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Kaukasische Kreidekreise

von Salome Asatiani


Sie gelten als Länder des Kaukasus. Doch seit dem Ende der Sowjetunion versuchen Georgien, Armenien und Aserbaidschan, eigene Identitäten und politische Perspektiven herauszubilden.


Nach dem letzten Krieg zwischen Russland und Georgien hat sich gezeigt, dass Russland wieder in sein "nahes Ausland" zurückkehren will. Um sich seines Einflusses zu versichern, ist Russland bereit, Gewalt anzuwenden. Am 31. August 2008 hat der russische Präsident Dmitri Medwedew unverblümt festgestellt: "Wie andere Staaten der Welt hat auch Russland an bestimmten Regionen ein privilegiertes Interesse." Und es steht außer Zweifel, dass der Südkaukasus – eine geopolitisch wichtige Region, die das Schwarze und Kaspische Meer verbindet und Georgien, Armenien und Aserbaidschan umfasst – eine dieser Regionen darstellt.

"Ich habe keine Angst": Demonstrant vor dem unabhängigen Fernsehsender Imedi in Tiflis, März 2008.
Foto: AP/Shakh Aivazov


Es ist also höchst symbolisch, dass der erste Krieg, den Russland seit dem Ende der Sowjetunion außerhalb seiner Grenzen geführt hat, in Georgien stattfand – in dem Land der drei südkaukasischen Nationen, das sich am stärksten nach Westen wendet. Der Westen, so das Signal aus Moskau, sollte sich Gebieten fernhalten, die unter russischem Einfluss stünden – und an denen Russland "privilegiertes Interesse" hätte.

Jenseits des Hochgebirges

Dieses Interesse entstammt Russlands imperialer Vergangenheit – genau wie die gesamte Region. Der Begriff "Südkaukausus" wird genauso genutzt wie der Begriff "Transkaukasus", die Übersetzung des russischen Wortes "Zakavkazie". Es wurde gebildet, um den Teil des Reiches zu bezeichnen, der hinter dem Kaukasus-Hochgebirge liegt, wenn man von Norden schaut. Vor der russischen Besetzung am Anfang des 19. Jahrhunderts fühlten sich die Bewohner dieser Gebiete keiner gemeinsamen Identität verpflichtet. Sie identifizierten sich mit eher lokalen Eigenheiten oder empfanden sich als Teil größerer Gemeinschaften, etwa des Persischen oder Osmanischen Reiches. Aber durch die russischen Anstrengungen der Homogenisierung entstand eine Art politischer und kultureller Einheit zwischen Armenien, Aserbaidschan und Georgien.

Der gastfreundliche Mann mit Schnurrbart

Vor der Sowjetisierung, im Jahr 1918, wurde eine kurzlebige Föderation aus diesen drei Staaten gegründet. Später gab es von 1922 bis 1936 innerhalb der Sowjetunion die "Transkaukasische Sozialistische Föderale Sowjetrepublik". Unzählige Lieder, Romane und Filme – die meisten, aber nicht alle, sowjetischer Herkunft – unterstrichen die Verbindungen zwischen den drei Ländern. Da ist beispielsweise der 1930 erschienene Roman "Ali und Nino" von Kurban Said, der eine tragische Liebesgeschichte zwischen einem Aserbaidschaner und einer Georgierin erzählt. Oder "Minimo", ein Film von Giorgi Danelia aus dem Jahr 1977, über die Freundschaft zwischen einem Georgier und einem Armenier, die in Moskau festsitzen. Oder die Filme von Sergo Parajanov, ein in Tiflis geborener armenischer Regisseur und wichtiger Nonkonformist der Sowjetzeit, in dessen Filmen "Sayat-Nova" (1968) oder "Ashug-Karibi" die drei kaukasischen Kulturen auf eine einzigartige und poetische Weise zusammenspielen. Im sowjetischen Alltag entstanden viele Witze über "einen Georgier, einen Aserbaidschaner und einen Armenier", denen das folgende Stereotyp des "Kaukasiers" zugrunde lag: gastfreundlich, exzentrisch, impulsiv, dunkelhaarig – und im Falle eines Mannes – ziemlich bärtig.

