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Probleme der geografischen, kulturellen und politischen Grenzziehung

von Udo Steinbach


Wo beginnt Europa, wo endet es? Sind Räume reine Konstruktionen? Und wenn ja: Auf welchen Tatsachen basieren diese Konstrukte? Ein Blick in die politische, kulturelle und geografische Dimension der Beitritts-Debatte.


Als das Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Wirtschafts-
gemeinschaft (EWG) und der Türkei am 12.09.1963 abgeschlossen wurde, erhob kein Mitglied der EWG Einwände unter Bezug auf die Römischen Verträge von 1957, in denen ausdrücklich bestimmt worden war, dass nur europäische Länder Mitglied werden könnten. Die lapidare Feststellung des damaligen Präsidenten der EWG-Kommission, Walter Hallstein (CDU), lautete: "Die Türkei ist ein Teil Europas."

Die Bosporus-Brücke verbindet den asiatischen mit dem europäischen Teil Istanbuls.
Foto: AP


Diese Einschätzung teilen im Jahre 2006 viele Menschen in Deutschland nicht mehr. Die Türkei wird als etwas "anderes" angesehen. Viele "Normalbürger" und auch maßgebliche Intellektuelle sehen die Türkei von Europa durch geografische, kulturelle, historische und politische Grenzen getrennt – wie auch die im Abschnitt "Stimmungen" zitierten Umfragen belegen [Anm. d. Red.: Den Abschnitt finden Sie auf bpb.de]. Die Frage jedoch stellt sich: Können wir diesen Grenzziehungen vertrauen? Wurzeln diese Grenzbestimmungen auf objektivierbaren Tatsachen oder sind sie lediglich Konstruktionen zur Absicherung der eigenen Gefühlswelt? Die Argumente in der Debatte über die historischen, politischen und kulturellen Grenzen von Europa zur Türkei haben sich in den letzten Jahren im wissenschaftlichen und publizistischen Bereich nicht wesentlich geändert – Pro- und Kontra-Argumentationen stehen sich nach wie vor monolithisch gegenüber.

Deshalb seien die Überlegungen zur These, dass die Türkei in ihrer vom Islam geprägten Identität so andersartig sei, dass sie nicht nach Europa und in die EU passe noch mal kurz zusammengefasst:

Historisch-politische Grenzziehungen

Die Türkei ist in der Tat historisch-politisch janusköpfig. Sie blickt zum einen auf den islamisch geprägten Vorderen Orient; und zum anderen auf das über Jahrhunderte vom Christentum geprägte Europa. Auf dessen politische Werte und Institutionen bewegt sie sich nunmehr seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts zu. Die Türkei hat sich auf Europa zubewegt, wenngleich sie sich damit nicht leicht getan hat. In einem geradezu dramatischen – zum Teil auch didaktorischen – Akt der Aneignung wurden in der kemalistischen Revolution in den zwanziger Jahren die Weichen der Europäisierung gestellt. Mit der Schaffung des türkischen Nationalstaats auf den Trümmern des Osmanischen Reiches folgten seine Gründer einem europäischen Paradigma. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel es Teilen der türkischen Bevölkerung – besonders auch ihrer Elite - schwer, die tiefgreifenden Wandlungsprozesse jenes Europa zu verstehen und nachzuvollziehen, das sich in den Römischen Verträgen eine neue Form gab und neuen politischen und gesellschaftlichen Werten verschrieb.

Das Beharren auf einem rigiden Verständnis des Nationalstaats als des uneingeschränkten Akteurs und die Überordnung des Staates über die Gesellschaft und den Einzelnen erklären wesentlich, warum es 35 Jahre dauerte, bis die Türkei aus einem der EU assoziierten Staat zum "Kandidaten" (Dezember 1999) wurde.

Kulturelle Grenzziehungen

Auch die kulturelle Dimension zu Hilfe zu nehmen, hilft nicht zu plausibler Klärung. Wenn die alten Griechen (z.B. Aischylos oder Herodot) den Hellespont (heute: Dardanellen) als Grenze zwischen Europa und Asien ansahen und das Prinzip der Freiheit und Demokratie (Griechenland) asiatischer Autokratie (Persien) gegenüberstellten, so lassen sich gleichwohl Lesarten, die in eine andere Richtung deuten, nicht von der Hand weisen. Nicht nur, dass man den Mythos von neuem bemühen könnte – so war Aeneas, der mythische Ahnvater von Rom, bis zur Zerstörung Bürger von Troja, einer kleinasiatischen Stadt an den Dardanellen. Das spätere Imperium Romanum umfasste weite Teile des Vorderen Orients bis ins Zweistromland. Schon lange zuvor, etwa seit dem 7. Jh. v. Chr., hatten die Griechen begonnen, Kleinasien zu besiedeln; sie sollten es erst im 20. Jahrhundert im Kontext des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches wieder aufzugeben gezwungen sein. In Kleinasien entstanden – nicht zuletzt durch die Mission des Paulus – blühende frühchristliche Gemeinden. Europas ideelle Grenzen im Südosten sind also nicht eindeutig festzulegen; jedenfalls haben sie sich in der Geschichte vielfach verschoben. Das Osmanische Reich, das im Kernland des Byzantinischen Reiches im westlichen Kleinasien entstand, expandierte zunächst auf den Balkan, der weit eher "türkisch" wurde als das Zweistromland und Ägypten. Im 15. Jahrhundert wurde das Reich Teil eines "europäischen" machtpolitischen Kontinuums, innerhalb dessen nicht nur Handel und Wandel getrieben wurde, sondern mit dem auch Koalitionen in der innereuropäischen Rivalität der Mächte geschlossen wurden. Noch im 18. Jh. war das osmanische Reich Teil eines europäischen Konzerts der Mächte, bevor es im 19. Jh. als "kranker Mann am Bosporus" zum Spielball der Machtpolitik anderer europäischer Mächte wurde.

