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Die lettische Pinguin-Revolution

von Berthold Forssman


Am 13. Januar 2009 kam es in Lettlands Hauptstadt Riga zu ungewohnt gewalttätigen Demonstrationen gegen die Regierung. Seither diskutiert die lettische Presse über die politische und wirtschaftliche Lage des Landes vor dem Hintergrund der weltweiten Finanzkrise. Für die Proteste hat sie inzwischen den Begriff von der "Pinguin-Revolution" geprägt.


Seit den Ausschreitungen bei einer Demonstration am 13. Januar 2009 rings um das Parlament in Riga befindet sich Lettland im Schockzustand. Rund 10.000 Menschen strömten in die Innenstadt, über 100 wurden festgenommen. Zwar hatten schon im November 2007 Massenproteste bei strömendem Regen stattgefunden, welche die Entlassung der damaligen Regierung gefordert hatten. Doch anders als bei der damaligen "Regenschirm-Revolution" kam es am 13. Januar zu Gewalttätigkeiten in einer Heftigkeit, wie sie Lettland seit der Unabhängigkeit im Jahr 1990 noch nicht erlebt hatte.

Wie Pinguine: Demonstration gegen die lettische Regierung in Rigas Altstadt, Januar 2009. Foto: AP/Roman Koksarov


Seit Monaten erschüttern zahlreiche Korruptionsvorwürfe die lettische Regierung. In den Augen der Bevölkerung ist sie für die in Lettland besonders drastisch zu verspürenden Folgen der Finanzkrise verantwortlich. Die Tageszeitung Neatkarīgā Rīta Avīze notierte am 15. Januar 2009 besorgt: "Aus Sicht des alten Europas ist vielleicht nichts Besonderes passiert. Aber wir haben uns jahrzehntelang mit unserer gewaltfreien Protestkultur gebrüstet, darum ist in Lettland mehr kaputt gegangen als nur ein paar Fensterscheiben in der Innenstadt."

Premierminister Ivars Godmanis bezeichnete den 13. Januar 2009 umgehend als Wendepunkt in der lettischen Geschichte, aber schon am 16. Januar monierte das Nachrichtenportal Delfi, die Botschaft der Protestierenden sei bei den Herrschenden nicht angekommen: "Unsere Regierung hat zwar formal die Macht, aber de facto haben sich unsere Politiker verschanzt und verhalten sich wie im Führerbunker im Mai 1945. Die Opposition versucht zwar, die Bastionen der Regierung zu stürmen, aber ohne sichtlichen Erfolg. Die zunehmende Ermüdung war mit den Händen zu greifen."

Litauen folgt, Estland bleibt friedlich

Am 16. Januar griffen auch in Vilnius Demonstranten aus Protest gegen die Sparpläne der Regierung das Parlament an. Ähnlich wie zuvor die lettische Presse beklagte auch die litauische Tageszeitung Lietuvos rytas am 19. Januar die Ignoranz der Politiker und äußerte ein gewisses Verständnis für den Volkszorn: "Zwar steckt die Wirtschaft weltweit in der Krise, aber in anderen Ländern wird wenigstens darum gekämpft, dass keine Arbeitnehmer entlassen werden, und es werden Hilfsprogramme für die Industrie verabschiedet. ... Die Menschen wollen einfach nicht lautlos verrecken."

Die litauische Regierung ist aber erst seit vergangenen Herbst im Amt und genießt daher noch mehr Vertrauen, und die Folgen der Finanzkrise sind in Litauen weniger stark zu verspüren als in Lettland. Auch die im nördlichen Nachbarland Estland erscheinende Tageszeitung Postimees sah am 29. Januar die Kombination aus einer besonders drastischen wirtschaftlichen und politischen Krise als Grund dafür, warum die Proteste in Riga bislang so viel deutlicher ausfielen: "Freuen wir uns, dass wir dank einer einigermaßen gesitteten Wirtschaftspolitik nicht auch so schlecht dastehen."

Resignation und Galgenhumor

Der 13. Januar ist in Lettland eigentlich der Tag, an dem der Barrikaden gedacht wird, die 1991 gegen sowjetische Panzer errichtet wurden. Die lettische Presse lehnt die Vergleiche jedoch einhellig ab, und am 20. Januar machte die Tageszeitung Neatkarīgā Rīta Avīze im Unterschied zum Unabhängigkeitskampf eine inzwischen eingekehrte starke Desillusionierung der Menschen aus: "Damals standen wir für Lettland ein, so simpel die damaligen Barrikaden auch waren. Damals steckte unser Staat noch in den Kinderschuhen, und wir selbst waren auch Kinder." Damals habe Lettland Europa noch als Hoffnung für die Zukunft gesehen, doch in Wirklichkeit seien viele Probleme sogar durch Europa verursacht worden: "Wir haben unsere Schiffe verschrottet, weil Europa schon genug Fisch hat, und wir haben unser Land verkauft, weil man uns viel Geld dafür versprochen hat. Sind wir dafür 1991 auf die Barrikaden gegangen?"

Von Pinguinen lernen

In seiner Neujahrsansprache forderte Lettlands Premier Ivars Godmanis die Bevölkerung auf, von den Pinguinen zu lernen, die sich in Notzeiten eng aneinanderschmiegten. Kaum eine Äußerung dürfte der Regierungschef seither mehr bedauert haben, vermerkt die Tageszeitung Latvijas Avīze: "Allen Versuchen der Richtigstellung zum Trotz sind Pinguine längst zum Markenzeichen der Demonstranten geworden", und Lettland hat nach seiner "Regenschirm-Revolution" vom November 2007 nun eine "Pinguin-Revolution". Die Proteste laufen - wenn auch friedlich - weiter, und Pinguine erleben einen wahren Boom, aber einen konkreten Ausweg aus der aktuellen Krise weiß nach wie vor niemand - weder Regierung noch Opposition noch die Menschen auf der Straße.

 
Berthold Forssman
Dr. Berthold Forssman studierte Skandinavistik, Slawistik und Indogermanistik und arbeitet heute als freier Journalist, Übersetzer, Sprachenlehrer und Autor in Berlin. Er übersetzt unter anderem aus ...
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