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Über den Tellerrand schauen
von Sergio Cantone
Mit der Überarbeitung der veralteten TV-Richtlinie "Fernsehen ohne Grenzen" will die Europäische Union den nationalen Rahmen des europäischen Medienmarktes durchbrechen und eine gesamteuropäische Vertriebsstrategie schaffen. Mit welchen Erfolgsaussichten?
Noch immer geben diejenigen Medien in Europa den Ton an, die in der Vergangenheit und somit auf nationaler Ebene entstanden sind. Wenn es einmal eine herausragende europäische Nachricht gibt, zerbröseln sie sie sogleich streng national in 27 Brocken und berauben sie ihrer eigentlichen Wirkung. Aber wie lange werden diese nationalen Ansätze ihre Führungsrolle noch behaupten?

Ein paar Zahlen und Fakten: Der audiovisuelle Sektor in der EU beschäftigt mehr als eine Million Menschen. Das Fernsehen spielt die Hauptrolle als wichtigste Informationsquelle und das Unterhaltungsmedium in europäischen Haushalten: 98 Prozent von ihnen haben ein TV-Gerät und der Durchschnittseuropäer sieht über 200 Minuten pro Tag fern.
Gefühlte Schranken
Trotz aller Reden und Studien über Fernsehen, Internet, Zeitungen und diverse andere Kommunikationsformen ist sich Europa indes offenbar nicht darüber im Klaren, was es senden, veröffentlichen und überhaupt tun soll. Die meisten öffentlich-rechtlichen Sender in Europa leben von einer Mischfinanzierung aus staatlichen Geldern und Werbeeinnahmen. So behaupten sie sich seit den frühen 1980er Jahren gegen Offensiven der privaten Medienunternehmen. Paradoxerweise glauben sie, die Zerstückelung des Marktes in nationale Märkte sei eine Garantie für ihr Überleben und nutzen kulturelle Unterschiede als protektionistische Schranken.
Dabei haben sie Verbündete: wieder erwachenden Chauvinismus, der sich in Europa bemerkbar macht, gegen die Globalisierung gerichtete Stimmungen und fremdenfeindliche Haltungen. Alle nationalen Medien des Kontinents versuchen diese Gefühlslagen zu nutzen, weil sie gemerkt haben, dass sich Stereotype gut verkaufen.
Einen Markt schaffen
Seit den Rückschlägen beim Verfassungsvertrag 2005 hat die Europäische Union erkannt, dass es ein Kampf auf Leben und Tod ist, die Herzen und Köpfe der Menschen zu erobern. Folglich hat sie beschlossen zur Tat zu schreiten und die Barrieren nieder zu reißen. Unglaublich, aber wahr – seither fallen die europäischen Institutionen mehr als alle anderen europäischen Medienakteure durch größere Aufgeschlossenheit auf. Tatsache ist, dass die Union realisiert hat, wie wichtig es ist, einen gesamteuropäischen Medienmarkt zu schaffen.
Fernsehen ohne Grenzen?
Die derzeitige Fortentwicklung der über zehn Jahre alten EU-Richtlinie "Fernsehen ohne Grenzen" ist ganz offensichtlich ein Versuch, wirtschaftlich und kulturell der Zersplitterung des Medienmarktes entgegen zu wirken. Ökonomisch und in der Organisation dieses Marktes setzt die überarbeitete Fernseh-Richtlinie auf die Freizügigkeit der europäischen Fernsehprogramme innerhalb der EU. Sie schreibt vor, dass die Mitgliedsstaaten auf ihrem Territorium die Ausstrahlung von Fernsehsendungen aus anderen Mitgliedsstaaten nicht behindern dürfen. Zugleich legt sie Sende- und Produktionsquoten fest.
Die EU-Staaten müssen sogar dafür sorgen, dass die Rundfunkanstalten einen Großteil ihrer Sendezeit für europäische Themen und Produktionen reservieren – die für Nachrichten, Sportübertragungen, Spiele, Werbung sowie Teletext und Teleshopping vorgesehene Sendezeit nicht eingerechnet.
