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Momentaufnahme aus dem Leben einer Nation

von Peter Rak


Eineinhalb Jahrzehnte nach Sloweniens Unabhängigkeitserklärung und drei
Jahre nach dem EU-Beitritt stagnieren das politische und das kulturelle
Leben im Land, schreibt Peter Rak. Ein gemäßigtes Nationalgefühl und
kollektive Selbstliebe sind vielleicht der einzige Weg nach vorn.


"Auf lange Sicht gesehen arbeitet die Zeit für die unterjochten Völker, die noch Kräfte und Illusionen sammeln und so in der Zukunft und in der Hoffnung leben; denn was steht in der Freiheit noch zu hoffen. Die Demokratie ist ein Mirakel, das nichts zu bieten hat, sie ist Paradies und Grab eines Volkes zugleich.

Ljubljana
Foto: stock.xchng


Das Leben hat keinen Sinn ohne sie, aber es fehlt ihr an Leben. Moderne Gesellschaften, demystifiziert, desakralisiert und einstiger theologischer und ideologischer Verrücktheiten beschnitten, sind heute zu stiller Dekadenz und Siechtum verurteilt." [1]

Sind wir Slowenen – nur ein gutes Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch des totalitären Regimes und der Errichtung unseres unabhängigen Staates –dem Zustand bereits nahe, den Émile Cioran beschreibt? Teilweise sicherlich. Die ohnehin karge Dosis aus Enthusiasmus, süßer umstürzlerischer Schwärmerei und Erwartung des Unbekannten beim Zerfall des totalitären Systems und der Erlangung der Freiheit sowie der Durchsetzung demokratischer Standards war rasch aufgebraucht. Was folgte, war die Rückkehr zu Überdruss und Weltschmerz, garniert mit hektischer Nervosität in seiner spezifischen slowenischen Form.

Im Unterschied zu zahlreichen anderen Völkern bedeutete die Erlangung eigener Staatlichkeit keine besondere Zäsur im geistigen Leben der Slowenen. Wir haben uns nicht den baltischen Staaten zugesellt mit ihrem neuen ökonomischen Vitalismus, nicht den Tschechen bei ihrem Versuch, zu einem geordneten mitteleuropäischen Kleinstaat Masaryk'schen Zuschnitts zurückzukehren, auch nicht den Kroaten in ihrer exklusiven nationalen Selbstgenügsamkeit, geschweige denn, dass wir der irrationalen Großmannssucht der Serben gefolgt wären – die Oberherrschaft hat die alte Formel der Politik der langsamen Schritte und der Vorsicht gewonnen, die vielleicht weise war, die aber Ciorans Formulierung gefährlich nahe kommt. Ohne echten Schwung und zumindest minimale Bereitschaft für radikalere Denk- und Handlungsformen und freien Meinungsaustausch, ohne sofortiges Etikettieren und Dämonisieren des Gegners, manifestiert sich dieser geistige Zustand in der abgehobenen Salon-Behandlung immer gleicher Themen, die von fundamentaler, ja schicksalhafter Bedeutung für die Zukunft der Nation zu sein vorgeben. In ihnen mangelt es zwar häufig nicht an Schärfe, Verunglimpfung und sogar offener Feindschaft, doch bleibt der Diskurs zumeist unfruchtbar und langweilig, Zynismus ohne Luzidität, Hohn ohne Geist und Spott ohne Satire, kurzum, leere soziologische Rhetorik, die auf der Ebene abstrakter Analysen und Überlegungen verharrt.

