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Die umgekehrte Pyramide

von Katharina Schneider


Island war einst eine Vorzeigewirtschaft, aber im Herbst 2008 stand das Land kurz vor dem Staatsbankrott und nur ein IWF-Kredit von 1,7 Milliarden Euro konnte helfen. Das Volk fordert ein neues Island - als EU-Mitglied?


Viele Länder leiden unter der weltweiten Finanzkrise, Island ganz besonders. Es muss einige der härtesten Auswirkungen durchstehen: die Verstaatlichung der Banken, das Abrutschen der isländischen Krone, ein saftiger Rettungskredit des IWF, der Zusammenbruch der Regierung und eine hohe Arbeitslosigkeit in verschiedenen Sektoren. Zusätzlich zur täglichen Berichterstattung über die Auswirkungen der Krise auf die isländische Politik, Wirtschaft und Gesellschaft diskutierte die isländische Presse seit dem Finanzkollaps im Herbst 2008 die Schuldfrage.

Schnell in Ungnade gefallen

Viele isländische Zeitungen fragten, wie Island seine einst beneidenswerte Position habe verlieren können. "Vor ein paar Jahren konnte Island auf so vieles stolz sein. ... Die Wirtschaft boomte und Reykjavík war ein beliebtes Reiseziel für Reiche. ... Jetzt ist die isländische Währung abgestürzt, ... die Ersparnisse sind futsch. ... Die Lebensmittel- und Benzinpreise steigen ständig; und mit Zinssätzen von fast 20 Prozent ist die Tilgung einheimischer Kredite fast unmöglich geworden," zitierte die Tageszeitung Morgunblaðið die britische Zeitung Independent am 26. Januar. Artikel aus der internationalen Presse zu übersetzen und zu veröffentlichen, hat sich in Island etabliert.

Als Symbol für die dem Land drohende Armut liegen Kartoffeln vor dem isländischen Parlament in Reykjavik, November 2008. Foto: AP/Brynjar Gunnarsson


Besonders das Versagen der politischen und ökonomischen Führungskräfte, sowie die Habgier der Banker wurden für den finanziellen Absturz des Landes verantwortlich gemacht. Die isländische Regierung hatte den staatlichen Banken Garantien gegeben, selbst nachdem diese massive Käufe getätigt hatten, die weit über die Möglichkeiten der winzigen nationalen Infrastruktur hinausgegangen waren. Im Oktober 2008 war das Finanzvolumen der drei größten Banken zehnmal so hoch wie das Landes-Bruttoinlandsprodukt gewesen. "Der erste Fehler wurde gemacht, als die Banken zur Jahrtausendwende ohne festgelegte Regeln privatisiert wurden. Man gab den glücklichen Bankern freie Hand. Sie erwarben Kredite und wuchsen überproportional – Zahlen auf Papier waren die einzige Grundlage der Finanzkonglomerate. Als dann die Finanzkrise vor der Tür stand und der Kreditfluss stoppte, fielen sie zusammen, ... wie eine umgekehrte Pyramide," schrieb der Online-Redakteur von Iceland Review am 17. Oktober 2008.

Das Scheitern der Regierung

Als sich die Situation zuspitzte, wuchs die Wut der Isländer. "Unsere Regierung hat russisches Roulette gespielt und den Ruf der gesamten Nation ruiniert. ... Die britische Regierung hat bereits ihre Antiterrorgesetze gegen uns benutzt," befand der bekannte Autor Einar Már Guðmundsson. Großbritannien hatte sich, um Anlagen einer isländischen Bank einzufrieren, auf ein Antiterrorgesetz von 2001 berufen. "Jetzt befinden wir uns in Gesellschaft mit den dubiosesten Nationen der Welt," warnte Guðmundsson weiter in seiner Ansprache bei der ersten Demonstration in Reykjavík am 27. Oktober 2008, auf die noch weitere folgen sollten. Morgunblaðið veröffentlichte dazu ein Video auf der Onlinepräsenz der Zeitung.

Etwa 2.000 Isländer fordern in Reykjavik den Rücktritt derjenigen, die für den Wirtschaftskollaps ihres Landes verantwortlich sind, Dezember 2008. Foto: AP/Brynjar Gunnarsson


Die Schlagzeilen der populären Tageszeitungen – wie der Tageszeitung DV – gaben die sich verstärkenden, öffentlichen Proteste wider. Diese richteten sich zunehmend gegen Einzelpersonen wie den Chef der isländischen Zentralbank David Oddsson: Rufe von Demonstranten ("David, tritt zurück"), welche sich vor dem isländischen Parlament und dem Gebäude der isländischen Zentralbank versammelten, schafften es auf die Titelseiten. Der Radiosender RUV beschrieb die andauernden und immer gewalttätiger werdenden Proteste als einen Wendepunkt der isländischen Geschichte: "Man kann mit Sicherheit sagen, dass die Zukunft der isländischen Politik ungewiss ist."

