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Den Blick schärfen

von Weigui Fang


Von den Fabulierungen Marco Polos bis zu Beschimpfungen im Internet: Wenn sich China und Europa miteinander beschäftigen, sind Stereotype nicht weit. Ein Überblick über die beiderseitige kulturelle Wahrnehmung.


Seit einiger Zeit ist das politische Klima hüben wie drüben vergiftet, in hohem Maße inszeniert von den Medien. Dabei war die gegenseitige Kontaktaufnahme zwischen China und Europa schon immer von einem Rhythmus des Annäherns und Distanzhaltens geprägt. Zu einem ersten unmittelbaren Kontakt kam es schon bald nach der Gründung des Mongolischen Weltreichs durch Tschingis Khan im 13. Jahrhundert, eine Erfahrung, die das Abendland zutiefst verängstigte.

Foto:AP


Wurde Marco Polos Beschreibung der Welt (1271-1295) über seine Reisen durch das China der Mongolenzeit noch als Märchen betrachtet, nahm man Jahrhunderte später Gottfried Wilhelm Leibniz ernst. In seinem Vorwort zu Novissima Sinica (1697) hielt er fest, "dass die höchste Kultur und die höchste technische Zivilisation der Menschheit heute gleichsam gesammelt sind an zwei äußersten Enden unseres Kontinents, in Europa und in Tschina". Leibniz befand, dass die Europäer in Bezug auf handwerkliche Fertigkeiten als den Chinesen ebenbürtig und in den theoretischen Wissenschaften sogar als überlegen gelten müssten, während sie ihnen auf dem Gebiet der praktischen Philosophie und vor allem hinsichtlich der Lehre der Ethik sowie der Politik offensichtlich unterlegen seien.

Gebildetes Nichtwissen

Gerade zu jener Zeit, als Leibniz und Voltaire ein offenes Bekenntnis zur konfuzianischen Ethik ablegten und auf eine Synthese der westlichen und östlichen Weltanschauungen hofften, nahmen abschätzige und verurteilende Berichte und Abhandlungen über China zu. Die geistig führenden Persönlichkeiten des späten 18. und des 19. Jahrhunderts beeinflussten die europäische China-Rezeption zugunsten Verachtung und Verzerrung – eine Entwicklung, die mit Montesquieu und Herder einsetzte und sich mit Hegel, Schelling und Marx fortsetzte. So wusste der gebildete Europäer des 19. Jahrhunderts weit weniger über China als seine Vorfahren im 17. und 18. Jahrhundert.

Feindbilder im Kalten Krieg

Nach den Opiumkriegen zwischen China und Großbritannien (1839-1842, 1856-1860), dem Höhepunkt der Konfrontation, dauerte es hundert Jahre, bis China 1949 mit der Gründung der Volksrepublik China seine Unabhängigkeit und sein Selbstbewusstsein zurück gewann. In der Zeit des Kalten Krieges konnte von einem kulturellen Austausch kaum mehr die Rede sein. Hier wie dort herrschten Feindbilder vor, auch wenn manche Überlegungen Maos vorübergehend einen Teil der 1968er fasziniert haben: radikalisierte junge Leute, eine Minderheit in der spätindustriellen Gesellschaft, aber auch Philosophen wie André Glucksmann oder Jean-Paul Sartre.

China als Gegen-Europa

China wurde, wie wir wissen, in Europa seit eh und je als ein "Gegen-Europa" empfunden und das nicht nur im geographischen Sinne. Vor dreißig Jahren studierte kaum ein Chinese in Europa. Heute sieht man in Europa fast überall chinesische Touristen, bis 2010 will China weltweit 200 chinesische Kulturinstitute gründen, so genannte Konfuzius-Institute. In den letzten fünf oder zehn Jahren hat sich vor allem die Behandlung Chinas durch die Medien verändert: von sporadischer Berichterstattung über das "ferne Land" zum beinahe regelmäßigen "China-Special". Und wenn zuvor von einer kommunistischen Bastion die Rede war, so ist China nun ein Land "voller Hoffnung", eine aufstrebende Wirtschaftsmacht.

Eine neue gelbe Gefahr?

Viele gehen heute davon aus, dass China derzeit wieder in das Zentrum des Weltsystems aufsteigt - im frühen 19. Jahrhundert hatte China die größte Nationalökonomie der Erde. Nicht immer ist gleich von einer neuen "gelben Gefahr" die Rede. Aber der Tendenz begegnet man immer wieder, gerade auch in Titelgeschichten renommierter europäischer Zeitungen und Zeitschriften. Junge Chinesen bewundern den Westen zwar immer noch, aber sind nicht mehr kritiklos. So werden westliche Medien im chinesischen Internet zwar vernünftig analysiert, aber oft auch beschimpft, besonders, wenn das eigene Land degradiert wird: wenn beispielsweise das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel die etwa 27.000 chinesischen Studierenden in Deutschland als "gelbe Spione" diffamiert.

Scheinheilige Doppelmoral

Den Fackellauf in Paris jedenfalls und die zahlreichen montierten Bilder in den westlichen Medien wird man in China nicht so leicht vergessen. Sie waren eine hervorragende Gelegenheit, um den westlichen Diskurs über China zu studieren: "China ist keine offene Gesellschaft; China weist noch wesentliche Merkmale eines totalitären Staatswesens auf; China kennt keine Menschenrechte." Wenn man das schon a priori weiß, reproduziert man immer wieder Stereotypen, vereinfacht, blendet viel aus, trifft manchmal punktuell vielleicht den Nagel auf den Kopf, um dann unzulässige verallgemeinernde Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Dass man China so unverhohlen und drastisch zum Buhmann macht, wird inzwischen nicht nur vom Mann auf der Straße, sondern auch von vielen Intellektuellen als scheinheilig betrachtet. Denn der Westen misst in dieser Frage mit zweierlei Maß und nutzt die Debatte zum Zwecke von Interessenpolitik. Aber langfristig gesehen ist das alles vermutlich nur eine Anekdote der Geschichte.

 
Weigui Fang
Weigui Fang lehrt seit 2006 Literaturtheorie an der Beijing Normal University. Er wurde 1957 in Shanghai geboren. Er veröffentlichte unter anderem eine Monographie zu Brecht ...
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