Ungeachtet dessen, dass wir in einer pazifizierten Epoche der Transition leben (zumindest aus dem Blickwinkel der stürmischen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und der eigenen turbulenten Vergangenheit), herrscht bei uns ein regelrechter Meinungspuritanismus, das Diktat eines zwar informellen, jedoch klar determinierten öffentlichen Diskurses, dessen gemeinsamer Nenner der so genannte Kampf gegen die Intoleranz ist. Die großen gesellschaftlichen, teils revolutionären Bestrebungen von einst wurden durch modisch-zyklische Modelle gesellschaftlicher Beziehungen ersetzt, wobei sich eines der Hauptgebote trotz zeitweilig gutartiger Spannungen gerade um den Begriff der Toleranz dreht. Bei der Untersuchung vermuteter Abweichungen von einer künstlich errichteten Toleranzgrenze kommt mitunter dramatisches Pathos zum Tragen, das allerdings trotz der beruhigten, fast biedermeierlichen Amplituden der Gesellschaftsdynamik gern den Unterton des Katastrophischen und Apokalyptischen annimmt. All das gehört natürlich in die heutige Welt virtueller gesellschaftlicher Interaktionen, die mit der realen Situation nicht viel zu tun haben und ein Bündel ewiger Themen bilden aus Globalisierung, Aids, Umverteilung des Reichtums, Diktatur und Demokratie, Gleichberechtigung der Frauen, der Religionen, der Rassen, religiöser Fundamentalismus, Nord-Süd-Gefälle, Dritte Welt, Umwelt, etc. Letztere dienen trotz der tatsächlich vorhandenen Probleme vor allem als Kulisse für unverbindliches akademisches Geplauder, denn echte Bereitschaft zur Tat ist nur wenig oder gar nicht vorhanden. Der so genannte Kampf gegen Intoleranz birgt aber paradoxerweise noch eine Falle in sich, nämlich die Haltung der Unbekümmertheit, die Politik des laissez faire. Zum Wesen eines solchen Normierens des öffentlichen Wortes und Definierens der Grenzen rhetorischer Akzeptanz gehört nämlich die Propagierung von Entfremdung und Apathie im Sinne von "ich bin tolerant, somit toleriere ich ‚Andersartigkeit' (solange sie nicht meine Interessen tangiert), doch interessiert mich das Mikrobild nicht, ich habe kein Interesse, mich auf die Dilemmata und Nöte der Menschen einzulassen, es reicht vollauf, wenn ich ‚tolerant' bin, wenngleich mit zusammengebissenen Zähnen".

Dahinter stehen vermutlich die bekannte slowenische Neigung zu Fatalismus beziehungsweise die Verweigerung des Mitspielens, jene eigentlichen, fundamentalen Treibriemen der parlamentarischen Demokratie und besten Puffer für gesellschaftliche Spannungen. Ideal ist natürlich das britische Beispiel, wo jede Polemik trotz scheinbar verbissenster Antagonismen im Grunde nur ein bravourös simuliertes Spiel zweier Gegner ist, die möglicherweise sogar von ihren Standpunkten überzeugt sind und sie mit größter Entschiedenheit vertreten, sich dabei aber bewusst sind, dass sie nur ein Teil der Vorstellung sind. Und das keineswegs im pejorativen Sinne, denn die Vorstellung ist hier kein leeres Spektakel, sondern das Wesen des gesellschaftlichen Aktivismus selbst. Bei uns ist die Sache auf den Kopf gestellt. Politische Gegnerschaften machen nicht nur den Eindruck einer todernsten Angelegenheit, sondern sind auch eine todernste Angelegenheit, Verzichten und Nachgeben gibt es nicht und darf es nicht geben, der Kampf muss vor allem aus Prestigegründen bis zum Ende geführt werden, auch wenn das sehr bitter ist. Am drastischsten wurde dieses Prinzip nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Errichtung des totalitären Regimes realisiert, ein solches System des staatlichen Funktionierens findet aber – natürlich mit anderen Mitteln – seine Fortsetzung auch heute, wo wir unablässig Zeugen irgendwelcher künstlich erzeugten Ausnahmesituationen sind. Außerdem ist es unangebracht, allzu viel Worte über die Bravourösität solcher politischen Duelle zu verlieren, denn die rhetorischen Fähigkeiten und der geistige Horizont unserer Akteure übersteigen zumeist nicht die Klischees, die ihre tiefen Wurzeln noch im vorangegangenen System haben.