Maximal 15 Prozent Werbung
Zudem sind die Kanäle verpflichtet mindestens zehn Prozent ihrer Ausstrahlungszeit oder ihres Programmbudgets für europäische Werke unabhängiger Produzenten freizuhalten. Auch für Werbung sind Regelungen getroffen. Ihr Anteil darf 15 Prozent der täglichen Sendezeit und innerhalb eines bestimmten sechzigminütigen Zeitraums 20 Prozent nicht überschreiten.
Während die öffentlich-rechtlichen Sender im Jahr 2004 im Schnitt 63 Prozent ihrer Sendezeit für europäische Werke reservierten und ihr Programmanteil damit mehr oder weniger stagnierte, stellte die EU-Kommission im August 2006 in punkto unabhängige Produzenten fest, dass sie "im Referenzzeitraum (2004) auf allen europäischen Kanälen deutlich zugenommen haben (rund 31,5 Prozent)". In den Jahren zuvor waren hier noch signifikante Einbußen zu beobachten gewesen.
Gemeinsame Vertriebsstrategie
Einen weiteren Schritt nach vorn hat die EU mit der Implementierung von MEDIA 2007 vollzogen, dem neuen Förderprogramm für audiovisuelle Medien in Europa, das zwei Elemente der früheren Programme MEDIA Plus and MEDIA Training vereinigt. Es umfasst die Förderfelder Entwicklung, Vertrieb und Weiterbildung, hat ein Budget von nahezu 755 Millionen Euro und erstreckt sich auf den Zeitraum 2007 bis 2013.
Es gibt keinen Zweifel: Die Europäischen Union will den nationalen Rahmen durchbrechen und eine gesamteuropäische Vertriebsstrategie schaffen. Zu diesem Zweck sollen Filmverleiher angeregt werden, in die Koproduktion, den Ankauf und die Bewerbung nicht-nationaler europäischer Filme zu investieren und koordinierte Marketingstrategien entwickeln. Anreize für Export, Vertrieb und Verwertung im Kino sollen das Ganze noch stimulieren.
Sich selbst entdecken
Aus all diesen Vorschlägen kann man schließen, dass den europäischen Institutionen sehr daran liegt, einen europäischen Medienmarkt zu schaffen. Nationale Erzählliteratur und Filme zu verbreiten und zu etablieren, ist definitiv schon ein Schritt in die richtige Richtung, doch Kritiker könnten darin auch eine Verschwendung öffentlicher Gelder durch die EU sehen. Immerhin erfolgt die Finanzierung zum Teil durch die EU-Institutionen. Aber dies ist der Preis, der für die Schaffung eines europäischen Medienmarktes zu zahlen ist. Die Medien sind schließlich ein bedeutender Markt, und die EU, so kann man argumentieren, hat die Aufgabe, hinterherhinkenden Branchen wie dieser unter die Arme zu greifen.
Fest steht: Der europäische Medienmarkt braucht dringend einen starken Zusammenhalt der Länder sowie der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender untereinander. Vor allem bedarf es einer Kerngruppe wirklich gesamteuropäischer Medien, die in Anlehnung an die Eurovision und die öffentlich-rechtlichen Sender in Europa eine supranationale Rolle übernehmen. Inhaltlich müssen sich die Europäer in ihren eigenen Filmen und eigenen Nachrichten selbst entdecken. Zudem benötigt Europa klare Marktregeln, wenn es darum geht, dass Medienunternehmen in anderen Ländern investieren und kulturelle Barrieren überwinden.
Gekürzte Fassung eines Textes aus dem zweiten Kulturreport Fortschritt Europa "Europa in den Medien – Medien in Europa”, herausgegeben im Juni 2008 vom Institut für Auslandsbeziehungen und der Robert Bosch Stiftung. Kostenlos zu bestellen unter www.ifa.de.

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Übersetzung
Andreas Bredenfeld
Original in Englisch
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Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.
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