingestellt hatte."

 
Elif Kayi
Elif Kayi, geboren 1979 in Dole (F), ist euro|topics-Korrespondentin und lebt in Montpellier. Sie arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Islamismus, Antisemitismus, Türkei ...
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Nina Müller
Nina Müller, geboren 1978 in Waiblingen, ist euro|topics-Korrespondentin und lebt in Palavas-les-Flots. Seit 2006 arbeitet sie als freie Journalistin und Mediananalystin.
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Original in Deutsch

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