Nicht unerwähnt bleiben sollte auch in diesem Zusammenhang, dass die Türkische Republik auch das Ergebnis einer mit Mitteln der Gewalt durchgeführten Bevölkerungsverschiebung nach und von Anatolien war: Zwischen den Balkankriegen 1912/13 und 1924 wurden über 2 Millionen Christen aus Anatolien vertrieben, vornehmlich Griechen und Armenier. Viele kamen dabei ums Leben. Umgekehrt strömten ca. 1,2 Millionen Türken aus allen Teilen des Balkans, der zum Osmanischen Reich gehört hatte, nach Anatolien. Diese Bevölkerungsverschiebung stärkte das "europäische" Segment in der türkischen Bevölkerung und insbesondere unter der Elite, die den neuen Staat, die Türkische Republik, gründete.

Geografische Grenzziehungen

Einige Publizisten und Politiker suchten die Lösung in der vordergründig mit objektiv Maßstäben operierenden Geografie zu finden: Hat der Geograf den eindeutigen, objektiven, neutralen Europa-Begriff an der Hand? Geografen antworten uns: nein. Hans-Dietrich Schultz zeichnete in einem längeren Aufsatz die methodische Geschichte der inhaltlichen Kontinentsbestimmung bezüglich einer etwaigen Grenze zwischen Europa und Kleinasien nach: Schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts können führende Vertreter des Faches wie Alfred Hettner eine methodisch überprüfbare Grenze hinsichtlich Morphologie, Klima und Vegetationsgeografie nicht (mehr) erkennen. Konsequenterweise sprach Hettner dann nur noch von einem Kontinent Eurasien, dessen Westflügel Europa und dessen größerer Ostflügel eben Asien sei. Zahlreiche Fachkollegen schlossen sich dieser Lehrmeinung an.

Braucht Europa eindeutige Grenzziehungen?

Die Beschäftigung mit der geografischen, kulturellen und politischen Ortsbestimmung der Türkei in oder außerhalb Europas hat gezeigt, dass aus den verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven keine eindeutige Antwort in dieser Debatte zu finden ist. Jedoch lässt sich seit Jahren beobachten, dass "Europäische Geschichte" und "Europäische Kultur" – dazwischen wird häufig nicht differenziert – als Konsumartikel auf dem Buchmarkt immer stärker nachgefragt wird, wie auch der Wiener Historiker Wolfgang Schmale (Geschichte Europas, Wien/Köln/Weimar 2000) kritisch anmerkt. Genannt sei hier die in mehreren Ländern erscheinende Buchreihe "Europa bauen", hrsg. vom namhaften Historiker Le Goff oder auch der Buchmarkterfolg "Das europäische Geschichtsbuch" von Delouche. Europa wird zunehmend – wie in den beiden zitierten Werken – als die Summe eines kollektiv zu erinnernden kulturellen und geschichtlichen Erbes konstruiert – was möglicherweise weniger mit historischen Erkenntnissen als mit den Bedürfnissen eines europäischen Publikums zu tun hat. Und so merkte denn auch der Historiker Michael Mitterauer bereits 1999 zu Le Goff u.a. kritisch an: "Wer den Baumeistern Europas Bausteine zutragen will, sollte sich wohl doch Gedanken darüber machen, um welchen Bau es hier eigentlich geht. Die Allgemeinheit der Formulierung [gemeint ist der Buchtitel, Anmerkung Autor] lässt zunächst nur erkennen, dass Historiker sich wieder einmal politisch in Dienst nehmen lassen. Sie bauen mit, mit welchem Ziel auch immer."

Letztlich können Wissenschaftler der unterschiedlichen Fachrichtungen keine eindeutige Grenzziehungen für Europa vornehmen. Europas Geschichte und Gegenwart ist vielschichtig und auch daher vielfältig interpretierbar. Es bleibt schwierig, aus der Geografie, Kulturwissenschaft und Politologie eindimensionale Kriterien zu zimmern, die es vordergründig erlauben, die Türkei vom Eintritt in das europäische Haus abzuhalten oder diesen Eintritt als zwingend erforderlich zu reklamieren.

 
Udo Steinbach
Prof. Dr. Udo Steinbach, geb. 1943, ist Professor an der Universität Hamburg und Direktor des Deutschen Orient-Instituts, Hamburg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik und Gesellschaft des ...
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Original in Deutsch

Erstveröffentlichung in Bundeszentrale für politische Bildung
» www.bpb.de/themen

© Bundeszentrale für politische Bildung

 

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