Navigation

 

Home / Presseschau / Archiv / Magazin / Aktuell / Krisenherd Kaukasus / Kommentar

Das Herz schlägt

von Juri Andruchowytsch


Russland hat sich aus Georgien zurückgezogen. Erleichtert ist der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch allerdings nicht. Eine Polemik.


Mein neuer georgischer Freund, der Schriftsteller und Performance-Künstler Defi Gogibedaschwili, hat mir ein paar Tracks seiner neusten CD geschickt, an der er gerade in seinem Tifliser Studio arbeitet. Ich kann kein Georgisch, trotzdem höre ich gerne zu: Es ist sehr musikalisch, die Stimme des Autors wird von gelungenen Toneffekten begleitet, eine unheimlich professionelle Regiearbeit. Unter den Tracks ist auch die kurze, nur eine Minute und vier Sekunden lange Komposition "Guli dzgers", was bedeutet: "Das Herz schlägt". Vor dem Hintergrund einer verzweifelt-erhabenen Deklamation und deren schmerzhaft pulsierendem Refrain tauchen Flugzeuge auf und kommen näher. Gleich fangen sie an, Bomben zu streuen.

Eine alte Frau mit Rosen am ersten Jahrestag der Rosenrevolution in Tiflis, November 2004.
Foto: AP/ Shakh Aivazov


Es ist bekannt, wessen Flugzeuge Georgien im August 2008 bombardiert haben. Wie es in der speziell für diesen Fall im Kreml erfundenen zynischen Formulierung heißt, haben sie, wie auch die anderen an der Operation beteiligten russischen Spezialeinheiten, eine besondere Kaukasus-Mission erfüllt – "den Aggressor zum Frieden zu zwingen". So eine Rabulistik ist uns Bewohnern der ehemaligen UdSSR wohl bekannt. 1968 hieß es "Hilfe für das tschechoslowakische Brudervolk". 1979 – "Erfüllung unserer internationalen Pflicht in Afghanistan". Und so weiter – in der Geschichte des russischen Imperiums gab es immer Bedarf an zynischen Formulierungen.

Russland braucht auch überhaupt nichts zu erfinden. Die ganze Welt ist heute davon überzeugt, dass Georgien angefangen hat und daher "selber schuld" ist.

Wie alles anfing

Die Ursprünge des georgischen August 2008 sind meiner Meinung nach in der Münchner Rede des damaligen russischen Präsidenten im Februar 2007 zu finden. Dort war zu hören, dass es keine monopolare Welt mehr geben werde, dass Russland wieder schön und stark sei und ein ganz eigener Pol, mit dem Recht auf eigene "Interessenssphären". Wahrscheinlich hat man in der EU damals nicht wirklich verstanden, was das bedeutet. Oder vielleicht hat man verstanden, sich aber gefreut, dass es wieder einmal gegen die USA ging.
Die "eigenen Interessen" Russlands bestehen heute zu neunzig Prozent aus Energieträgern und der mit ihnen in Zusammenhang stehenden Infrastruktur. In all seinen ambitionierten Zukunftsplänen, all seinen Großmachtsträume setzt Russland ausschließlich auf Gas und Öl. Deswegen war auch der kleine siegreiche Krieg in Georgien notwendig – um das Problem der alternativen Transportrouten für Gas und Öl nach Europa aus der Welt zu schaffen, um schon die Möglichkeit einer solchen Alternative zu kompromittieren, sie im Embryonenstadium abzutöten.

Zusätzlich bot sich die Gelegenheit, die georgische "Rosenrevolution" zu bestrafen und ihren Rosenhelden Saakaschwili vom Podest zu stürzen. Für Putin ist das eine sehr persönliche, darum aber keinesfalls weniger wichtige Frage. Der heutige russische Premierminister ist wegen der zwei postsowjetischen Revolutionen, der georgischen und der ukrainischen, noch immer tödlich beleidigt. Tschekisten aber können nicht einfach nur beleidigt sein, sie müssen handeln.

Russland entzweit EU

Die EU hat es in der ganzen Geschichte wieder nicht vermocht, adäquate Beschlüsse zu fassen. Wieso ist verständlich: Russland gelingt es immer wieder, eine gemeinsame Haltung der EU zu verhindern, indem es einzelnen einflussreichen Mitgliedsstaaten – Frankreich, Italien, vor allem aber Deutschland – einzelne Energie-Köder hinhält. Russland korrumpiert diese Länder auf seine Weise und braucht daher Sanktionen nicht zu fürchten. Gegen wen sollten sie auch Sanktionen verhängen – gegen sich selbst? So wurde Russland offiziell nur ein bisschen geschimpft für seine – wie hieß das? – "disproportionale Reaktion". Erleichtert gab man sich mit der Zusage zufrieden, die Truppen würden zurückgezogen. Diesmal hat Russland noch zurückgezogen, füge ich hinzu. Ohne besonders erleichtert zu sein.

Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr

 
Juri Andruchowytsch
Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, dem früheren galizischen Stanislau, studierte Journalistik und begann als Lyriker. Seine Romane gelten als Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur. 2006 ...
» zum Autorenindex

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

Weitere Artikel zu den Themen » Internationale Beziehungen, » Sicherheitspolitik / Krisen / Kriege, » EU-Erweiterung, » Georgien
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Internationale Beziehungen, » Sicherheitspolitik / Krisen / Kriege, » EU-Erweiterung, » Georgien


Weitere Inhalte