Navigation

 

Home / Presseschau / Archiv / Magazin / Politik / Festung Europa / Analyse

Flüchtige Staatsbürgerschaft. Utopie der Freiheit oder Realität der Unterwerfung?, von Ivaylo Ditchev

« zurück . 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6


Einerseits bedeutet Territorium ein Stückweit Schicksal, denn es geht dem Subjekt voraus und kann nicht nach Belieben verändert werden. Andererseits lässt sich in der Geschichte eine zunehmende Tendenz zum Widerstand gegen dieses Schicksal beobachten, zur Politisierung des Raumes, zur Überlagerung und zum Ortswechsel. Das Politische endet, wo sozio-politische Räume zerstört wurden und das Subjekt befreit ist. Jean-François Gossiaux behauptet, dass Ethnizität in diesem Moment ins Spiel kommt: Das Ethnische ist der Nullpunkt der Politik.[1]

Warum lösen sich sozio-politische Räume auf? Ein Grund liegt in der Erfüllung des Wunsches nach Befreiung vom Schicksal räumlicher Zugehörigkeit, vom Gesetz des Zufalls. Wehrdienstleistende werden durch Berufssoldaten ersetzt, Bildung wird zur Ware, Kultur und nationale Rituale zur Privatsache. Immer muss es eine Hintertür geben, irgendeine Möglichkeit, auf der Stelle Befriedigung zu erlangen, zu fliehen: delight or flight. In gewisser Weise hat sich die Utopie der 1960er und 1970er Jahre mit ihrer Betonung der individuellen Freiheit, Sehnsucht und Nomadentum erfüllt: der neue kinetische Kapitalismus ist Realität. Und wie alle Utopien hat auch er seine dunklen Seiten.

Jeffrey Alexander vergleicht die Codes des Staatsbürgertums mit dem Umgang mit der Unreinheit in prä-modernen Gesellschaften. Man wendet sich angewidert von Vorgängen ab, die gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen, beispielsweise Kindesmissbrauch oder Rassismus, und man bemüht sich, entsprechende Phänomene aus der eigenen bürgerlichen Sphäre zu verbannen oder den Kontakt zu Personen zu vermeiden, die diese Regeln brechen. Eine vollkommen zynische Gesellschaft, in der das Verhalten des Nachbarn ignoriert wird, ist jedoch unvorstellbar. Um den Vergleich weiterzuführen: Die Zerstörung von Territorien scheint uns in eine Welt der Jatis aus dem indischen Kastensystem zu versetzen, in der Codes nebeneinander existieren und der Konflikt mit dem Anderen ständig vermieden wird.[2]

Eine genauere Vorstellung von dieser Tendenz erhält man, wenn man Europa mit dem sozialen Lebensraum der USA vergleicht, der sich weitestgehend durch Individualverkehr, private Dienstleistungen und Treffpunkte und rigorose Sicherheitseinrichtungen auszeichnet. In der Folge begegnet man nur selten Menschen, die radikal anders sind als man selbst, außer man bemüht sich aktiv darum. Geselligkeit ist nicht länger eine Frage des Schicksals, sondern der Wahl.

Das Internet bietet verständlichere Bilder von der Pulverisierung des Raums.[3] Das Internet ist nicht räumlich in dem Sinne, in dem ich den Begriff hier verwende. Im Netz hat man es ausschließlich mit Personen, Orten und Informationen zu tun, für die man sich frei entscheidet; alles Unangenehme lässt sich vermeiden. Der eigene Nachbar kann regelmäßiger Gast in einem faschistischen Diskussionsforum sein, während man selbst ein kommunistisches besucht; es kommt nicht notwendigerweise zu einem Treffen, geschweige denn zu einem Faustkampf auf dem Dorfplatz. Im Internet existiert kein Ort, dem man nach willkürlichen Gesichtspunkten zugeordnet würde, und keine Person, die man nicht meiden könnte: Der staatsbürgerliche Druck geht gegen Null. Im Internet ergeben sich Klassifizierungen auf anderen Wegen, nicht über den Raum, sondern über Typen: nach Sprache, Beruf, Lebensstil und so weiter. Infolgedessen haben verschiedene Hierarchien das Prinzip der Gleichheit ersetzt, abgesehen von dem für alle gleichen, negativen Recht auf Flucht – auf Weigerung, mit anderen Bürgern in Kontakt zu treten und Konflikte auszutragen.

