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Jenseits des Marktes leben

von Tommi Laitio


Die europäische Kulturstiftung ECF, das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und Eurozine organisierten am 8. November einen Workshop in Wien für europäische Onlinemedien-Initiativen. Tommi Laitio von der ECF erläutert die Gründe hierfür.


Zerstört das Internet den Qualitätsjournalismus? Ist unsere Zukunft eine traurige Karikatur des öffentlichen Bereichs, in dem die einzigen Überlebenden des darwinistischen Kampfs um Aufmerksamkeit diejenigen sind, die die hässliche Seite der Menschheit bedienen? Sind wir zu Irrelevanz verurteilt, wenn der Name Simon Cowell (en.wikipedia.org/wiki/Simon_Cowell) mehr Menschen ein Begriff ist als der Name Jürgen Habermas (en.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Habermas)?

Foto: photocase.de


Die Antwort ist ein schlichtes "Nein", wenn Sie die in Wien zusammengekommenen Menschen fragen. Im Internet ist für den Laien und den Fachmann gleichermaßen Platz, und es besteht nach wie vor Bedarf an qualitativ hochwertigem Journalismus. Das Blog einer holländischen Hausfrau stellt keine unmittelbare Gefahr für De Volkskrant (www.volkskrant.nl) dar. Und wie wir am Beispiel von Le Monde Diplomatique (www.monde-diplomatique.fr) und The Economist (www.economist.com) sehen, lassen sich gute Geschäfte und engagierter Journalismus immer noch unter einen Hut bringen. Da die Zahl der Informationsquellen nur noch weiter zunimmt, könnte man sogar eine höchst optimistische Prognose hinsichtlich der Zukunft des Qualitätsjournalismus wagen: Wir, die Bürger, brauchen noch mehr fachlich qualifizierte und zuverlässige Analysen, um unsere Volksvertreter an die Leine zu nehmen. Weblogs und Online-Initiativen die Schuld am Rückgang der Zeitungsleserzahlen zu geben, ist nicht nur verantwortungslos, sondern zeugt auch von wenig Sachkenntnis. Wie Online-Projekte von Zeitungen wie der finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat (blogit.hs.fi) zeigen, ist es dem Blatt durch Themenblogs angestellter Journalisten gelungen, wieder den Draht zu ihren Lesern zu finden.

Es ist offenkundig, dass Panikmache hinsichtlich des Tods des Intellektuellen uns nicht weit bringt; stattdessen brauchen wir in verstärktem Maße detaillierte Untersuchungen der Auswirkungen der digitalen Revolution. Wir müssen das, wovon wir sprechen, intellektualisieren und gleichzeitig spezifizieren. Wir sollten das Internet als Werkzeug und weniger als Medium sehen; es müssen also eher Vergleiche zwischen OpenDemocracy (www.opendemocracy.net) und Prospect (www.prospect-magazine.co.uk/landing_page.php) als zwischen dem Internet und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (www.faz.de) angestellt werden. Wir sollten nicht versuchen, zur Vereinfachung der Diskussion eine Unterteilung in Gut und Böse vorzunehmen. Gleichzeitig wären angesichts der Tatsache, dass verschiedene Essay-Magazine mit ihren Auflagen kämpfen, Kooperationen wie Eurozine (www.eurozine.com) vor der Zeit des Internets nahezu unmöglich gewesen.

Wie uns das so genannte Web 2.0 zeigt, geht es beim Internetboom nicht um die Digitalisierung von Inhalten, sondern um Verhaltensänderungen. Die Art, wie wir interagieren, Informationen austauschen und gemeinsam generieren, stellt unsere traditionellen Vorstellungen von Urheberrecht und Ausschließlichkeit in Frage. Allerdings ist es nicht leicht, die herrschenden Paradigmen zur Rolle der Medien zu ändern – vor allem für viele der etablierten Akteure. Die scharfe Kritik, die in der deutschen Presse an der kostenlos angebotenen täglichen Presseschau von eurotopics geübt wird, hat gezeigt, dass viele der großen Medienkonzerne die neue Kultur als Bedrohung für den Ehrenstatus empfinden, den sie traditionell im nationalen Kontext genießen. Bis Initiativen wie eurotopics selbstverständlicher Teil des Handwerkszeugs von Journalisten werden, bedarf es noch jeder Menge Marketing, Überzeugungsarbeit und Knüpfens von Kontakten.

Wenn man eine Gruppe transnationaler Medieninitiativen zusammenbringt, dauert es nicht allzu lange, bevor die finanzielle Grundlage ihrer Arbeit zur Sprache kommt. Diese Frage ist von höchster Bedeutung: Wer soll den Vergleich europäischer Informationen, den investigativen Journalismus und die Vernetzung der Initiativen untereinander bezahlen? Soll die Rechnung von den Verbrauchern, öffentlichen oder privaten Stiftungen, nationalen Regierungen oder vielleicht von den europäischen Institutionen übernommen werden? Gegenwärtig springen Stiftungen wie der Riksbankens Jubileumsfond (www.rj.se), ECF (www.eurocult.org), die Helsingin Sanomat Stiftung (www.hssaatio.fi) und öffentliche Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de) ein, um die Lücke zu schließen. Es stellt sich allerdings die Frage, wie wir Voraussetzungen für einen Journalismus schaffen können, der sich von den gesellschaftlichen Entwicklungen und nicht von Richtlinien für die Bewilligung von Zuschüssen leiten lässt. Der Ruf der Teilnehmer des Wiener Workshops nach Geldgebern, die im Rahmen mehrjähriger Partnerschaften die laufenden Kosten tragen, war laut. Wenn Sie die Herausgeber fragen, sollten die Geldgeber zulassen, dass sich die Initiativen entwickeln – und sogar rentable Unternehmen daraus werden.

Aber bevor sich etwas am allgemeinen Kurs ändert, muss sich die Interaktion der unterschiedlichen Akteure untereinander verbessern. Die Einbeziehung etablierter Verlage und Herausgeber in diese Diskussion ist die nächste große Herausforderung. Ein höheres Maß an Vertrauen ist vonnöten, damit die gemeinsamen Aufgaben offen diskutiert werden können. Zu echter Zusammenarbeit wird es nur bei angemessenem Vertrauen kommen. Vor allem aber bedarf es hinsichtlich unserer Einstellung zur Interaktion dringend eines Umdenkens. Wir neigen dazu, uns immer noch zu sehr an der alten Vorstellung festzuhalten, dass sich das gesamte Dorf auf dem Marktplatz versammelt, um über die gemeinsamen Probleme zu sprechen. Das können wir besser. Ein großer Teil des Networkings und des Aufbaus von Vertrauen ist unsichtbar und daher fast nicht zu erkennen. Wir können auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen Zeiten interagieren.

Alles in allem erfordert die Situation Geduld und besseres Handwerkszeug – von den Geldgebern ebenso wie von den Empfängern der Gelder.

 
Tommi Laitio
ist als Programmverantwortlicher (Jugend und Medien) für die European Cultural Foundation tätig. Er ist Mitglied im Beirat von euro|topics.
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