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"China ist ein Minenfeld"
von François Jullien
Ein Interview mit dem französischen Philosophen und Sinologen François Jullien über Chinas Trauma und Aufstieg, den Unterschied zwischen dem Go-Spiel und dem Schach-Spiel, europäische Menschenrechte und chinesische Harmonie.
euro|topics: Prof. Jullien, was müssten wir vom chinesischen Denken wissen, um Chinas wirtschaftlichen und politischen Aufstieg der letzten Jahre zu verstehen?
Man vergisst heute gerne, dass es schon einmal ein mächtiges China gab. Daher sollte man zunächst mehr über die Geschichte wissen. Bis zum 15. Jahrhundert war China technisch genauso entwickelt wie die europäische Welt: Dschunken, Schießpulver, Kompass, Hydraulik, Magnetismus.

Nachdem Europa China – durch das modellhafte Denken von Galilei, Descartes und Newton – abgehängt hatte, reisten die Europäer nach China, nicht andersherum. Zunächst als Missionare im 16. und 17. Jahrhundert, dann während des Krieges im 19. Jahrhundert, um die chinesischen Häfen gewaltsam für den eigenen Handel zu öffnen.
euro|topics: Wann holte China wieder auf?
Am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der schlimmsten Phase seiner Geschichte, war China durch die überlegene europäische Technik und das Fortschrittsdenken kulturell erobert – anders als bei vorherigen Eroberungen durch die Mongolen oder Mandschuken. Das war ein Trauma. Und seitdem war das große Ziel, Europa einzuholen. Heute hat China aufgeholt – und ist dabei, alle zu überholen.
euro|topics: Wie hat China das geschafft?
Indem es uns nachmacht. Es hat sich die Wissenschaften, Technologien, politischen Modelle – etwa das sehr westliche Konzept der Revolution – angeeignet. Gleichzeitig hat es seine eigenen Traditionen bewahrt – nach Maos Slogan "auf beiden Beinen gehen", das westlichen Bein vorne, das chinesische hinten. China besitzt nun sozusagen doppelte Ressourcen.
euro|topics: Von westlichen Werten wie der Pressefreiheit oder den Menschenrechten scheint China aber noch sehr weit entfernt zu sein. Während der Olympischen Spiele wird der westlichen Presse ein "größtmöglicher" Internetzugang gewährt - das ist kein Verbot, sondern eher eine Verhinderung, eine Regulierung.
Die chinesische Regierung vermeidet bei diesen Fragen jegliche Konfrontation. In China könnte vieles sehr leicht explodieren – aufgrund von Ungleichgewicht, sozialer Gewalt oder ideologischer Veränderung. China ist ein Minenfeld – das haben wir letzte Woche beim Attentat in Peking gesehen. Demgegenüber bleibt die chinesische Führung bei der Regulierung. Man nennt die chinesische Strategie "kaltes und heißes Atmen", öffnen und schließen: einerseits die chinesische Stärke zeigen und klarstellen, dass China die ausländische Einflussnahme nicht akzeptiert, andererseits wegen wirtschaftlicher Interessen und internationaler Beziehungen für Kompromisse offen sein.
euro|topics: Hat der Aufstieg Chinas die gegenseitige Wahrnehmung verstärkt?
Die Wahrnehmung ist asymmetrisch. Vor zehn Jahren interessierte sich bei internationalen Treffen kaum jemand für China. Heute finden Sie fast keinen internationalen Gipfel, auf dem man nicht fragt, was aus China wird und was China denkt. China denkt in zwei Kategorien: das chinesische "Innen" und das ausländische "Außen". Heutzutage sind die Vereinigten Staaten Chinas wichtigster Partner, von Europa erwartet China nicht viel. China weiß sehr gut, dass es derzeit die aufstrebende Weltmacht ist und dass es immer mehr Einfluss auf die zukünftigen internationalen Beziehungen haben wird.
euro|topics: Schon jetzt hat es großen Einfluss.
Ja, nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der eigenen Landesgrenzen. Der Einfluss nimmt durch "stille Transformation", "stillen Wandel" zu. In Paris nimmt zum Beispiel die Präsenz des Chinesischen stark zu, nicht nur in einem Viertel, sondern im Alltag. Man kennt die chinesischen Feste besonders das Frühlingsfest, und Chinesen studieren an unseren Elitehochschulen. Das ist alles sehr unaufdringlich und passiert auch in den USA oder in Kanada.
euro|topics: Wie passt das Konzept eines stillen Wandels zur Medienaufmerksamkeit, die China durch die Olympischen Spiele zuteil wird?
China ist stolz darauf, die Augen der ganzen Welt auf sich gerichtet zu sehen, unter anderem aus nationalistischen Beweggründen. Als man sich vom politischen Ideal des Sozialismus verabschiedete, wurde er durch den Nationalismus ersetzt. Aber: Was sieht man eigentlich? Vergleicht man das chinesische Go-Spiel mit dem Schach-Spiel, so funktioniert letzteres durch Konfrontation. Beim Go geht es darum, seinen Einfluss durch allmähliche Gebietsgewinne auszubauen. Die Olympischen Spiele zeigen beides: das unaufdringliche Fortschreiten und sein Ziel, den spektakulären Erfolg.
euro|topics: Müsste Europa, um mit China zu verhandeln, sei es über die Tibetfrage oder andere brennende Themen, seine Strategie verändern?
Um sich bei der sehr dringlichen Debatte um die Menschenrechte zu verteidigen, bringt China eigene Werte auf den Plan, zum Beispiel die Bedeutung von Harmonie. Der chinesische Diskurs heute ist geschickt doppeldeutig: Ja, die Menschenrechte sind wichtig, aber auch die Harmonie.
euro|topics: Können sich Europäer und Chinesen überhaupt verstehen?
Natürlich. Die Menschheit hat meiner Meinung etwas Gemeinsames: etwas Allgemeinverständliches. Ich lehne die Vorstellung ab, dass Kulturen in sich geschlossen bleiben und nur von sich sprechen. Aber ein Dialog ist nur dann möglich, wenn wir daran arbeiten. Im Moment gibt es ihn noch nicht. In China werden die "asiatischen Werte" manchmal als für den Westen unverständlich hochgehalten – das ist sehr gefährlich. Und im Westen gibt es immer wieder einen China-Kult, der zwischen Angst und Faszination oszilliert. Stattdessen sollten wir am gegenseitigen Verständnis arbeiten.
Das Interview führte Nikola Richter.

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Original in Französisch
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