Selbstverständlich gibt es Bürgergruppen, die das Internet als Werkzeug für staatsbürgerliches Engagement nutzen. Aber funktionieren diese Gruppen nicht innerhalb einer vielleicht ideellen, aber immerhin räumlichen Gemeinschaft? Und wenn sie sich entscheiden zu handeln, besetzen sie dann nicht den öffentlichen Raum oder seine Ausläufer, um Dritte mit ihren Ansichten zu konfrontieren?

Das Internet liefert ein Bild für die allgemeine Tendenz zu einem utopischen Horizont der absoluten Mobilität, für den Triumph der freien Wahl über die Schicksalhaftigkeit des Ortes. Denken Sie an Währungen, die heutzutage per Mausklick von einem Kontinent zum anderen springen. Denken Sie an den Markt im Großen und Ganzen, nicht nur für Güter und Arbeit, sondern auch für politische Modelle, Ideen und Verhaltensweisen.

Letzten Endes ersetzt der "Staatsbürger als Unternehmer" den Geist der polis, besonders im Fall der Migranten, die von ihren Arbeitgebern vollkommen abhängig sind. Sie neigen dazu, die politischen Ansichten ihrer Chefs zu teilen, sich durch sie sozialisieren zu lassen und sich übermäßig zu identifizieren. Darüber hinaus gibt es das Phänomen des Staatsbürger-Unternehmertums aus der Ferne, das manchmal auch "virtuelle Immigration" genannt wird; Beispiele dafür sind der Inder, der sich einen Namen wie "Mike" zulegt und mit amerikanischem Akzent spricht, um in Bombay Kundenanrufe anzunehmen; oder ein Bulgare, der von einem kleinen Dorf auf dem Balkan aus als Softwareprogrammierer arbeitet und dessen Beziehung zu seinem Staat darauf beschränkt ist, dass er sich an die Verkehrsregeln hält. Der einzige Weg, diesem transnationalen Unternehmertum zu begegnen, liegt meines Erachtens in der Gründung transnationaler Zünfte, wie es sie einst in den Städten des Mittelalters gab. Hier könnten sich Mike aus Bombay und Mike aus San Francisco auf professionelle Solidaritätsstandards einigen, die über nationale und ethnische Grenzen hinaus von Gültigkeit sind.

Die Frage bleibt, ob sich jemals eine "Netzwerkdemokratie" herausbilden wird, in der verschiedene Gruppen in einer multidimensionalen Welt nach dem Vorbild der indischen Jatis nebeneinander leben, sich gegenseitig meiden, innerhalb der Gruppierung aber dennoch eine neue Art von Bürgertum aufrecht erhalten. Oder stehen wir möglicherweise vor dem Ende der Moderne, an dem persönliche Loyalität und Unterwerfung den Gemeinsinn ein für allemal verdrängen?

Dieser Text basiert auf einer Vorlesung, die der Autor in Zusammenarbeit mit der Kulturabteilung der Stadt Wien und der "Dokumentationsstelle für ost- und mitteleuropäische Literatur" im Dezember 2005 am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) hielt.

[1] Jean-François Gossiaux, Pouvoirs ethniques dans les Balkans, PUF 2002.

[2] Jeffrey C. Alexander, Possibilities of Justice: Civil Society and Its Contradictions (i. E.).

[3] Das Internet ist nicht bloß eine Technologie; sein reibungsloses Funktionieren wäre ohne politische Unterstützung, die Ausdruck eines globalen Konsens ist, undenkbar. China und Saudi-Arabien bilden in diesem Falle die berühmten Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

 

« zurück . 1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6

 
 

Weitere Artikel zu den Themen » Migration, » Integration, » Südosteuropa
Mehr aus der Presseschau zu den Themen » Migration, » Integration, » Südosteuropa


Weitere Inhalte