Wir Slowenen verstehen in der Regel weder eine Distanz zu einem aktuellen Einzelereignis noch zu völlig banalen, oft sehr künstlich erzeugten Dilemmata herzustellen, geschweige denn, unseren Blick aus angemessener Distanz auf Vergangenheit oder Zukunft zu richten. Die Hauptursache ist wahrscheinlich die Verschlingung in reale oder erdachte Probleme des lokalen Milieus und die Unfähigkeit der Mehrheit, sich mit den neuen Verhältnissen beim Eingliedern in die europäischen Integrationsprozesse zu identifizieren. Dabei ist nicht der formale Beitritt zur EU von Bedeutung, sondern vor allem der Sprung des nur mit dem imaginären, illusionistischen Netz der so genannten Bewegung der Blockfreien verknüpften Jugoslawiens aus der Autarkie in die globale Welt zu einem Zeitpunkt, zu dem wir hinsichtlich unserer unmittelbaren Umgebung noch immer Opfer der ständigen Doktrin von der angeblichen Bedrohung durch feindliche Nachbarn waren. Damit lässt sich im Falle Sloweniens eine Analogie herstellen zum ehemaligen Westberlin als einer Enklave im feindlichen Gebiet, allerdings mit dem Unterschied, dass wir die klaustrophobische Isolation selbst gewählt hatten. Der Vergleich mag übertrieben sein, aber die Grundcharakteristika decken sich mit den schreienden Sinnlosigkeiten des Kalten Krieges – im Westen und Norden die Italiener und Österreicher als historisch reale und aktuell potentielle Hegemonen, im Süden die Kroaten, die sich nach dem letzten Balkankrieg zu einer lokalen Großmacht ausgerufen haben, als einziger Ausweg die Ungarn im Osten, zu denen auf Staatsebene allerdings nur die notwendigsten Kontakte gepflegt werden.

An einer derartigen "splendid isolation", die keinesfalls nur großen Nationen eigen ist und die uns teilweise durchaus geholfen hat, die nationale Substanz durch die Geschichte hindurch zu bewahren, wäre im Grunde nichts auszusetzen, wenn die Slowenen hinsichtlich ihres individuellen und kollektiven Selbstbewusstseins etwas bestimmter und überzeugter wären. Bei den Balkannachbarn finden wir in der Tat warnende Beispiele dafür, dass Isolation und eingebildetes Selbstbewusstsein, das vor allem auf irrationaler Mythomanie und nationaler Idolatrie beruht (und bei weitem nicht so elitär ist, wie das britische einst war), geradezu groteske Dimensionen annehmen können, doch steht Slowenien ohne die geringste Spur solcher Irrationalität im leeren Raum. In Reichweite und doch unerreichbar bleibt vorerst das Ideal der alten bürgerlichen, teils unter einer Schicht Edelschimmel verborgenen Demokratie; für uns verloren, zugleich nie wirklich realisiert, ist auch der elementare, wilde, ursprüngliche Geist des Balkans, mit dem wir zwar sieben Jahrzehnte hindurch formal verbunden waren, der uns aber nie so richtig unter die Haut gehen wollte.

Daher die krampfhafte, oft panische Suche nach Identität und breiterem geistigen Territorium. In der Geschichte haben wir unser Ideal lange Zeit auf den Panslawismus gegründet, und zwar vor allem auf die Integration der südslawischen Völker. Nach einer ziemlich bitteren Lektion haben wir uns wieder dem Nordwesten zugewandt und versucht, den Begriff Mitteleuropas als ein Gebiet mit einem spezifischen kulturellen und geistigen Klima wiederzubeleben, bis sich am Ende herausgestellt hat, dass Mitteleuropa (hier hatte Peter Handke zur Abwechslung einmal recht) tatsächlich nur ein meteorologischer Begriff ist. So blieb uns einzig das paneuropäische Programm, das aber selbst unter den alten Mitgliedern der EU in vielen Belangen ein amorphes, abstraktes Projekt bleibt, dessen Realisierung (oder Fiasko) erst künftige Generationen erleben werden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts alles auf die Politik und ihre beschränkte Reichweite zu setzen, ist natürlich nicht die einzige Option, allerdings zeigt sich auch hier das Gewicht der historischen Hypothek des vorangegangenen totalitären Regimes. Die totale Politisierung der Gesamtgesellschaft war nämlich eines seiner Grundpostulate, und ungeachtet der Veränderung beziehungsweise Erweiterung des politischen und ideologischen Spektrums nach der Erlangung der Unabhängigkeit bleibt die Politik der fundamentale spiritus movens, wenngleich ihre Allmachtsrolle nur eine fiktive und virtuelle ist.

[1] Emile Cioran

 

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Peter Rak
Peter Rak, geboren in Maribor, studierte Kunstgeschichte an der Universität
Laibach. Essayistische Arbeiten; seit 1996 Tätigkeit als Journalist,
Kolumnist und Kunstkritiker für Delo, Sloweniens größte Tageszeitung.
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Übersetzung
Klaus Detlef Olof

Original in Slowenisch

Erstveröffentlichung in Sodobnost 1-2/2006

© Peter Rak/Sodobnost

Eurozine

Veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Eurozine

 

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