Am 17. Januar 2009 protestierten bereits 4.000 Menschen in Reykjavík gegen den Umgang der Regierung mit der Finanzkrise, berichtete das Morgunblaðið. Am 26. Januar kündigte die isländische Regierung Neuwahlen an – somit war sie die erste Regierung die der globalen Finanzkrise zum Opfer fiel. "Das Zeitalter des Neoliberalismus ist vorbei," lautete die Schlagzeile bei Morgunblaðið, als am 2. Februar eine neue Interimsregierung aus Sozialdemokraten und Links-Grüne-Bewegung (Vinstri hreyfing-Grænt framboð) verkündet wurde. Die Zeitung schlussfolgerte, dass "jeder weiß, dass schwierige Zeiten kommen ... und dass die Angelegenheiten schnell und effizient gelöst werden müssten.

Ein neues Island

Trotz der desaströsen politischen und ökonomischen Implikationen der Krise, schien die Isländer der Verlust ihres guten weltweiten Rufes am meisten zu schmerzen. "Wir müssen zusammenhalten und ... einen Konsens finden, der die Lage stabilisiert. ... Wir müssen unsere Selbstachtung und die Selbstdisziplin eines Volkes wiedergewinnen, das sein Land, die Geschichte, Sprache und Kultur respektiert und anerkennt, welche es zu einer Nation unter Nationen machen," sagte der Bischof Karl Sigurbjörnsson, der Vorsitzende der isländischen Kirche, in seiner Neujahrsansprache in Reykjavík am 1. Januar.

Einige Isländer glauben, dass mit dem Beitritt zur Europäischen Union die Ära eines neuen Islands beginnen sollte. Die Popsängerin Björk unterstützte am 6. November im Morgunblaðið diese Idee: "Unter diesen Bedingungen erscheint es das einzig Richtige." Die Vorteile – etwa mehr wirtschaftliche Stabilität - und Nachteile – etwa weniger Kontrolle über die Agrar- und Fischereipolitik – werden seit einigen Monaten in der isländischen Presse diskutiert. Am 28. Januar titelte die Zeitung des Bauernverbandes mit einem Feature, das die schlechten Seiten einer EU-Mitgliedschaft aufzeigte. Die isländische Landwirtschaft würde deutlich leiden. Weil Lebensmittelzölle abgebaut würden, könnte die Zahl der Agrarbetriebe sinken. Die Milchindustrie fände sich am Rande des Überlebens wieder. Die komplizierte EU-Gesetzgebung passe nicht zu Island und seinen kleinen landwirtschaftlichen Unternehmen: "Man müsste die Gesetze, die jetzt für Länder mit Millionenbevölkerung gelten, an Länder mit nur 300.000 Einwohnern anpassen," sagte Haraldur Benediktsson, der Präsident des Bauernverbandes, in einem Interview mit Morgunblaðið am 6. Januar.

Noch größere Bedenken herrschen in Bezug auf die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) der EU, die allen Fischern Zugang zu allen Gewässern aller Mitgliedsstaaten erlaubt. Die GFP ist einer der Hauptgründe, warum Island, das bereits der NATO, der EFTA, der EEA und dem Schengenraum beigetreten ist, sich bisher gegen einen EU-Beitritt sträubt. Der isländischen Fischereiindustrie ist der Großteil der Exportgewinne des Landes zu verdanken – daher hat Island immer darauf geachtet, seine reichen Fischgründe zu schützen.

Europa-freundliche Stimmen argumentieren, dass Island wegen der Finanzkrise einfach keine andere Wahl habe, als der EU beizutreten. Aber es müsse eventuell wichtige Ausweichklauseln oder Speziallösungen verhandeln, die isländische Interessen unterstützen. Und wenn es nach Gylfi Magnússon ginge, Islands parteilosen Wirtschaftsminister, wären ein EU-Beitritt und der Beitritt zur Eurozone der beste Weg, um die Glaubwürdigkeit der isländischen Wirtschaft wiederherzustellen und die krisengeschüttelte Nation wieder auf Spur zu bringen. "Das wäre eine klare Botschaft und würde den Markt höchstwahrscheinlich beruhigen,” sagte Magnússon dem Morgunblaðið am 12. Februar.

Die größte Sorge der Isländer ist allerdings, dass die Bedürfnisse und Wünsche der größeren EU-Länder immer vor den Bedürfnissen und Wünschen des kleinen Islands stehen werden. In einer Umfrage, die Morgunblaðið am 26. Januar veröffentlichte, sprach sich die Mehrheit der Isländer (59,8 Prozent) gegen einen EU-Beitritt ihres Landes aus. Die politischen Parteien, aber auch die Übergangsregierung, sind sich über einen EU-Beitritt uneins. Er wird wohl im nächsten Regierungswahlkampf eines der entscheidenden Themen sein.

 
Katharina Schneider
Katharina Schneider, 1980 in Leonberg geboren, lebt in Reykjavík. Sie leitet die Stadtbücherei von Blönduós und arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für Iceland Review.
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Übersetzung
Nikola Richter

Original in Englisch

Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

 

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