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Ein Land versinkt in Anarchie

von Chrissi Wilkens


In Griechenland starb Anfang Dezember 2008 ein 15-jähriger Schüler durch einen Schuss der Polizei. Seitdem diskutiert die griechische Presse über die Zukunft des Landes, der jungen Generation und der politischen Führung.


Seit dem 6. Dezember 2008 befindet sich Griechenland in einer tiefen sozialen und politischen Krise. Der Tod des 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos durch eine Polizeikugel im autonomen Athener Stadtviertel Exarchia löste die schwersten Ausschreitungen der letzten 25 Jahren in Griechenland aus. Tausende von Jugendlichen protestierten danach gegen die Brutalität der Polizei. Ihre Wut entlud sich in Randalen im Zentrum von Athen, in der zweitgrößten griechischen Stadt Thessaloniki, sowie in Komotini und Ioannina im Norden des Landes, auf der Mittelmeerinsel Kreta und in der Hafenstadt Patras.

Jugend ohne Perspektive

Im Zentrum der Debatte über die Ursachen dieser Ausschreitungen stand vor allem die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen. "Der Tod des Schülers war nur der Anlass", schrieb am 8. Dezember die renommierte Psychologieprofessorin Fotini Tsalikoglou in der Tageszeitung Ta Nea. "Er hat die Zündschnur für die große Explosion gelegt. Dahinter verbirgt sich eine komprimierte Verzweiflung. Viele junge Menschen leben mit der unerträglichen Erfahrung, dass es keine Zukunft gibt."

Protest vor dem Parlament: Maskierter Demonstrant und Polizist in Athen, 13. Dezember 2008. Foto: AP/ Lefteris Pitarakis


Auch die Identität und die Rolle der Randalierer, die zwar Spuren hinterlassen (brennende Autos, eingeworfene Scheiben), aber selbst kein Gesicht haben, thematisierte die griechische Presse. "Die Protagonisten sind zweifellos die Kapuzenträger. ... Sie haben kein Gesicht, bleiben unerkannt, ... sind risikofreudig, ohne politische Plattform, ohne ideologische Restriktionen. Dadurch werden sie besonders für Jugendliche zu einem sehr attraktiven Vorbild", meinte am 9. Dezember die Tageszeitung I Kathimerini. Normalerweise zählen die Behörden hauptsächlich Autonome, Anarchisten und Mitglieder des so genannten Schwarzen Blocks zu den Vermummten. Da ihre Zahl dieses Mal weitaus höher liegt, vermutet man auch Studenten und Schüler unter ihnen. Die Tageszeitung Ta Nea verglich die Randalierer am 10. Dezember gar mit den Taliban.

Nach der Besetzung des Polytechnikums und anderer Bildungseinrichtungen während der Ausschreitungen - laut Vereinigung der griechischen Lehrer wurden 600 Schulen, laut griechischem Bildungsministerium 150 besetzt – diskutierte die Presse die Abschaffung des Universitätsasyls. Es ist ein Erbe aus der Zeit nach der Obristenjunta, als im November 1973 die Armee den Studentenaufstand brutal niederwarf. "Die Universitäten haben sich in Hochburgen der Unterwelt verwandelt. Dort werden die Molotowcocktails vorbereitet und dort lagern alle Zerstörungswaffen", schrieb am 12. Dezember die Tageszeitung I Kathimerini. Auch andere fühlten sich an die Zeit der Junta erinnert. Eine Studentin schrieb am 8. Dezember auf dem Blog greece-salonika.blogspot.com: "Ist es keine Junta, wenn ich morgen Angst habe, an die Uni zu gehen, weil ich auf Ausschreitungen stoßen werde? ... Ist es keine Junta, wenn ich keinen Bus nehmen kann, weil die Straßen wegen der Proteste gesperrt sind? ... Das ist eine Junta der Kapuzenmenschen. … Und die Polizei bleibt immer ein Zuschauer."

Rolle der Polizei

Griechenland durchlebe in diesen Tagen eine Schizophrenie, beschrieb am 11. Dezember die Tageszeitung I Kathimerini das Verhältnis der Bürger zu den Ordnungshütern. "Als das Privateigentum der Leute in Gefahr war, fragten wir uns, wo die Polizei bleibt. Dann, als sie ihre Arbeit gemacht und Tränengas benutzt hatte, wurde sie missbilligt." Eigentlich trage aber die Regierung die Schuld an der Gewalt, befand Ta Nea am 8. Dezember. "Prokopis Pavlopoulos [der griechische Innenminister] ... erwies sich als zu schwach, die immer gewalttätigeren Triebe der Polizeiaktivitäten zu bändigen. … Es gibt keine Politik der Sicherheit. Es gibt eine Polizeibehörde in Athen und Thessaloniki, die sich mit den Anarchisten beschäftigt und sich somit auf eine einzige politische Sphäre fokussiert.” Besonders Premierminister Kostas Karamanlis wurde wegen der Art und Weise, wie die Regierung auf die Ausschreitungen reagierte, kritisiert. "Der Premierminister … hat die Kontrolle über die gefährliche Situation verloren . ... Man überließ es einer befehls- und planlosen Polizei, zu improvisieren," schrieb I Kathimerini am 11. Dezember.
Sie forderte einen Wechsel der politischen Elite: "Das Volk sucht einen neuen Führer, der das Vertrauen in die Institutionen wiederherstellt, der der Immunität von Politikern, Journalisten und anderen Prominenten ein Ende setzen wird, … der sich traut, die Korruption zu bekämpfen. ... Leider ist ein solcher Führer nicht am Horizont zu erkennen."

Ein New Deal ist nötig

Mögliche Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die aktuellen Spannungen thematisierte am 15. Dezember die Tageszeitung Ta Nea. "Bis jetzt ist das Verhalten der Polizei das Hauptproblem. ... Für die nächsten Monate müssen wir damit rechnen, dass die sozialen Spannungen wegen der Folgen der Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreichen. ... Notwendig ist ein New Deal für die Jugend, der eine Neuorganisation der Schulen und Universitäten sowie eine Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit und die Schaffung sozialer Räume innerhalb der Städte vorsieht." Die Jugendlichen demonstrieren gegenwärtig nicht nur gegen die Polizeigewalt, sondern verlangen den Rücktritt der Regierung und ein besseres Bildungssystem. Laut einer in der Tageszeitung I Kathimerini veröffentlichten Umfrage stuft die Mehrzahl der Griechen die Proteste als "Volksaufstand" ein. Sechs von zehn Griechen denken, es handele sich dabei um ein Massenphänomen und nicht um eine protestierende Minderheit. Die Proteste sollte man also ernst nehmen.

 
Chrissi Wilkens
Chrissi Wilkens, geboren 1976 in Starnberg, ist Korrespondentin für euro|topics in Griechenland und Zypern. Sie lebt in Athen.
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Original in Deutsch

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Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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