Nationale Mythen

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und mit dem Rückgang des russischen Einflusses in der Region haben sich die drei Länder eher als unterschiedlich, denn als gleich, herausgestellt. Der Prozess der Nationalstaatengründung und ein intensivierter Nationalismus führten dazu, dass althergebrachte Nationalmythen stärker betont wurden. Einer der Schlüsselmomente in der armenischen Erinnerungskultur ist das Massaker an den Armeniern in den letzten Tagen des Osmanischen Reiches, das Eriwan als "Genozid" anzuerkennen fordert. Für Aserbaidschan kam der identitätsstiftende Moment im Januar 1990, als die sowjetischen Truppen Unruhen in Aserbaidschan gewaltsam niederschlugen. Diesem Ereignis, das den Beginn der Unabhängigkeit Aserbaidschans kennzeichnen soll, wird in Baku mit dem Mahnmal der "Märtyrer-Gasse" gedacht. (Interessanterweise wurde die Niederschlagung unter dem Vorwand geführt, anti-armenische Überfälle in Aserbaidschan zu beenden.) Auch für das georgische Nationalgedenken sind historische Momente der Unterordnung und des Widerstands enorm wichtig. Der kurze Krieg zwischen Georgien und Russland hat gute Chancen, das aktuellste und pointierteste Kapitel zu werden.

Die religiöse Identität und religiöse Unterschiede rückten ebenfalls in den Vordergrund. Aserbaidschan versteht sich als vorwiegend islamisch mit einer schiitischen Mehrheit, Armenien und Georgien fühlen sich verschiedenen christlichen Strömungen, der apostolischen und der orthodoxen Kirche, zugehörig. Beide Länder sind stolz darauf, zu den frühsten christlichen Zivilisationen weltweit zu gehören; ihre christlichen Wurzeln reichen bis ins 4. Jahrhundert zurück.

Ein die neue nationale Identität strukturierender Faktor war in Armenien und Georgien zudem die Existenz eigener Alphabete. Es ist kein Zufall, dass die meisten Orte, die zu wichtigen Nationalsymbolen geworden sind, sich entweder auf die Religion oder auf die Schrift beziehen. Dazu gehören die Stadt Mtskheta, die Hauptstadt des frühen georgischen Königreiches Iberia, welches als erstes das Christentum zur Staatsreligion erklärte, und das Matenadaran in Eriwan, das Institut für Antike Manuskripte.

Regionale Verbindungen

Zwischenstaatliche Kooperationen zwischen den Ländern sind generell eher schwach ausgebildet. Der Hauptgrund für bestehende Zusammenarbeit sind Öl- und Gaspipelines, die von Aserbaidschan über Georgien in die Türkei führen. Ansonsten sind die nachbarschaftlichen Beziehungen nicht immer nachbarschaftlich gewesen. Zwischen 1988 und 1994 kämpften Armenien und Aserbaidschan einen blutigen Krieg um Nagorno-Karabach, eine armenische Exklave auf aserbaidschanischem Territorium. Er endete mit einem angespannten Patt zwischen den beiden Staaten – was das Reden von regionaler "Einheit" ziemlich erschwert.

Georgien und der Westen

Alle drei Länder haben sehr unterschiedliche außenpolitische Blickrichtungen entwickelt. Georgien orientiert sich immer stärker am Westen, verfolgt die Integration in euro-atlantische Sturkturen und versucht, sich anderen regionalen Bündnissen, etwa den Schwarzmeeranrainern und südosteuropäischen Staaten oder GUAM, einer westlich orientierten regionalen Organisation Georgiens, der Ukraine, Aserbaidschans und der Republik Moldau, anzunähern. Armenien wird als Moskau-verbunden angesehen. Aserbaidschan, reich an Öl und Gas, genießt den Luxus, auf beiden Seiten des Zaunes zu stehen.

Im Moment ist es schwierig zu sagen, was Russlands gewaltsame Rückkehr für den Südkaukausus als Region mit sich bringt. Wird dadurch, und wenn ja, zu welchem Ausmaß, die regionale Einheit verstärkt? Aber eines ist sicher: Falls Russland erfolgreich seine "privilegierten Interessen" verfolgt, wird einzelnen Ländern der Region das Recht auf eigene, oft sehr unterschiedliche, Perspektiven, Interessen und Identitäten versagt.

 
Salome Asatiani
Salome Asatiani, geboren 1976 in Tiflis, lebt derzeit in Prag. Sie arbeitet als Korrespondent für den georgischen Dienst von Radio Free Europe/ Radio Liberty.
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Übersetzung
Nikola Richter

Original in Englisch

Erstveröffentlichung in Radio Liberty / Radio Free Europe

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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